Freies Wissen oder Leben?

Wikipedia-Zensur Um die Entführung eines Journalisten zu verheimlichen, wurde sein Wikipedia-Eintrag monatelang manipuliert. Hat Jimmy Wales gegen die eigenen Prinzipien verstoßen?

Dürfen Fakten aus der Wikipedia herausgehalten werden, wenn sie die Sicherheit von Menschen gefährden können? Diese Debatte hat sich am Fall des Journalisten David Rohde entzündet, der im vergangenen November in Afghanistan von den Taliban entführt worden war. Sein Medium, die New York Times, wollte die Entführung unbedingt geheimhalten, um die Überlebenschancen Rohdes zu erhöhen. Doch ein Wikipedianer fügte unverdrossen den Fakt in den Wikipedia-Eintrag zu Rohde ein. Unter Berufung auf afghanische Nachrichtenseiten. Wikipedia-Gründer Jimmy Wales selbst sei eingeschaltet worden, um die Änderungen wieder regelmäßig löschen zu lassen, berichtete die New York Times nach der Flucht Rohdes in eigener Sache. Nun tobt der Streit, ob dies nur ein Einzel- oder ein Präzendenzfall war.

Mit seiner Begründung für die Zensur bewegt sich Wales auf dünnem Eis. "Uns kam die Tatsache zu Hilfe, dass davon nicht in einer unserer Ansicht nach verlässlichen Quelle berichtet wurde. Es wäre richtig schwer geworden, wenn das der Fall gewesen wäre", sagte er der New York Times.  Doch selbst die Tatsache, dass immer mehr weltweite Fundstellen für die Meldung aufgeboten wurden, führte zur Löschung und zur monatelangen Sperrung der Seite. Ein unbekannter Autor beschwerte sich daher: "Wer zur Hölle entfernt die Sache mit seiner Entführung? Sie ist von mehreren Quellen bestätigt, und selbst wenn es nicht in den Nachrichten kommt, ist es keine falsche Behauptung. Jemand sollte sich das mal anschauen." Der Autor konnte nicht wissen, dass Wales persönlich sich die Sache anschaute und dass die New York Times mit Anrufen bei Dutzenden Medien dafür gesorgt hatte, dass in den USA nicht darüber berichtet wurde.

Natürlich ist die Debatte sehr hypothetisch, ob das Leben Rohdes stärker gefährdet gewesen wäre, wenn die Nachricht über die Entführung in seinem Wikipedia-Artikel gestanden hätte. Wie viele Nutzer hätten sich für dessen Person interessiert, wenn die Medien weiterhin nicht darüber berichtet hätten? Zumindest hätte die Chance bestanden, dass ausgehend von dem Artikel der Fall vielleicht größere Verbreitung im Internet gefunden hätte und über die Medien-Blockade diskutiert worden wäre.

Es ist jedoch sehr zweifelhaft, dass dieses Vorgehen in der Wikipedia Schule machen wird. In diesem Fall lag eine außergewöhnliche Konstellation vor, die es überhaupt erlaubte und rechtfertigte, eine mehrfach bestätigte Tatsache eine Zeitlang aus der Wikipedia herauszuhalten. Es bleibt zu hoffen, dass sich solche Entführungsfälle nicht wiederholen werden. Und wie so häufig bei einem Präzendenzfall wird es vermutlich schwerer, ihn auf gleicher Weise wiederholen zu können.

16:17 30.06.2009
Geschrieben von

Friedhelm Greis

Journalist
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