"Der Schaum der Tage"

Phantastisch anders Der Meister der Traumbilder ist zurück! Michel Gondry gelingt mit der Verfilmung von Boris Vians Roman "L'écume des jours" die filmische Abbilung menschlicher Phantasie

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"Der Schaum der Tage"

Foto: Screenshot Trailer

Der Psychologe und Philosoph Hugo Münsterberg versuchte in seinen Schriften zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die ersten bewegten Bilder ein großes Publikum erreichten, eine Analogie zwischen filmischen und psychischen Vorgängen zu entwickeln. Er wollte zeigen, wie filmische Mittel, die Phantasie, Emotionen und Träume des Menschen auf der Leinwand sichtbar machen könnten. Für Münsterberg wäre wohl ein Michel Gondry gelungener Ansatzpunkt seiner Theorie. Gondry scheut sich in seinen Filmen nicht, Tagträumern und gesellschaftlichen Außenseitern (Science of Sleep – Anleitung zum Träumen, Vergiss mein nicht!) die Chance zum Ausleben ihrer Phantasie und ihres Unbewussten zu gewähren und konfrontiert den Zuschauer dabei immer wieder mit einer filmischen Narration, welcher ähnlich schwer zu folgen ist, wie der Traumnarration und dennoch jedem als ganz eigenen, persönlich erlebtem Traum vertraut scheint. Surreale Bilder und Kulissen, unter anderem gebastelt aus Pappmaché und fast ohne digitale Hilfe realisiert, bereichern Gondrys Filme mit dem, was dem Menschen heutzutage sooft fehlt – dem Mut zum Tagtraum und zur grenzenlosen Phantasie.

Der Schaum der Tage erzählt die Liebesgeschichte der Pariser Müßiggänger Colin (Romain Duris) und Chloé (Audrey Tautou). Sie leben die Welt, wie sie ihnen gefällt. Nichts scheint unmöglich in einer Welt, welche Grenzen zwischen normal und abnormal, zwischen Phantasie und Realität aufheben lässt. Hier darf auf einer Wolke ins Liebesglück geflogen oder durch das Tastenbedienen des Pianococktails Longdrinks gezaubert werden. Das Abendessen tanzt vor Freude auf dem Tisch, Jean-Sol Partre hält lautstark Reden auf einer Pfeife. Colin und Chloé gleiten schwebend-schwimmend durch diese Magie. Audrey Tautou spielt die Rolle der Chloé - eine erwachsengewordene Amélie in einer nicht minder fabelhaften Welt. Ihr sei in Gondrys Verfilmung kein Happy End vergönnt. Eine Seerose wächst in ihrer Lunge. Colins Geld, welches er durch seine skurrilen Erfindungen über die Jahre als einsamer Single ansparen konnte, vermag da nicht zu helfen. Und so verlieren die bewegten Bilder am Ende desscheinbaren Scheiterns der Phantasie an Farbe, nicht jedoch an Intensität. Gondry verklärt nichts – wo die Phantasie grenzenlos bleibt, darf sie nicht nur im angenehm Schönen verharren. Michel Gondrys Bildsprache provoziert das Filmgeschäft, nicht jedoch den Kinozuschauer – diesem schenkt er das Unbewusste. Er bereichert die eingefahrene Kinolandschaft mit einer einzigartigen Traumästhetik und einer sinnesreizenden Abbildung der menschlichen Psyche. Er schenkt uns einen 94-minütigen Tagtraum und damit den Eintritt in eine neue mögliche Welt, die nicht das große Happy End verspricht, aber die Kraft und Schönheit von realitätsgewordener Fiktion beweist. Wir brauchen mehr phantastische Außenseiter, wir brauchen mehr mutige Tagträumer – wir brauchen mehr Gondrys!

Hugo Münsterberg (1863-1916) zählt zu den frühesten Filmtheoretikern und erkannte eine Analogie zwischen filmischen Gestaltungsmitteln und der menschlichen Psyche.

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