So ist Fußball

A-Z Trainer Der HSV hat Michael Oenning gefeuert, Lothar Matthäus ist nicht mehr Nationaltrainer Bulgariens, Ralf Rangnick tritt bei Schalke 04 erschöpft zurück. Wo sitzt der Assi?

Assistenztrainer

Man müsste einmal eine Ästhetik des Assistenztrainers ­schreiben. Der Assistenztrainer ist das Loch in der Repräsentation: Über den Trainer lassen sich Geschichten erzählen (➝  Entlassung, ➝ Rücktritt), die von Bildern transportiert werden, der Assistenztrainer ist ein blinder Fleck. Der Trainer trägt Anzug, und die Kameras sind auf ihn gerichtet. Der Assistenztrainer trägt Trainingsanzug und sitzt zufällig mit im Bild. Man kann ihn Seppo Eichkorn nennen, denn eigentlich ist der Assistenztrainer namenlos und austauschbar. Seppo Eichkorn hat neben zahllosen Trainern gesessen, länger neben Felix Magath, zuletzt neben Ralf Rangnick. Nach dessen Rücktritt saß er dann neben sich: auf dem Trainerplatz. Nicht lange, Seppo Eichkorn war nur das Gesicht der Lücke, die Rangnick vorerst ersetzt. Matthias Dell


Wer steigt noch schneller auf und ab als Fahrstuhlmannschaften wie Arminia Bielefeld und der 1. FC Nürnberg? Trainer in der öffentlichen Meinung. Stale Solbakken, der neue Trainer des 1. FC Köln, ist kürzlich vom Entlassungskandidaten zum neuen Supertrainer aufgestiegen, den mehrere Vereine, etwa der HSV (➝Entlassung), gerne hätten: Nach mehreren erfolglosen Spielen hat seine Mannschaft Bayer Leverkusen und Hoffenheim an die Wand gespielt – und danach sprach keiner mehr davon, dass nach drei Spieltagen in der Sportschau schon nach Solbakkens Kündigung gefragt wurde. Ebenso schnell kann man auch vom Unantastbaren zur Fehlbesetzung absteigen: Silvia Neid, DFB-Frauentrainerin, wurde vor der WM 2011 so gefeiert wie hinterher kritisiert. Oder Jürgen Klinsmann: Wurde 2006 noch auf Knien gebeten, nicht als DFB-Teamchef zurückzutreten. Bei Bayern München stieg er dann flottestmöglich ab zum Kandidaten für ➝ Vagabundismus. Klaus Raab

Bundestrainer

Er ist der Fußballkanzler, neben seinem politischen Pendant die wohl meistdiskutierte/-beschimpfte/ -verehrte Person im Land. Schon der Begriff an sich deutet auf seine Richtlinienkompetenz hin. Der kommt er aber nicht immer nach. Erich Ribbeck etwa, von 1998 bis 2000 im Amt, reinstallierte 2000 den damals 39-jährigen Lothar Matthäus als Libero und schied mit dem Team in der EM-Vorrunde aus. An Ribbecks reaktionärer Marschroute zeigt sich auch, dass Bundestrainer und -kanzler selten Hand in Hand gehen: 1998 herrschte durch die rot-grüne Regierung eine Aufbruchsstimmung. Heute ist es umgekehrt. Das Berliner Regieren beschränkt sich auf Ergebnisverwaltung und Schadensbegrenzung, während der Fußball vor Spielfreude strotzt. Jogi Löw ist der Willy Brandt des runden Leders. Er muss nur noch an seiner Stimme arbeiten. Mark Stöhr

Ede

Eduard Geyer ist Kult. Die eigene Mannschaft hat er nie geschont: „Ich kann doch nicht schon jetzt die Aufstellung vom nächsten Wochenende sagen. Der eine kriegt eine Grippe, beim anderen kriegt die Oma einen Zahn.“ Geyer steht für hart erarbeiteten Erfolg mit Cottbus. „Die Bundesliga wollte mich nicht, also musste ich in die Bundesliga kommen.“ Seit 2008 ist er aber ohne Vertrag. Wird der Typ ‚Harter Hund’ wirklich ausgemustert? Bricht mit den Klopps und Tuchels eine neue Ära an? Nein. Jede Mannschaft hat Zyklen, und einer echten Krise ist mit Systemfußball nicht beizukommen. Da helfen nur harte Hunde. Ulrike Bewer

Entlassung

Es gibt Situationen, da muss ein Verein „die Reißleine ziehen“, meistens bei anhaltendem Misserfolg. Dann „steht das Wohl des Vereins über dem von Einzelpersonen“. Wer in solchen Fällen hofft, die Vereinsführung würde sich von Spielern trennen, meist verzogenen Muttersöhnchen ohne einen Funken Verantwortungsgefühl, sieht sich enttäuscht.

Es trifft immer den Trainer. Der wird in der Regel vor dem Vormittagstraining ins Büro des Vorstandes zitiert und mit seinen Papieren konfrontiert. Danach steigt er in seinen Audi oder Mercedes oder BMW und verlässt das Vereinsgelände. Am Ausgang erwartet ihn immer eine Schar von Fotografen, die noch vor ihm von seiner Entlassung erfahren hat. Die Mimik des Gefeuerten ist immer gleich: ein um Fassung bemühtes Lächeln. Es soll sagen: So ist das Geschäft, das weiß jeder. Die Sorge, der nun Ex-Trainer würde sein Fahrzeug trotzdem schnurstracks in die Elbe oder Leine oder Isar steuern, ist unbegründet. Die vereinbarte Abfindung ist einfach zu hoch. MS

Erfolgscoach

Ach, was heißt das schon: Erfolg? Felix Magath hatte ihn (Meister mit Wolfsburg), Louis van Gaal (Champions-League-Finale mit Bayern München), Jürgen Klopp (Meister mit Dortmund), Jupp Heynckes auch (trägt kurzärmlige Hemden). Aber was ist das alles gegen das Erfolgsmodell Werder Bremen – mit zwei Trainern in ungefähr 400 Jahren? raa

Finke

Wenn man den Beruf wechselt, sollte man dies mit aller Konsequenz tun – nicht nur ein bisschen. Volker Finke war 16 Jahre lang Trainer beim SC Freiburg und ist damit unangefochtener Rekordhalter im deutschen Profifußball, da können sogar Bremer Übungsleiter nicht mithalten (➝ Erfolgscoach). Nun ist er Sportdirektor beim 1. FC Köln und steht ständig unter Verdacht, sich selbst eigentlich doch für den besseren Mann auf der Bank zu halten. Ein Verdacht, den er oft nur sehr halbherzig dementiert. Jan Pfaff

Messias

Niederländische Trainer eignen sich in Deutschland besonders als überhöhbare Figuren. Das Bild vom Zauberfußball, den das niederländische Team 1974 und 1988 bei den WM- und EM-Turnieren in Deutschland spielte, steckt noch in den Köpfen. Beim HSV galt kürzlich folgerichtig Marco van Basten als Trainerkandidat in höchster Not. Messianischer ist wohl nur ➝ Mourinho. raa

Mourinho

„Direkt hinter Gott: ICH“, das ließ José Mourinho 2004 verlauten, da hatte der Portugiese mit dem FC Porto gerade die Champions-League gewonnen. Er wurde dann mit Chelsea Meister und schaffte mit Inter Mailand das europäische Triple. Wer sonst sollte die strauchelnden Königlichen von Real Madrid noch vor dem FC Barcelona retten können? Aber dann, trotz Ronaldo, trotz Özil, wurde Real immer torloser. Verschwörung, flegelte Mourinho. Der Gegner, der Schiri, Unicef (Sponsor der Barcelona-Trikots) – alle waren schuld, inklusive die eigenen Spieler. Spanische Journalisten spekulierten bald, ob die absichtlich so schlecht kicken, weil sie Mourinho loswerden wollen. Maxi Leinkauf

Philosophie

„Mit einem ballistischen Objekt ein Jagdgut zu treffen, das mit allen Mitteln versucht, sich zu schützen“, so umreißt Philosoph Peter Sloterdijk das Wesen des Fußballs. Der Ballsport ist instinktgesteuert, der Logos fungiert höchstens als Libero. Fußball und Philosophie passen, auch wenn oft von einer Spielphilosophie die Rede ist, nicht zusammen. Die analytische Übung, in der das Denken sich selbst befragt, und die chaotische Beinarbeit scheinen unvereinbar.

Aber die Ausnahme bestätigt die Regel: Dragoslav Stepanović brachte als Eintracht-Frankfurt-Trainer die Verbindung von Erkenntnis und Interesse auf den Rasen: „Seitdem die Spieler wissen, dass man bei schlechten Laktatwerten müde sein muss, sind sie auch müde.“ Nicht zufällig ist er von einer walrossmäßigen Anmutung – wie Sloterdijk. Und er weiß: Im „Lebbe“ wie „im Fußball gibt es kein ‚verdient oder nicht verdient‘“. Tobias Prüwer

Raith

„Für einen Mann, der nach einem harten Arbeitstag ins Training kommt, ist es vielleicht doch besser, sich nicht mit einer Frau auseinandersetzen zu müssen.“ Nein, eine Trainerin war den Männern des TSV Eching nicht zuzumuten. Dann hätten sie ja vom Libero auf die Viererkette umstellen müssen; das war Sissy Raiths Plan. Zehn Monate trainierte die frühere Nationalspielerin 2009 die Männer ihres Heimatvereins und führte sie in die sechste, die Landesliga. Höher hat noch keine Frau im Männerfußball gecoacht. Weil sie aber moderne Fußballauffassungen hat, gab es Knatsch. Folge: ➝ Entlassung und obiges Zitat des Vorsitzenden. Sie ist nun in einem innovationsfreudigeren Umfeld tätig: als Frauentrainerin Aserbaidschans. Sebastian Puschner


Als dieser Tage Ralf Rangnick als Trainer von Schalke 04 zurücktrat, war von einem „vegetativen Erschöpfungssyndrom“ die Rede, von „Burnout“. Um zu ahnen, wie hoch die Belastung ist, die auf einem Bundesligatrainer lastet, muss man nur mal aus der Bezirksoberliga abgestiegen sein; der Weg vom ➝ Messias zum Stadtdepp ist selbst da kurz. Dass Rangnick nicht der einzige Erschöpfte im Betrieb ist, ist daher wahrscheinlich. Dass er aber nicht mit „kranker Mutter“ oder „erreiche die Spieler nicht mehr“ seinen Rücktritt verkündet, das ist neu. Und zeitgemäß. Das Piratenparteiphänomen: Ehrliche Kommunikation kommt besser an als der starke Mann. raa

Vagabundismus

Es gibt Trainer, die gehen nach Aserbaidschan (➝ Raith, Berti Vogts), nach Togo (Otto Pfister), in den Irak (Bernd Stange), nach Ungarn (Lothar Matthäus) oder einfach überallhin, von den Bermudas bis nach Samoa (Rudi Gutendorf) – irgendwohin, wo ein deutscher Trainer qua Nationalität als messianische Figur gilt. Auffällig ist aber, dass praktisch keiner, den es zu einem sogenannten Fußballzwerg zieht, wieder in der Bundesliga tätig wird. Schlecht für Lothar Matthäus (➝ Vorbild). raa

Vorbild

Früher war die Coachingzone im Stadion ein Raucherbereich. Vom absehbaren Ableben gezeichnete Gestalten wie Ernst Happel husteten dort Kommandos ins Feld. Manchmal waren sie auch betrunken. Branco Zebec soll als HSV-Coach mal während eines Spiels über drei Promille Alkohol im Blut gehabt haben. So ein Trainer-Typus wäre heute undenkbar. Nichts soll im Professionellen von privater Zügellosigkeit künden.

Von diesem Verdikt ist auch einer wie Lothar Matthäus betroffen. Er strotzt nur so vor Gesundheit, viele behaupten: ein bisschen zu sehr. Er kam als Trainer kaum mal über den Balkan hinaus, weil er auf dem Boulevard zu Hause ist. Seine privaten Trennungen machen mehr Schlagzeilen als seine beruflichen Entlassungen. Ein Trainer allerdings muss Vorbild sein heute, schon weil er sonst nicht Werbeträger sein kann. Die taz fand jüngst eine treffende Klassifizierung für den 50-Jährigen: „Idealtypus der Witzfigur”. MS

Zahlen

Früher war alles besser. Zumindest für Bundesliga-Trainer: Gerade mal vier Trainerwechsel gab es in der Premierensaison 1963/64. Bis 1990 blieb die Zahl der Entlassungen pro Saison einstellig, mit einer Ausnahme (1979/80: zehn). Ab 1990 wurden die Arbeitsverhältnisse auch im Fußballtrainer-Geschäft unsicherer: 13 Mal trennten sich Verein und Coach in der Saison 91/92 vor Vertragsende, nur übertroffen von der Saison 2003/04 mit 14 frühzeitigen Abschieden.

Die vergangene Saison liegt im Trend (12). Unüblich ruhig war es 1999/2000: Neben Frankfurt und Dortmund feuerte nur Duisburg den Trainer: Auf Friedhelm Funkel folgte dort Seppo Eichkorn (➝ Assistenztrainer), gestern wie heute der König der Interims-Lösungen. sepu

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10:00 01.10.2011
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Ausgabe 41/2021

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