Star Wars und Schmorbraten

50 Jahre Raumfahrt Am 12. April 1961 flog erstmals ein Mensch ins Weltall: Juri Gagarin. Ihm folgten Vyoma- und Taikonauten, Bärtierchen und ein Playboy-Kalender. Ein A–Z

Aliens


Bei der Vorstellung von Außerirdischen orientieren sich Filmdesigner meist an ihren Alpträumen. Aliens sehen aus wie Muränen mit Kamelkopf wie im Klassiker Alien oder wie Tasmanische Teufel mit Dreadlocks wie in Predator und sind meist skrupellose Killer. Demnächst kommt mit World Invasion wieder mal ein Film, in dem eine Armada aus dem All Tod und Vernichtung bringt. Dabei kann das keiner so gut wie die Menschen selbst. District 9 von 2009 ist einer der intelligenteren Alien-Filme. Er dreht den Spieß um: Millionen von insektenähnlichen Außerirdischen landen in ­Johannesburg und werden in riesige Ghettos gesperrt. Sollte es noch andere Bewohner im Universum geben, sehen die Mons­ter in ihren Alpträumen wahrscheinlich aus wie wir. Mark Stöhr

Angkasawan

Astronaut nennt man sie im Westen, der Ostblock schwor sich auf Kosmonaut ein. Und auch wenn der Astronaut, also der „Sternfahrer“, dem Namen nach ein bisschen in die Irre führt, hat er doch das Rennen gegen den russischen „Weltraumfahrer“ im ➝ Kalten Krieg der Systeme gemacht. Zu erwähnen wären darüber hinaus der französische Spationaut, der chinesische Taikonaut, der indische Vyomanaut. Und zwei malaiische Weltraumnautiker dürfen sich über die hübsche Bezeichnung Angkasawan freuen. Tobias Prüwer

Bleiben oder gehen?

In jedem Ökologen stecke ein Raumfahrtskeptiker, schrieb ein US-Amerikaner (Donald Fleming) kurz nach der ersten ➝Mondlandung. Auf Lewis Mumford, Autor des ökologischen Pionierwerks Myth of the Machine, traf das zu: Das Raumschiff zeige mehr noch als die Atombombe die Prinzipien der "Megamaschine", zu der die Gesellschaft geworden sei. Denn es "hat den größten Bedarf an Energie, erfordert die kompli­zierteste Planung und ist am kostspieligsten in Herstellung und Betrieb – und auch am zwecklosesten in Bezug auf greif­bare, nützliche menschliche Resultate".

Ganz anders freilich urteilt Nasa-Planungschef von Puttkamer. Ihm zufolge besteht "die Ökologie des 21. Jahrhunderts" gerade darin, dass wir den Weltraum nicht mehr "ignorieren". Für ihn ist die Erde "feindliche Umwelt", scheint sie doch "nicht für eine Rasse von Wesen geeignet zu sein [...], die so dynamisch wächst wie der Mensch – mit der Industrie, mit den Abfällen (➝Müllabfuhr), mit seinem Energieverbrauch". Michael Jäger

Gagarin

Sein Vater war Zimmermann, als Held wurde er gefeiert und starb früh. Jesus (➝Gott im Himmel)? Juri Gagarin! Als Gagarin am 12. April 1961 in der Raumkapsel Wostok seinen eineinhalbstündigen Weltraumflug einmal um die Erde absolvierte, war er der erste Mensch im Weltraum. Damit schockte er den Westblock und demonstrierte im ➝Kalten Krieg Überlegenheit. Ungeklärt sind die Umstände seines späteren tödlichen Absturzes, als der Luftwaffenpilot im März 1968 mit einer MIG verunglückte.

Für seinen historischen Ausflug ins All wurde Gagarin zum "Held der Sowjetunion" ernannt, bekam den Lenin-Orden und ein Denkmal in Moskau (➝Hain der Kosmonauten). Nach ihm wurde etwa der Ring in Erfurt benannt, und auch das Städtchen Gzatsk, in dem die Familie des Überfliegers lebte, wurde in Gagarin umbenannt. Ein Mondkrater, ebenso wie eine Luftstreitkräfte-Akademie bei Moskau und ein russisches Kosmonauten­ausbildungszentrum heißen nach Gagarin. Einige ostdeutsche Schulen verpflichteten sich ihm zu Ehren zum polytechnischen Unterricht. Und eine deutsche, dem Wodka zugetane Elektro-Punk-Band, die sich im Einsatz für „Geselligkeit und Freude in den dunklen Löchern dieses Landes“ und im "Kampf gegen die Schwerkraft" übte, trug ebenfalls Gagarins Namen. TP

Gott im Himmel

Berühmt ist ➝Gagarins Wort, er habe im Himmel keinen Gott gefunden. Vielleicht hat er sich den Satz so wenig allein ausgedacht wie auf US-amerikanischer Seite der Astronaut Armstrong den Satz vom "kleinen Schritt für mich, der ein großer Schritt für die Menschheit war".

Von Gott im Himmel waren indessen beide Seiten besessen. Die US-Astronauten, die Weihnachten 1968 mit Apollo 8 den Mond umkreisten, lasen sich aus der Bibel vor, das war ihre Antwort auf Gagarin. Wie da die Erde über dem Mondhorizont aufging – dazu schien die Schöpfungsgeschichte zu passen. Als säße Gott im Orionnebel und hätte von dort aus die Erdproduktion in Gang gesetzt.

In der Bibel ist der Himmel freilich nur eine Metapher. Unter den Evangelisten des Neuen Testaments ist Matthäus der einzige, der von ihm spricht, weil er als besonders gesetzestreuer Jude den Namen Gottes nicht in den Mund nehmen mag. Er tut es an den Stellen, wo bei den anderen Evangelisten vom durchaus irdisch konnotierten "Reich Gottes" die Rede ist. Diese überliefern von Jesus das Wort, das Reich Gottes sei "mitten unter uns". MJ

Hain der Kosmonauten

Im sozialistischen Lager bekam die Raumfahrt geradezu religiöse Züge. Gagarins Flugtag wurde nicht nur zum "Tag der Kosmonauten" erklärt. Auch ein "Hain der Kosmonauten" wurde in jeder östlichen Hauptstadt gepflanzt. Für die Kosmonauten nach ➝Gagarin wurde es zum Ritual, nach der Rückkehr auf die Erde Blumen an dessen Grab niederzulegen. Ulrich Giersch, der diese und andere Devotionalien zusammengetragen hat (im Ausstellungskatalog Schwerelos, 1992), behauptet sogar, "bis heute" (also 1992) halte sich in Russland der Glaube, dass Gagarin "noch in seinem roten Bordanzug lebend die Erde umkreise". Sowjetische Autoren (Rebrow und Schatalow) erklärten, dass Kosmonauten "auch nach dem Flug so [bleiben], wie sie davor waren". Und was waren sie während des Flugs? Giersch fühlt sich an die Pharaonen erinnert: In den Propaganda-Bildern hätten sie "längst den Status von Toten erhalten, die hinter ihren Helmen geheimnisvoll lächelten". MJ

Kalter Krieg

Mein Autogramm Sigmund Jähns, des ersten Deutschen im All, war mir als Kind, wie ich zugeben muss, doch etwas weniger wert, als ich herausfand, dass er nur aus der DDR kam. Immer waren die schneller! Grr (➝Gagarin)! Der Maßstab war der olympische Medaillenspiegel. Immerhin kann ich sagen, dass ich früh Interesse an der Weltlage zeigte. Klaus Raab

Kunstraum

"Space is the place", so die Free-Jazz-Legende Sun Ra: Nicht nur die Wissenschaft schaut nach oben. Auch für die Kunst war und ist das All immer ein Thema. Der US-Amerikaner Robert Rauschenberg etwa war Raumfahrt-Fan und durfte dank seiner Prominenz bei Raketenstarts dabei sein. Für seine Lithografie-Serie Stoned Moon, 1969 veröffentlicht, stellte ihm die NASA exklusives Material der Apollo-11-Mission zur Verfügung. Maler Andrei Sokolov war eng befreundet mit dem Kosmonauten Alexei Leonow, der 1965 als erster Mensch frei im Weltraum schwebte, und machte diese Freundschaft für seine Kunst nutzbar. Und Andy Warhol widmete 1987 die letzte Arbeit seines Lebens, Moonwalk, der ➝Mondlandung. Die Werke von rund 50 Künstlern (nicht zu verwechseln mit ➝Schmorbraten ) zeigt bis zum 15. August die Kunsthalle Wien in ihrer Ausstellung "Weltraum – Die Kunst und ein Traum". MS

Laika

Noch bevor der Mensch selbst winzige Schritte in den Weltraum setze, schickte er Tiere hinauf. Der kosmische Zoo diente der Forschung, und noch heute werden zu diesem Zweck Tiere ins All mitgenommen. Den Anfang machte die Hündin Laika im November 1957 als erstes von Menschenhand in den Kosmos entlassenes Lebewesen. Den Stress in der Sputnik 2 überlebte sie nur wenige Stunden. Ihre Mission soll aber Erkenntnisse für ➝Gagarins Erstflug beigesteuert haben. Während sich die westliche Welt über die Space-Dog-Delegation empörte, machten sich die USA daran, einen Primatenpiloten (siehe auch ➝Match Cut) zu trainieren. Der Schimpanse Ham wurde im Januar 1961 ins All geschossen – und überlebte. Mit Südfrüchten belohnt, verbrachte er seinen Lebensabend im Washingtoner Zoo.

Als Besatzungen ersetzen Tiere den Menschen heute nicht mehr, für allerlei Experimente im All werden sie aber noch als nützlich erachtet. So verblüfften die Überlebenskünstler namens Bärtierchen vor einigen Jahren die Forscher: Den Vielzellern konnte selbst der ungeschützte Weltraumflug kein Haar krümmen. TP

Match Cut

Er gilt als berühmtester Schnitt der Filmgeschichte. In 2001: Odyssee im Weltraum verbindet Stanley Kubrick Urmenschen und Weltraumfahrer mit einem Match Cut. Dabei wird die Bewegung eines Objekts im nächsten Bild von einem anderen Objekt fortgesetzt. Bei Kubrick sehen wir einen Primaten (siehe auch ➝Laika) , der einen Knochen hochwirft, den er zuvor erstmals als Werkzeug und Waffe benutzt hat. Der Knochen fliegt und fliegt – genauso wie das Raumschiff, auf das Kubrick schneidet. Knapper wurde Menschheitsgeschichte nie zusammengerafft. Jan Pfaff

Mondlandung

Es war die erste Live-Übertragung im Fernsehen. In den Schulen versuchten Lehrer, uns Jüngeren das Problem der Schwerkraft näher zu bringen, und wir tauschten Witze über die Toilettengänge der Astronauten (➝Angkasawan) aus. Für uns Kinder war die entscheidende Frage, ob man das Event mitverfolgen durfte, denn die "heiße" Phase sollte für Mitteleuropäer in der Nacht auf den 21. Juli 1969 stattfinden. Um 20 Uhr war Bettgehzeit, an die Botschaft "The Eagle has landed" erinnere ich mich noch. Die eigentliche Sensation – der Augenblick, als Neil Armstrong um 03.56.20 Uhr MEZ als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond setzte – blieb mir verwehrt. Auch am Tag darauf, als die höheren Klassen das Spektakel in der Schule noch einmal verfolgen durften. Vielleicht ist deshalb aus mir und der Physik nie was Rechtes geworden. Ulrike Baureithel

Müllabfuhr

Jedes Jahr bringen Raketen Dutzende von Satelliten in die Umlaufbahnen. Allein für Navigationssysteme sind in den kommenden Jahren 100 neue geplant. Viel Verkehr da oben – und der wird zunehmend gefährdet durch herumfliegende Schrottteile. Die stammen am häufigsten von nicht mehr gebrauchten Satelliten. Wie jenem des russischen Militärs, der 2009 mit einem intakten Kommunikationssatelliten zusammenknallte und ihn zerstörte. Ein Nasa-Forscher (siehe auch ➝Bleiben oder gehen?) will dem Weltraummüll nun mit einem Laser zu Leibe rücken. Dessen Strahl soll die Trümmerteile so verlangsamen, dass sie in die Erdatmosphäre absinken und verglühen. Zehn Stück pro Tag will er schaffen. Ein ehrgeiziges Vorhaben – bei geschätzten 15.000 Teilen. MS

Schmorbraten

Es soll ja Menschen geben, die ein Leben lang vergeblich von einer Weltraum-Reise träumen. Ersatzweise kann man nun ein Souvenir erwerben, das die Strecke schon hinter sich hat. Das US-Auktionshaus R. R. Auction versteigert bis zum 13. April unzählige Relikte der Raumfahrt: Flaggen, Urkunden oder einen heimlich transportierten Playboy-Kalender – bei 100 Dollar geht’s los. Das skurrilste Exponat ist wohl ein gefriergetrockneter Schmorbraten, der im Rahmen der Apollo-Mission zum Mond reiste und dann von der Besatzung verschmäht wurde. Ob es an der unappetitlichen Optik lag? Der wahre Grund wird wohl ein Geheimnis bleiben. Sophia Hoffmann

Star Wars

Als 1977 der erste Star Wars-Film erschien, prägten er und die zwei folgenden eine Generation. Wichtiger Teil des Märchenkosmos waren Raumschiffe wie Han Solos Millennium Falke, mit dem man mit Lichtgeschwindigkeit reisen konnte. Als die Jungs vor den Videogeräten lernten, dass Reisen mit Lichtgeschwindigkeit in näherer Zukunft nicht möglich sein würden, änderten viele ihre Pläne. Statt Astronaut (➝Angkasawan) zu werden, machten sie halt irgendwas mit Medien. jap

Zweiteiler

Der Mond hat zwei Seiten und scheint damit der lunaren Literatur die Taktzahl vorzugeben: Jules Vernes fantastische Vorwegnahme von Apollo 11 kommt als Zweiteiler – Von der Erde zum Mond (1865) und Reise um den Mond (1870) – daher.

Ist es bei Verne noch ein kolossales Kanonenrohr, das die Raumfahrkapsel wie ein Geschoss ins All befördert, so bedient sich Comiczeichner Hergé in seiner – ebenfalls zweiteiligen – Geschichte mit Tim Struppi bereits einer Rakete. Reiseziel Mond (1952) und Schritte auf dem Mond (1954) heißen die beiden Teile. Recht detailgetreu ist dabei seine Astronautengeschichte, die nur wenige Jahre vor Juri ➝Gagarins ganz und gar nicht fiktivem Flug erschien. Warum Hergé seine Helden ausgerechnet in eine rote Rakete setzte (➝Kalter Krieg), ist nicht überliefert. TP

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13:00 07.04.2011
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Ausgabe 38/2021

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