Rote Zonen, rote Linien

G20-Tagebuch Der Freitag ist geprägt von Protest. Motivationen und Ziele sind dabei verschieden und vielfältig. Am Ende dominieren jedoch vor allem brennende Barrikaden die Bilder
Rote Zonen, rote Linien
Das Hamburger Schanzenviertel am Freitag – eine Stimmung zwischen Straßenfest und Chaostagen

Foto: Alexander Koerner/Getty Images

Freitag ist der wichtigste G20-Tag, vollgestopft mit Aktionen, Demos und Gerüchten: über die Zahl der verletzten Polizisten und Demonstranten, die je nach Quelle sehr unterschiedlich ausfallen. Über Polizeigewalt – ein linker Lokalfunk meldet, dass ein Schuss gefallen sein soll, was eine rote Linie überschritten hätte, auch wenn es nur ein Warnschuss mit einer Luftpistole gewesen sein soll. Es kursieren Videos von geplünderten Läden auf der Sternschanze („Das passiert, wenn man sich verbarrikadiert“, sagt der Betreiber des Falafel-Ladens gleich nebenan, der die ganze Nacht Kundschaft hat). Die Polizei Hamburg twittert, Journalisten mögen bitte die Einsatzkräfte nicht mehr filmen oder fotografieren, womit eine weitere Rote Linie überschritten wäre.

Mittendrin ist es unübersichtlich. Die Funknetzwerke sind überlastet und es ist ungewiss, wie man wohin gelangen kann, weil im Zentrum seit Stunden keine Bahnen, Busse oder Taxis fahren. Das war zwar absehbar, aber trotzdem anders angekündigt: Die Stadt Hamburg hat Anfang der Woche auf ihrer Homepage versprochen, alle Bahnen würden während des Gipfels wie gewohnt fahren. Stattdessen ist Ausnahmezustand und die Stadt mitten in der Nacht bevölkert von Gestrandeten, die nicht nach Hause gekommen sind.

Ein breites Spektrum an Protestierenden

Die Blockaden fingen so richtig an, als die Regierungschefs am frühen Abend aus den Messehallen in die Elbphilharmonie fuhren. Die ganze Strecke zwischen den beiden Sperrgebieten, die als „Rote Zone“ abgeriegelt waren, wurde nun gesperrt. Ein Korridor, der durch die ganze südliche Innenstadt führt, war nicht mehr passierbar.

Auch die Protestierenden sind über das ganze Innenstadt-Gebiet verteilt. Das Spektrum ihrer Herkunft, Ziele und Motivationen ist breit: die eher akademisch geprägten Organisatoren des Gegengipfels am Mittwoch und Donnerstag haben mit den „Anti-Antikapitalista“ rufenden Anhängern des Schwarzen Blocks auf St. Pauli und der Sternschanze nur wenig Schnittmengen. Ein Ort, an dem sich die verschiedenen Lager begegnen, ist das Gänge-Viertel, dessen Bewohner auf ihren bunten Höfen einen Treffpunkt für G20-Gegner mit Ruhezonen, Küche für Alle und Jam-Sessions aufgebaut haben, der bis zum frühen Abend rund 2000 Besucher hatte. Der einzige echte Vorteil des G20-Treffens sei, „dass die Organisationen hier sich gut vernetzt haben und zusammen arbeiten“, sagt Christine Ebeling aus dem Presseteam des Gängeviertels, und ihr Kollege Theo Bruns ergänzt: „Ein linkes Netzwerk hat sich über die Stadt gelegt, da ist eine große Einheit entstanden mit viel Respekt für unterschiedliche Ausdrucksformen“.

Eingebetteter Medieninhalt

Am frühen Abend bevölkern etliche hundert laut klingelnde Teilnehmer einer Fahrrad-Demo die leeren Straßen. Wie die meisten Proteste, folgen sie keinem Masterplan: an den Kreuzungen gibt es häufig eine Verwirrung, weil eine Gruppe rechts, eine links abbiegt, bis sich die kleinere der größeren anschließt. Später trennt die Polizei den Zug. Noch in der Nacht fahren klingelnd Kleingrüppchen vorbei.

„Autonom“ bedeutet bei den G20-Protesten auch „vielfältig“. Die größte Dichte an Journalisten gibt es aber da, wo „autonom“ mit großem Anarchie-A geschrieben wird, zum Beispiel am späten Abend auf der Sternschanze. Demonstranten aus dem Schwarzen Block sind auf ein Baugerüst am Pferdemarkt geklettert, reißen Planken ab und werfen sie unten in drei große, rußige Feuer. Unter den Sohlen knirschen bei jedem Schritt Scherben. Die Straßen um den Markt sind bevölkert von Schaulustigen, Autonomen und behelmten Fotografen mit dem „Presse“-Emblem, junge Männer fotografieren sich gegenseitig vor der brennenden Straße. Die Stimmung changiert zwischen Straßenfest und Chaostagen. Da taucht ein Mann mit einem Blumenstrauß in der erhobenen Faust auf und posiert vor dem Feuer. Die Fotografen stürzen sich begeistert auf das Banksy-Zitat. Zehn Minuten steht er dort, und ich wette, er wird prominent in die Ikonografie der Gipfelproteste 2017 eingehen: der Blumen werfende Radikale im Feuerschein.

Friederike Grabitz und Christoph Kammenhuber berichten für den Freitag von den Protesten gegen den G20-Gipfel und dem alternativen "Gipfel der globalen Solidarität". Alle Beiträge rund um das G20-Treffen in Hamburg finden Sie hier

12:28 08.07.2017

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