Geschichten aus der Internet-Steinzeit

20 Jahre WWW Die Idee eines World Wide Web ist erst vor 20 Jahren entwickelt worden. Im Vergleich zu den Anfangszeiten hat sich im Internet dennoch enorm viel verändert.

Es war in den Jahren 1993/94, als auf den Uni-Rechnern in Deutschland plötzlich ein Symbol auftauchte, das sehr stolz auf den „lokalen Knoten im World Wide Web“ hinwies. Wenn man aus Langeweile oder Neugier zwischen dem Tippen von Seminararbeiten oder E-Mails auf das Icon ./resolveuid/a4c193356d6805b72d26ea39c1cbfa08 klickte, öffnete sich ein neuartiges Programm, mit dem es jedoch nicht viel zu sehen gab. Meist erschien eine Seite, auf der eine Liste von Namen und kryptischen Adressen standen, die in der Regel blau und dick unterstrichen waren. Klickte man dann weiter, verlor man sich schnell in Verzeichnissen von Dokumenten, die irgendetwas mit Gopher oder FTP zu tun hatten, zwei der damals gebräuchlichen Internetdienste.

"Was bitte soll ich mit diesen Dateien anfangen?", dürfte sich Otto Normalnutzer gefragt haben und schnell das Interesse an dem neuen Spielzeug verloren haben. Immerhin war es mit Diensten wie Veronica und Archie schon möglich, die Verzeichnisse nach bestimmten Dateien zu durchsuchen. Außer wissenschaftlichen Studien oder Weltraumbildern gab es aber wenig zu finden.

Doch mit der weiteren Verbreitung des Browsers Mosaic wurde das World Wide Web, wie der neue Internetdienst hieß, nach und nach bunter. Und vor allem wurde das Web auch von Institutionen außerhalb der Universitäten entdeckt. Es ist daher nicht übertrieben, von einer Initialzündung für das deutsche Internet zu sprechen, als am 25. Oktober 1994 das Nachrichtenmagazin Der Spiegel mit einer eigenen Seite ins Internet ging. Wie exotisch dies noch war, zeigt schon die damalige Adresse: http://hamburg.bda.de:800/bda/int/spon/ Wobei bda für „Bundesdatenautobahn“ stand. Ein halbes Jahr zuvor hatte der Spiegel erstmals selbst über das „weltweite Spinnennetz“ berichtet, „in das sich neuerdings auch die Benutzer gewöhnlicher Personalcomputer einklinken können“.

Die Surfer durften anfangs nicht erwarten, dass selbst die Medien ihr Angebot jeden Tag aktualisierten. Auch war es alles andere als leicht, eigene Inhalte ins Netz zu stellen. Privilegiert waren beispielsweise Studenten, die an ihrer Universität einen eigenen Zugang beantragen und unter einer eigenen Adresse Dokumente ablegen konnten. Eine eigene Domain konnten sich damals fast nur Firmen leisten, denn Webspace auf einem kommerziellen Server war sehr teuer. Hohe Anforderungen an das Webdesign wurden ebenfalls nicht gestellt. Es genügten wenige Befehle (tags), um die Seiten zu gestalten, so dass diese sich zwangsläufig sehr ähnelten. Meist nahm man als Vorlage für die eigene Homepage die Kopie einer Seite, die einem gefiel, und tauschte zwischen dem HTML-Code die Inhalte aus.

Die Kreativität trieb damals skurrile Blüten. Sehr beliebt waren in der Web-Steinzeit Hintergründe in Marmoroptik, die von vielen fleißigen Nutzern gesammelt und zur Verfügung gestellt wurden. Obligatorisch war eine Link-Liste, die zu dem noch überschaubaren Angebot an Internetangeboten führte. Da Volltextsuchmaschinen wie AltaVista erst 1996 an den Start gingen (von Google ganz zu schweigen), waren diese Listen auch unentbehrlich, um in den ersten Jahren durch das Web zu navigieren. Üblich war es weiterhin, irgendwo auf der Seite etwas blinken zu lassen. Diese Möglichkeit war jedoch schnell sehr verpönt.

Die Überschriften waren häufig groß und bunt

Mangel herrschte ebenfalls nicht an animierten Bilddateien, in denen sich irgendetwas drehte oder sonstwie veränderte. Hinter ungefähr jedem zweiten Link verbarg sich eine:

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Es wurde unglaublich viel geschippt und geschuftet. Schließlich gab es damals noch keine komfortablen Editoren, die das Erstellen von HTML-Seiten ohne Programmierkenntnisse ermöglichen. Dennoch dürften die wenigsten dieser Baustellen jemals mit Inhalt gefüllt worden sein. Aber es zeigte zumindest, welch ambitionierten Pläne die Internetnutzer in den Anfangszeiten oft noch hatten.

Leider gibt es nur noch wenige Zeugnisse aus dieser Websteinzeit, wie beispielsweise die vollständige Liste aller WWW-Server, die World-Wide-Web-Erfinder Tim Berners-Lee im November 1992 angelegt hat. Zwar gibt es ein Internetarchiv (web.archive.org) mit derzeit 85 Milliarden gespeicherten Seiten, doch die ersten Versionen gehen nicht weiter als ins Jahr 1996 zurück.

Wir freuen uns über Kommentare von Freitag-Lesern, die solche frühen Zeugnisse der Web-1.0-Ästhetik kennen und uns von ihrer ersten Begegnung mit der neuen Welt des WWW berichten.

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Geschrieben von

Friedhelm Greis

Journalist
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