Es geht auch anders

Gegengipfel-Tagebuch Beim Gipfel für Globale Solidarität sind weit mehr Nationalitäten vertreten als in den G20. So anders die Protestformen in ihren Ländern sind: Ihre Ziele gleichen sich
Es geht auch anders
Die Performance "1000 GESTALTEN". In Hamburg werden vor dem G20-Gipfel bunte Alternativen diskutiert
Foto: CHRISTOF STACHE/AFP/Getty Images

Hubschrauber kreisen über einigen Vierteln. Sechshundert schweigende graue Menschen, von oben bis unten in Lehm gebadet, nähern sich von allen Seiten dem Buchardplatz beim Chilehaus. Eine Frau streift den Lehm ab, andere folgen ihr, am Ende tanzt eine bunte Masse auf dem Platz. 1000 Gestalten heißt die Performance. Sie soll, so die Künstler, "eine Gesellschaft verkörpern, der das Gefühl dafür abhanden gekommen ist, dass auch eine andere Welt möglich ist." Die Befreiung von all dem Grau am Ende soll zeigen, dass ein anderes Dasein möglich ist. Zwei Tage vor dem G20-Gipfel in Hamburg, zeigt die Stadt bereits ihr alternatives Gesicht.

Für die Hamburgerin Djamyla* ist es nicht mehr die Stadt, die sie kennt. Sie wohnt in der Nähe der Messe, wo am Freitag und Samstag der G20-Gipfel stattfinden wird. „Wir haben praktisch keine Informationen bekommen. Heute wurde dann unsere Straße abgesperrt, wir dürfen ohne Ausweis nicht mehr durch und müssen Besucher namentlich vorher anmelden. Die Polizisten sprechen nicht mit den Menschen, sagen noch nicht einmal ihre Dienstnummer“.

Djamyla ist eine von rund tausend Besuchern eines Alternativgipfels, der am 5. und 6. Juli auf dem Gelände des Theaters Kampnagel stattfindet. Hier treffen sich rund 75 zivilgesellschaftliche Organisationen, um dem Treffen der Staatschefs ihre wirtschaftlichen, politischen und ökologischen Visionen entgegenzusetzen. Schon zur Auftaktveranstaltung müssen viele Besucher vor dem Saal warten. Der Organisator Joachim Heier ist zufrieden: „Was mich besonders freut ist, dass sehr viele junge Menschen hier sind“.

Verschiedene Länder – ähnliche Probleme

Sie diskutieren in mehr als 80 Panels und Workshops unter anderem das Thema Privatisierung. Wie bei vielen Veranstaltungen ist auch hier das Podium international besetzt. In Deutschland, Simbabwe und Südafrika funktionieren Projekte der Private Public Partnership ähnlich: Überschuldete Kommunen versuchen, ihre Haushalte durch die Auslagerung öffentlicher Dienstleistungen an private Unternehmen zu sanieren, müssen aber bürgen, wenn diese keine Gewinne einbringen – was oft der Fall ist. Denn Bereiche der Daseinsvorsorge eignen sich in der Regel nicht dafür, Gewinne einzufahren. Das Thema ist so wenig neu wie die Lösungsvorschläge der Podiumsteilnehmer: Eine Sanierung der Haushalte durch Erbschafts-Vermögens- und Transaktionssteuern.

Eine Kritik am G20-Gipfel ist, dass er die meisten Länder und viele Interessengruppen der beteiligten Länder von Entscheidungen ausschließt. Fanwell Kenala Bokosi aus Simbabwe fasst das so zusammen: „Afrika hat 54 Länder; wir sind also 54 Afrikas“. Südafrika ist jedoch das einzige Land, das Mitglied der G20 ist. Von den noch 28 EU-Mitgliedsstaaten sind hingegen vier Mitglieder der G20, die EU selbst gehört der Gruppe ebenfalls an.

Die teilnehmenden Länder repräsentieren auch unterschiedliche Protestformen. Der Argentinier Dario Farcy ist aus Südamerika angereist. „In Argentinien demonstrieren wir anders als hier. Viel mehr Menschen sind gewerkschaftlich oder in Parteien organisiert, und es ist fast obligatorisch, zu Demonstrationen zu gehen“. Eines hätten Demonstranten auf der ganzen Welt aber gemeinsam: Sie setzen sich für die Bewahrung ihrer Lebensweise ein. „Wenn deine Grundlagen in Frage gestellt sind, geht es um die Existenz."

*Name geändert

Friederike Grabitz und Christoph Kammenhuber berichten für den Freitag von den Protesten gegen den G20-Gipfel und dem alternativen "Gipfel der globalen Solidarität". Alle Beiträge rund um das G20-Treffen in Hamburg finden Sie hier

11:49 06.07.2017

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