Zwei Seiten eines Konzerns, die eigentlich eine ist.

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"Was haben die Polen bloß gegen diese Frau?", das fragte vor zwei Tagen die Bild-Zeitung. Beantwortet hat sich die Bild-Zeitung diese Frage nicht wirklich. Kostprobe:

Ist Erika Steinbach eine Ewig-Gestrige?
NEIN!
Die CDU-Politikerin (Tochter eines Besatzungssoldaten in Westpreußen, 1945 vertrieben) ist seit 1985 Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, bemüht sich als Präsidentin des Vertriebenenverbandes (seit 1998) um Aussöhnung mit Polen, Tschechien und anderen Ländern Osteuropas.

Davon, dass Frau Steinbachs Heimatstadt selbst nach den Grenzen von 1937 polnisch wäre (Steinbachs Vater, ein Felbwebel der Wehrmacht, befand sich nur "dank" des zweiten Weltkriegs dort), dass Frau Steinbach 1990 im Bundestag gegen den deutsch-polnischen Grenzvertrag gestimmt hat (wie auch 1997 gegen das Abkommen mit Tschechien), dass sie sich einst gegen die EU-Beitritte von Polen und Tschchien ausgesprochen hat, dafür aber für umfangreiche Rückkehr- und Entschädigungsrechte für die "Heimatvertriebenen" (von denen die meisten inzwischen westlich der Oder-Neiße-Grenze geboren wurden) - all das erfährt man in der "Bild" nicht.

Nun ist es natürlich nicht ungewöhnlich, wenn die Bild-Zeitung, sagen wir mal, etwas einseitig und rechtslastig berichtet. Interessant wird es aber dadurch, wenn man sich anschaut, wie denn die Axel-Springer-Zeitungen auf der anderen Seite des Grenzflusses berichten. Hier bringt Axel Springer Polska nämlich die zwei auflagenstärksten Tageszeitungen des Landes heraus, das boulevardeske "Fakt" und das etwas seriösere "Dziennik", beide erschaffen als Klone der deutschen Vorbilder "Bild" und "Die Welt".

Wobei sich das mit der Rechtslastigkeit dann natürlich am polnischen politischen Sprektrum orientiert. Will sagen: Während man in Deutschland tendentiell eher auf der revisionistischen Seite steht, unterstützt man dort die geschichtsignoranten Kräfte, vorzugsweise die Kaczyński-Brüder.

Davon, dass das vom Bund der Vertriebenen gewünschte "Zentrum gegen
Vertreibung" auch in Deutschland höchst umstritten ist, erfährt man hier nichts ("Heute unterstützen alle das Vertreibungszentrum"). Das verwundert nicht, war doch der Fakt-Kommentarteil unter der Regierung von Jarosław Kaczyński praktisch die ideologische Speerspitze seiner nationalkatholischen Bewegung, und während der Fußball-WM letztes Jahr brachte man zur Einstimmung gar Kriegserinnerungen aus dem Mittelalter wieder hoch, auf die Titelseite. Was die "Bild" in Deutschland natürlich gleich wieder zur Gegenreaktion aufrief ("Vorsicht vor den roten Rüpeln"). Was wiederum Fakt seinen Lesern als Einstellung "der Deutschen" den Polen gegenüber präsentierte.

Und genau hier liegt das Besondere an der Berichterstattung der Springerpresse. Ein bisschen Geschreibsel auf der einen Seite, was man dann auf der anderen Seite dann als Unverfrorenheit "der anderen" gegen "uns" präsentieren kann, und worauf man natürlich reagieren muss. Schnell ist ein Gegenartikel verfasst, der "den anderen" mal die Meinung bläst, und der Konzernschwesterpublikation natürlich wieder die Gelegenheit zur Gegen-Gegenreaktion liefert.

Dass jener Verlag, der laut seinen eigenen Leitlinien eigentlich für "die Förderung der Einigungsbemühungen der Völker Europas" eintritt, gerne mal Völkerschlachten austrägt, die in Redaktionsstuben erfunden worden sind, ist nichts neues; vor jedem größeren Fußballspiel zwischen Deutschland und England werfen sich die Bild-Zeitung und Rupert Murdochs "The Sun" (gegen die die "Bild" so seriös wie eine FAZ wirkt) regelmäßig gegenseitig die Bälle zu, indem sie groß auf der Titelseite berichten, was die bösen Deutschen (dort) bzw. Engländer (hier) böses über den jeweils anderen geschrieben haben. Nur ist das deutsch-britische Verhältnis nicht so fragil, dass zwei Boulevardzeitung es ernsthaft zerrütten könnten. Im Falle Polen-Deutschland ist es jedoch noch etwas anderes. Nicht nur, dass es sich hier um Veröffentlichungen innerhalb des gleichen Konzern handelt, was die Zuweisungen "die Deutschen" - "die Polen" noch absurder werden lässt. Auch konnte die Aufarbeitung der Kriegsereignisse zwischen Deutschland und Großbritanien schon 1945 beginnen, und wurde durch die relativ glücklichen Besatzungsbedingungen in den ersten Nachkriegsjahren, die Gemeinschaft in Nato und EU und nicht zuletzt durch viele gegenseitige Austausche und Urlaube gefördert. Die Aufarbeitung der deutsch-polnischen Vergangenheit stockte dagegen bis 1990 aufgrund der politischen Lage des eisernen Vorhangs fast völlig, und auch die Ereignisse des zweiten Weltkriegs gingen hier sehr viel tiefer. Deshalb werden hier, anders als bei den deutsch--englischen Fußballschamützeln, die gegenseitigen Vorurteile von vielen Menschen sehr viel ernster genommen, und deshalb verfangen solche nationalischen oder revisionischten Parolen sehr viel leichter.

Die Axel Springer AG verdient ihr Geld damit, Deutsche gegen Polen und Polen gegen Deutsche aufzuhetzen. Und sie richtet dabei mehr Schaden an, als es selbst eine Frau Steinbach wohl je könnte.

P.S. Das ganze hat natürlich System, wie auch schon "die Zeit" vor viereinhalb Jahren festgestellt hat. Auch bei Polskaweb erschien letztes Jahr ein Artikel zum gleichen Thema. Geändert hat sich in der Zwischenzeit natürlich nichts.

10:54 25.02.2009
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