Friedhelm Greis

Journalist
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RE: Leichenfledderer des Literarischen | 27.07.2009 | 19:26

Die Kritik halte ich zum Teil für überzogen und unzutreffend. So wird beispielsweise das Werk nicht 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers gemeinfrei, sondern erst mit Beginn des Folgejahres. Und diese Regel gilt nicht für "viele" Autoren, sondern für fast alle. Weltweit gibt es nur wenige Ausnahmen de.wikipedia.org/wiki/Regelschutzfrist

Darüber hinaus ist diese Regel nicht nur vom Nachteil. So ermöglicht es das exklusive Verwertungsrecht der Erben auch, bei einigermaßen erfolgreichen Autoren mit dem Verkauf populärer Einzelbände auch aufwendige Forschungsausgaben zu finanzieren, die naturgemäß Zuschussgeschäfte sind. So zum Beispiel bei der Tucholsky-Gesamtausgabe in 22 Bänden. Gut möglich, dass es originellere Menschen als solche Herausgeber gibt. Aber bei einer wissenschaftlichen Aufbereitung von Texten sind Akribie und Gewissenhaftigkeit auch keine schlechten Qualifikationen.

Im übrigen berührt der Urheberschutz überhaupt nicht den rechtlichen Status von Archiven. Denn die Archivmaterialien, wenn sie im Privatbesitz sind, sind dies nach 70 Jahren immer noch. Es ist nach Ablauf der Schutzfrist natürlich leichter, solche Texte zu publizieren, gegen deren Veröffentlichung sich die Erben vielleicht gewehrt haben. Falls es solche Texte gibt.

Außerdem ist es ein weit verbreiteter Irrtum, dass literarische Gesellschaften das Urheberrecht der Autoren verwalten. Das ist nur selten der Fall, wie zum Beispiel bei Kurt Hiller, der keine eigenen Nachfahren hatte. Diese Gesellschaften als "monopolistische Nachlassverwalter" zu bezeichnen, hält keiner Überprüfung stand. Es steht schließlich jedem frei, eine solche Gesellschaft zu gründen.

RE: Das Wunder von Wörgl | 12.07.2009 | 23:06

Eine interessante Argumentation. Nur weil etwas vor Jahren schon einmal in einem anderen Medium gestanden hat, darf darüber im "Freitag" nicht mehr berichtet werden. Selbst wenn - anders als vor sechs Jahren - inzwischen wieder eine Wirtschaftskrise herrscht und eine Kreditklemme droht. Und der Artikel daher jetzt viel aktueller als 2003 ist.

Natürlich könnte es auch sinnvoll sein, über aktuelle Freigeld-Projekte zu berichten, aber eine Zeitgeschichts-Seite ist erst einmal dazu da, den historischen Hintergrund zu liefern.

RE: Freies Wissen oder Leben? | 01.07.2009 | 22:33

@MH120480 Die New York Times hat natürlich eingeräumt, dass die Publicity ein mögliches Lösegeld vermutlich in die Höhe getrieben hätte (Times executives believed that publicity would raise Mr. Rohde’s value to his captors as a bargaining chip). Aber ich denke nicht, dass das für die Zeitung der ausschlaggebende Grund war. Und für Jimmy Wales vermutlich auch nicht.

@merdemeister Der Autor war nicht über Mail zu erreichen, weil er anonym den Eintrag vorgenommen hatte und daher nur seine IP bekannt war. Er kam wohl aus Florida. Mit der informationellen Selbstbestimmung ist es natürlich nicht weit her, wenn der Bericht schon in allen Zeitungen gestanden hätte. Wikipedia ist ja keine Primärquelle, sondern kann sich nur auf allgemein bekannte Fakten berufen. Der Fall Rohde war wohl deshalb etwas ungewöhnlich, weil er zum einen bekannt genug war, um einen Wikipedia-Eintrag zu haben (Pulitzer-Preisträger), zum anderen aber kein Promi, dessen Verschwinden vielleicht aufgefallen wäre.

RE: Die Wahrheit über Wikipedia | 06.04.2009 | 18:55

Bei dem Text ging es vor allem darum, überhaupt einmal die Wikipedia aus der Binnenperspektive zu schildern. Die Journalisten, die bislang über die Wikipedia geschrieben haben, kennen das Projekt nur von außen beziehungsweise als Nutzer. Und diese Sicht ist häufig ebenfalls nicht neutral, weil manche darin eine gewisse Konkurrenz für ihre eigene Arbeit sehen.

Der Begriff "Wahrheit" in der Überschrift ist natürlich provokativ und anmaßend, aber in erster Linie ironisch zu verstehen, da es selbstverständlich sein sollte, dass es eine solche "Wahrheit" nicht gibt. Passend wäre auch gewesen: "Schwärmen für die Wikipedia".