Veronica!

A-Z Der Lenz ist da: Die Tage werden länger, die zwischenmenschliche Temperatur steigt. Oder gibt es gar keine Frühlingsgefühle? Fragen wie diese klärt unser A–Z Frühling

Absätze


Das hat der Frühling nicht verdient, selbst wenn er sich am Ende als verregnet erweisen sollte: Dass man auf ihn hinabschaut und ihm mit der Distanz eines Turmspringers begegnet. Und doch soll es so kommen – prognostizieren jedenfalls Leute, die zu wissen glauben, welcher Frauenschuh die Freiluftsaison eröffnet. Denn der ist hoch, sehr hoch.

Wie gemeingefährliche Mäuse aus dem Genlabor scheint dieser Schuh aus der gemeinen und gefährlichen Welt der Fashion Weeks ausgebrochen zu sein. Sein Name: „Sky Heels“. Bis zu 22 Zentimeter hoch sind die Absätze der Treter – was sie eher unelegant macht. Fetischfantasien kommen einem in den Sinn oder Kindheitserinnerungen an Stelzen-Wettrennen. Schon warnen Ärzte vor Bänderrissen und Knochenbrüchen. Empfohlen werden vor dem Gebrauch ausführliche Dehn- und Aufwärmübungen! Die Sky Heels könnten also auch ein rechter Bauchklatscher werden. Vielleicht sind sie aber auch die richtigen Schuhe für eine Welt, in der die Meere über die Deiche drängen. Mark Stöhr

Fahrradreparatur

Man erkennt die Einkehr des Frühlings nicht daran, dass alle putzen. Putzt wirklich irgendjemand, nur weil Frühling ist? Eigentlich erkennt man die Einkehr des Frühlings an den Mitteilungen, die in den Schaufenstern von Fahrradläden hängen: „Eine Woche Wartezeit bei Reparaturen“ steht da, zum Beispiel. Das ist die Tragik des Fahrradreparateurs: Er lebt vom Reparieren. Nie hat er mehr zu tun als im Frühling. Aber im Frühling schafft er’s grad nicht.

Manche Fahrradwerkstatt hat freilich auch keinen Zettel an die Tür gehängt, dann heißt es: nichts wie rein und fragen: „Guten Tag, können Sie mein Fahrrad wiederherstellen? – „Wann können Sie’s bringen?“, fragt der Blaumann. Antwort: „Äh, ich hab’s dabei. Geht’s gleich?“ Blaumann: ha ha ho ho. Das ist das Schöne am Frühling: Er macht gute Laune. Klaus Raab

Frühaufsteher


Der Sound des Frühlings ist der Gesang der Vögel. In aller Herrgottsfrühe legen sie los, um Partner für die Paarung zu finden oder ihr Revier abzustecken. Am zeitigsten ist der Rotschwanz dran, schon vor Sonnenaufgang. Der Rotschwanz wurde vom Naturschutzbund zum „Vogel des Jahres“ ernannt. Das ist eine zweifelhafte Ehre, denn die Nominierung besagt erst einmal, dass es nicht besonders gut um dieses Tier steht. Das hat mehrere Gründe. In seinen afrikanischen Überwinterungsquartieren breitet sich die Sahelzone immer weiter aus. Und hierzulande wartet ein Feind, den man nicht unbedingt auf dem Zettel hat: die gemeine Hauskatze. Naturschützern zufolge setzen die Outdoor-Exemplare des populärsten deutschen Haustiers dem Rotschwanz und den anderen Singvögeln schwer zu. Das Ökosystem ist mancherorts aus den Fugen geraten. Vor allem die im Frühling geborenen Nachkommen erleben oft den Sommer nicht. Und das, weil ein paar Millionen Fertigfutterfresser Langeweile haben. MS

Gefühle


Frühlingsgefühle – gibt es die? Von einschlägigen Forschern wird das je nach Jahreszeit und Interessenlage bejaht oder verneint. Für ein Ja spricht, dass es im Deutschen wirklich „Gefühle“ heißt, und wer fühlt, irrt nicht. Dafür braucht man keine Wissenschaft. Anders der Brite. Der spricht vom spring fever, Frühlingsfieber, was dem Phänomen eine andere Note gibt: Erstens klingt das nicht so schön, zweitens hat es was Pathologisches. Und wenn man recht überlegt, fällt einem zum Frühling gleich nach den schönen Gefühlen die malaise-artige Müdigkeit ein, die manch amouröse Ambition im Keim erstickt. Schläfrig oder emotional? Was meint der Neurophysiologe? Der gähnt und sagt: Die stärkere UV-Strahlung reduziert auch die Produktion des Müdigkeitshormons Melatonin (die im Winter wegen der reduzierten UV-Strahlung raufgefahren wurde), daher wird man im Frühjahr zunehmend aktiv. Es dauert aber, bis das Zwischenhirn auf die Bremse tritt und der Aktionsradius sich den Gefühlen anpasst. In Nordeuropa werden besonders viele Kinder erst im Juni gezeugt. Kathrin Zinkant

Heuschnupfen


Nieser und Schniefer aller Bundesländer vereinigt euch! Schätzungsweise 22 Millionen Menschen hierzulande brennen die Augen und läuft die Nase, sobald draußen die Pollen fliegen – wie gerade die ersten der Frühblüher Haselnuss und Erle. Weil es zu sauber ist in unseren Büros und Wohnungen, weil es zu wenige Infektionskrankheiten gibt, um unser Immunsystem auszulasten. Aus Langeweile macht es zu Erzfeinden, was bestenfalls kleine Störenfriede sind: Hausmilben etwa oder Pollen. Der Heuschnupfen ist eine prototypische Zivilisationskrankheit. Wo die hygienischen und medizinischen Standards unter denen der Wohlstandsgesellschaften liegen, ist er quasi unbekannt. Doch mit globaler Vernetzung und Klimaerwärmung zieht er immer größere Kreise. Das Glaskraut etwa wandert von Italien aus jährlich weiter nach Norden, die hochallergene Ambrosia, vielleicht der größte Heuschnupfen-Hit aller Zeiten, wurde aus Nordamerika nach Europa eingeschleppt.

Pollenexperten sagen für 2011 regen Flugverkehr voraus. Eben wegen jener Ambrosia, die weiter streut wie verrückt, aber auch wegen eines hohen Birkenpollenaufkommens. Wohl denen, die sich rechtzeitig einer Immuntherapie unterziehen oder sich mit Antihistaminika eindecken. Für die anderen findet das Frühjahrskonzert nur im Fernseher statt. MS

Lenz, Jakob Michael Reinhold

Wenn einer so heißt, dass man bei seinem Namen sofort den Frühling assoziiert, müsste sein Leben eigentlich glücklich verlaufen. Denkt man. Bei J. M. R. Lenz war das anders. Er zählt zu den großen Unglücklichen der deutschen Literatur. 1751 östlich von Riga geboren, schrieb er in den 1770er Jahren Sturm-und-Drang-Dramen, die jenen von Schiller nicht nachstanden beim Anrennen gegen die herrschenden Verhältnisse. An diesen litt auch Lenz. Sein Aufenthalt am Weimarer Hof endete nach einer „Eseley“ (Goethe) abrupt. Der weitere Werdegang klingt wie der seiner gebrochenen Figuren: Er wurde schizophren und starb mittellos in Moskau. Jan Pfaff

Märzenbecher

Kaum ist der Schnee weg, werfen sich Märzenbecher, Krokus und Schuppenwurz in Schale. Die Tage brauchen nur wenig wärmer zu sein, schon eröffnen Frühblüher die Laufstege der Blütenmode. Weil sie über eine Art Frostschutzmittel verfügen, blühen sie, wenn andere noch bibbern. Der Märzenbecher sucht im bunten Wettstreit dabei mit weißer Glockenhaube einen Distinktionsgewinn zu verbuchen. Tobias Prüwer

Primavera

Das Primavera-Sound-Festival, das Ende Mai in Barcelona stattfindet, trägt den Frühling im Namen und das mit Recht, bildet es doch international den Auftakt für anspruchsvolle Sommerfestivals. Auf einem Areal am Meer kann man Newcomer neben großen Helden bewundern. Der Aufenthalt verlangt kein Auf-dem-Boden-Schlafen. Man mietet sich in einem Hotel ein und verbringt die Tage kulturschnuppernd im Altstadtkern oder am Strand. Und die Band Pulp tritt auch endlich wieder auf. Sophia Hoffmann

Quattro Stagioni

Die Pizza Vier Jahreszeiten heißt nicht zufällig so, auch wenn mancher Pizzabäcker alles draufklatscht, was er zufällig parat hat. Ursprünglich wurde die Quattro Stagioni mit Früchten aus den vier Jahreszeiten belegt. Tomaten lagen etwa auf dem Sommerviertel, Pilze auf dem Herbststück, auf dem Winterstück Schinken oder Salami. Auf dem Frühlingsviertel der Quattro stagioni fläzten sich traditionell Artischocken. Weil man heute aber theoretisch jede Frucht immer irgendwoher kriegt, wird nun alles Mögliche draufgelegt. Nicht zu empfehlen ist die Quattro Stagioni aber aus einem anderen Grund: Sie ist die Pizza der Entscheidungsunfähigen. raa

Spring

Break

Eigentlich kannte man dieses Phänomen bislang nur aus US-Teenie-Komödien und dachte sich stets: Gut, dass es das bei uns nicht gibt! Von Spring Break ist die Rede: Die Frühlingsferien nutzen brave College-Studenten traditionell dazu, sich an warmen Plätzen zusammenzurotten und die Sau rauszulassen: Koma-Trinken, Drogenkonsum und sexuelle Ausschweifungen. Vor einigen Jahren sind auch deutsche Reiseveranstalter auf die perfide Idee gekommen, unter derselben Überschrift Sauftouren nach Kroatien anzubieten. Ob Student oder nicht, unter dem Label dieses fragwürdigen Kulturexports darf jeder für entsprechendes Entgeld mitfummeln und -picheln. In einem Land, das Volksorgien wie das Oktoberfest hervorgebracht hat, fragt man sich zurecht: Hätten wir darauf nicht verzichten können? SH

Springfield

Für alle, die auf der Suche sind nach dem legendären Jungbrunnen, der nicht nur einen zweiten sondern sogar ewigen Frühling verspricht, ist es angezeigt, in Springfield („Frühlingsfeld“) vorbeizuschauen. Sie müssen dafür nicht in eine der 76 so benannten Städte reisen, die sich auf 36 Bundesstaaten der USA verteilen (allein neun in Georgia!). Sie müssen nur um 18.10 Uhr mit einer Dose Bier und Chips ProSieben einschalten. Die Rede ist nämlich vom fiktiven Städtchen Springfield, in dem sich Die Simpsons austoben. Jene etwas missratene, nie alternde, liebenswürdige US-Zeichentrickfamilie, der zuzusehen mehr Frühlingsgefühle weckt als die Eröffnung der Biergartensaison. Mehrere exzessive Besuche in Springfield (es gibt etwa 500 Folgen à 22 Minuten) sind empfehlenswert. Wo genau das Springfield der Simpsons liegt, ist übrigens ein Geheimnis, und das wiederum ist ein Running-Gag der Serie: Wenn der Ortsname auf einer Landkarte auftaucht, verstellt eine Figur die Sicht.

Bis wir den Jungbrunnen entdeckt haben, gelten Homer Simpsons drei goldene Regeln für ein glückliches Leben: 1: „Cover for me.“ 2: „Good idea, boss.“ 3: „It was like that when I got here.“ Mikael Krogerus

Winteraustreiben

"So treiben wir den Winter aus, / Durch unsre Stadt zum Tor hinaus" – Nicht nur in Des Knaben Wunderhorn wird der weißen Jahreszeit im anbrechendem Frühling Gewalt angedroht. Den Winter vor die Tür zu jagen, war einst ein beliebter Brauch und wird mancherorts noch zelebriert. Als Volksfest namens Todaustragen erfreut er sich am vierten Fastensonntag regionaler Beliebtheit etwa in Sachsen und Hessen, im Elsass und in der Pfalz: Von traditionellem Liedgut begleitet wird der Winter durchs Dorf getrieben und als Papp- oder Strohpuppe schließlich verbrannt. Auch in Fastnachstbräuchen steckt ein bisschen Wintertod.

Übergroße Pappmachépuppen werden im spanischen Valencia zum Fallas-Fest durch die Stadt getragen. Den Höhepunkt bildet auch hier ein Feuerwerk: Die Puppen werden kollektiv den Flammen übergeben. In Eisenach/Thüringen wird mit dem sogenannten Sommergewinn das größte deutsche Frühlingsfest begangen. Am 2. April liefern sich Frau Sunna und Herr Winter ein Wortgefecht auf dem Markt und der Winter wird hernach den Flammen übergeben. Dann wird ein Feuerrad als brennendes Sonnensymbol zur Verabschiedung der kalten Zeit gen Tal gestürzt: „Seht nur, ihr Menschen, der Winter – er brennt.“ TP

Zwiebel

Ohne diese Knollen gibt es keinen Frühling, nicht nur im Garten. Monatelang speichern die Überlebenskünstler trotz Frost Stärke und Wasser, und treiben, wenn man es noch kaum für möglich hält, Krokusse, Hyazinthen, Narzissen und Schneeglöckchen aus.

Wegen dieser Triebkraft sind die essbaren Unterarten der Gattung „Allium“ ein beliebtes Frühjahrsgemüse. Nach den satten, gemütlichen Aromen des Winters liefern sie eine belebende spritzige Schärfe. Frühlingszwiebeln, Schnittlauch und Konsorten spielen wieder eine größere Rolle in der Küche, und ganz verstärkt der Bärlauch, oder das, was man dafür hält. Denn in Norddeutschland hat der Bärlauch einen starken Konkurrenten, einen Einwanderer aus dem Kaukasus, allium paradoxum oder „Wunderlauch“. Dessen Zwiebeln riechen das Frühjahr noch zeitiger, sie treiben schneller aus und bilden in lichten Wäldern große Rasenflächen. Das sind dann überaus schmackhafte Wiesen. Jörn Kabisch

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15:15 31.03.2011
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Ausgabe 43/2021

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