Die Wahrheit über Wikipedia

Schwarmintelligenz 1 In Berlin trifft sich in diesen Tagen die Netzgemeinde zur "re:publica" und "Wikimedia-Conference". Höchste Zeit für die Aufklärung der Massen über ein Massenphänomen

Es ist nur noch eine Frage von wenigen Tagen, bis in der deutschsprachigen Wikipedia der 900.000. Artikel veröffentlicht werden wird. Seit ihrer Gründung vor acht Jahren hat die Mitmach-Enzyklopädie zweifellos die Art und Weise verändert, wie Menschen auf Wissen zugreifen. Trotz der ungebrochenen Popularität und der enormen Bekanntheit des Lexikons sind immer noch viele Halbwahrheiten und Mythen im Umlauf, was die Funktionsweise und den Anspruch der Wikipedia betrifft.


1. Wikipedia ist ein gutes Beispiel für Schwarmintelligenz


Um den Erfolg und die Funktionsweise der Wikipedia zu erläutern, wird häufig auf den modischen Begriff der Schwarmintelligenz zurückgegriffen. So wie die Ameisen überall ihre Duftmarken hinterlassen und so mit der Zeit den besten Weg zu ihren Futterplätzen heraustrippeln, garantiert demnach die Beteiligung der vielen Wikipedianer auf Dauer die besten Artikel.

Aber um die Arbeit der vielen Autoren und Verwalter zu beschreiben, sollte man statt der Intelligenz lieber eine Eigenschaft verwenden, die den staatenbildenden Insekten seit jeher zugeschrieben wird: den sprichwörtlichen Fleiß. Es ist in der Regel nicht so, dass die wirklich guten und ausführlichen Artikel dadurch entstehen, dass jede Wissensameise ihre Duftmarke darin hinterlässt. Es läuft meist eher darauf hinaus, dass sich ein Autor die Zeit und Muße nimmt, um aus einer möglichst großen Auswahl an zuverlässigen Quellen einen Artikel umzuschreiben und auf ein brauchbares Niveau zu heben. Passiert dies nicht, verharren die Texte häufig auf einem Kraut-und-Rüben-Status, es mangelt an Struktur und wichtigen Inhalten.

Darüber hinaus ist von Ameisen bislang kaum bekannt, dass sie auch über eine stark destruktive Ader verfügen, vor allem während der Ameisenpubertät. Insbesondere Artikel, deren Inhalt gerade im Schulunterricht behandelt werden, sind regelmäßig Opfer von Vandalismus („Ovid ist ne alte Schwuchtel“ etc.). Die regelmäßigen Wikipedia-Mitarbeiter müssen leider einen großen Teil ihres Fleißes dafür aufwenden, solche „Schwarmdummheit“ aus dem Lexikon herauszuhalten.


2. Die Artikel sind unzuverlässiger als bei den gedruckten Enzyklopädien


In vielen Redaktionen gilt immer noch die Devise, dass die Wikipedia keine zitierwürdige Quelle ist, weil nie garantiert werden kann, dass eine pubertierende Ameise gerade durch einen Artikel gelaufen ist. Letzteres stimmt zum einen nur noch teilweise, weil bei sogenannten gesichteten Artikel solch offensichtlichen Vandalismus inzwischen eliminieren. Zum anderen muss man feststellen, dass im Brockhaus schon deswegen weniger Fehler zu finden sind, weil er deutlich weniger Artikel aufweist und diese meist wesentlich kürzer sind.

Allein die deutschsprachige Wikipedia enthält eigenen Angaben zufolge derzeit 330 Millionen Wörter, rund zehn Mal mehr als der aktuelle 30-bändige Brockhaus. Nicht wenige der 300.000 Brockhaus-Artikel dürften außerdem so komprimiert sein, dass sie schon nicht mehr richtig sind. So heißt es in dem Eintrag zu Tucholsky: „... wurde nach Jurastudium, Teilnahme am Ersten Weltkrieg und Bankvolontariat Literatur- und Theaterkritiker der Zeitschrift ‚Die Schaubühne‘ (ab 1918 ‚Die Weltbühne‘)“. Daran stimmen zwar die einzelnen Etappen seiner Biographie, aber es klingt so, als sei Tucholsky erst nach dem Bankvolontariat, also 1924, zur „Weltbühne“ gestoßen. Vielmehr schrieb er schon während seines Jurastudiums von 1913 an für das Blatt, und nicht nur als Theater- und Literaturkritiker. So steht es auch in der Wikipedia.

Das Erstaunliche an der Posse um den falschen Wilhelm in der Vornamensliste von Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg war ja eher die Tatsache, dass eine fleißige Wikipedia-Ameise die zehn richtigen Namen überhaupt eingetragen hatte. Wie Wikipedia-Abschreiber Spiegel Online selbst einräumte, war es extrem schwierig, diese Namenskette zu überprüfen, da es dafür neben Guttenberg offenbar nur eine zuverlässige Quelle gab, das Genealogische Handbuch des in Bayern immatrikulierten Adels. Welches übrigens auch der Wikipedia-Autor benutzt hatte. Ohnehin wird es zunehmend üblich, Aussagen detailliert mit Quellen und Fußnoten zu belegen, was in den Anfangsjahren der Wikipedia kaum zu finden war.


3. Die Platzhirsche blockieren jede Änderung von Neulingen in den Artikeln


Es trifft in der Tat zu, dass die Wikipedia eine sehr „soziale Software“ ist. Die Vorstellung, man könnte ohne Widerstände beliebige Inhalte eintragen, galt höchstens in den Anfangsjahren. Inzwischen sind zu den meisten Personen und Themen schon mehr oder große Einträge vorhanden, die von den Autoren oder interessierten Nutzern mittels ihrer Beobachtungsliste überwacht werden. Dies bedeutet aber nicht, dass diese prinzipiell keine Änderungen mehr zulassen würden. Allerdings ist es häufig erforderlich, eigene Überzeugungen mit den anderen Benutzern zu diskutieren und mit Argumenten zu belegen. Wer hartnäckig genug ist, wird früher oder später auch Personen finden, die seine Position unterstützen. Außerdem verschafft man sich dadurch einen gewissen Respekt in der Community, was sich dann bei späteren Diskussionen wieder auszahlen mag. Wichtig ist auch, welchen Umgangston man anschlägt und wie sachlich oder polemisch gestritten wird. Wer einen sogenannten Edit-War startet, also Beiträge immer wieder in seinem Sinne verändert, dabei aber einer Diskussion aus dem Weg geht, hat schon verloren.

Wie wenig bekannt die Funktionsweise des Lexikons immer noch ist, zeigte jüngst ein Beispiel aus Würzburg. Dort empörte sich die SPD, dass in dem Wikipedia-Eintrag ihrer Stadt mehrere Nazi-Größen unter „bedeutende, in Würzburg geborene Persönlichkeiten“ aufgeführt waren. Die Partei wolle eine Änderung der Formulierung beantragen, sagte der dortige SPD-Vorsitzende der Presse. Die Wikipedia ist jedoch keine Parteiversammlung, auf der Anträge gestellt werden müssen. Anstatt sich bei der Presse zu beschweren, hätte der Lokalpolitiker die Formulierung einfach selbst ändern können. Da er sicherlich weiß, wie man Anträge schriftlich begründet, hätte er seine Auffassung auf der Diskussionsseite zu dem Artikel wohl fundiert erläutern können.


4. Es gibt nur ahnungslose Laien, die in der Wikipedia schreiben


Ausführliche Artikel, die beispielsweise den Status „exzellent“ erhalten, erreichen häufig einen Umfang von fünf und mehr Zeitungsseiten. Da es inzwischen mehr als 1.500 solcher Artikel gibt (und mehr als 2.800 „lesenswerte“), ist es eher unwahrscheinlich, dass nur unwissende Dilettanten sich derartig umfänglich über die Themen ausbreiten. Oft ist es der Fall, dass Wissenschaftler ihr Steckenpferd zu einem Artikel verarbeiten. Vielfach sind die Autoren aber tatsächlich Dilettanten im Wortsinne von Menschen, die sich an einem bestimmten Thema erfreuen (ital. dilettare) und darin Spezialkenntnisse erlangt haben.

Dennoch gibt es eine Menge Artikel, die nicht den Qualitätsansprüchen einer guten Enzyklopädie genügen. Erstaunlicherweise oft im Bereich Geisteswissenschaften, obwohl es doch angeblich die arbeitslosen Akademiker sind, die die Wikipedia vollschreiben. Hier zeigt sich ein strukturelles Problem des Lexikons: Es gibt offenbar nur wenige deutschsprachige Autoren, die in der Lage sind, fundierte Artikel über philosophische Grundbegriffe zu schreiben, die sich beispielsweise dem Niveau des Historischen Wörterbuchs der Philosophie annähern könnten. Und auch die haben nicht unbedingt immer eine Woche Zeit und Lust, um sich in Ruhe an einen solchen Text zu setzen. Bezeichnend daher die Klage eines Ästhetik-Professors auf der Seite, die sich der Qualitätssicherung philosphischer Artikel widmet: „Der Text zur Ästhetik ist mir schon immer als besonders fragwürdig aufgestoßen. Ihn auf den neuesten Stand zu bringen und zu verbessern, machte sehr, sehr viel Mühe, für die mir leider die Zeit völlig fehlt.“

Es ist daher kein Zufall, dass die Wikipedia-Community und der Wikimedia-Verein versuchen, mit verschiedenen Wettbewerben und Veranstaltungen qualifizierte Autoren zu gewinnen. Wobei sich die Frage stellt, ob die 5.000 Euro, mit denen die Gewinner der Zedler-Medaille für das Verfassen herausragender Artikel ausgezeichnet werden, nicht gleich für die gezielte Verbesserung bestimmter Lemmata bezahlt werden sollten. Das widerspricht jedoch dem Prinzip, dass die Mitarbeit an dem Lexikon unentgeltlich sein soll. Dennoch kann die Strategie nur richtig sein, eher auf einen qualitativen als auf einen quantitativen Ausbau des Lexikons zu setzen.


5. Die Wikipedia wird von Interessengruppen und Lobbyisten unterwandert


Es ist zweifellos nicht zu wünschen, dass ein stark benutztes Nachschlagewerk wie die Wikipedia von Personen, Verbänden und Unternehmen zur Selbstdarstellung missbraucht wird. Diesem Wunsch gegenüber steht jedoch die Unfähigkeit der genannten Gruppen zu einer objektiven Darstellung ihrer selbst. Statt dessen lassen vor allem Unternehmen lieber ganz die Finger von ihren Wikipedia-Einträgen, um gar nicht erst in den Ruf zu geraten, darin etwas schönen zu wollen. Dabei hätte sicher niemand etwas dagegen, wenn die wichtigsten Fakten und Zusammenhänge in den Wikipedia-Beiträgen zu finden wären – solange nicht der Versuch gemacht wird, kritische Passagen en passant zu löschen.

Wesentlich mehr Aufwand als die Kontrolle der Einträge von wirklich wichtigen Unternehmen bedeutet es dagegen, Marketing und Produktplacement aus dem Lexikon herauszuhalten. Die täglichen Seiten, auf denen über die Löschung von Artikeln diskutiert wird, wimmeln nur so von unbekannten Projekten, Vereinen, Gruppen und Kleinunternehmen, die sich in der Enzyklopädie verewigen wollen. Ein ständiger, bisweilen sehr komischer Kampf um die Relevanzkritierien wird dort ausgetragen. Die Modellbahnfreunde Willich, die Medicon eG und die Adrenalin Sportshow müssen wohl noch weiter auf ihren Wikipedia-Eintrag warten. Ihre Artikel wurden ebenso wie Dutzende weitere am 26. März gelöscht. Nicht ohne Grund umfassen die Relevanzkriterien inzwischen 20 Seiten.


6. Durch die Wikipedia werden Schüler und Studenten zum Abschreiben animiert


Es war vermutlich nicht einmal ironisch gemeint, als Spiegel Online die Wikipedia vor wenigen Tagen zum „Zentralorgan des Wissens“ erklärte. Kein Wunder, dass das Lexikon daher bei Schülern und Studenten sehr beliebt ist. Letztlich hat das Internet jedoch vor allem dazu geführt, dass Wissen mehr und mehr demokratisiert wird. Während die Gesamtausgabe des Brockhaus früher nur in Haushalten des gehobenen Bildungsbürgertums zu finden war, verfügen heute nahezu alle Jugendlichen über einen Internetzugang. Damit steht ihnen heutzutage ein Wissensfundus zur Verfügung, der weit über die Inhalte von Schulbüchern und einfachen Lexika hinausgeht.

Dies kann man der Wikipedia jedoch nicht zum Vorwurf machen. Dabei müsste es Aufgabe der Lehrer sein, ihre Schüler zum kritischen Umgang mit dem Wissen zu animieren. Es widerspricht jedoch vielfach dem Selbstverständnis der Schule, das verfügbare Wissen als gegeben vorauszusetzen und statt dessen einen Wissenstransfer abzufragen. Was bei Studenten eine Selbstverständlichkeit sein sollte. So sagten Schüler bei einem Aktionstag des Wikimedia-Vereins über ihren Umgang mit dem Lexikon laut Spiegel Online: „Ich übernehme die Fakten, schreibe das aber um, damit der Stil nicht auffällt, das heißt, ich muss den Stil verschlechtern.“ Solange das nicht umgekehrt der Fall ist, ist die Wikipedia wohl auf dem richtigen Weg.

Friedhelm Greis ist seit 2004 Autor in der Wikipedia und hat seitdem über 1.500 Mal Artikel bearbeitet

05:00 02.04.2009
Geschrieben von

Friedhelm Greis

Journalist
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare 3