Graue Eminenz der Kaiserzeit

Weimarer Verfassung Der nationalliberale Politiker Richard Witting, Bruder von Maximilian Harden, hatte entscheidenden Einfluss auf die Entstehung des Entwurfs zur Weimarer Verfassung

Zu den Absurditäten der Weltgeschichte gehört, dass es ausgerechnet der erzreaktionäre Weltkriegsgeneral Erich Ludendorff war, der die russische Revolution forcierte, indem er Lenin im versiegelten Wagen von der Schweiz nach Russland schickte. Weniger bekannt, aber nicht weniger erstaunlich ist der Fakt, dass Ludendorff im Ersten Weltkrieg auch indirekt ein Förderer der Weimarer Verfassung war. Als deren Vater gilt im allgemeinen der Jurist Hugo Preuß (1860-1925), der schon 1917 die ersten Entwürfe dazu vorlegte. Doch der missing link zwischen Preuß und Ludendorff ist heute völlig in Vergessenheit geraten. Es war der Politiker und Bankier Richard Witting, der Preuß mit den Überlegungen der Obersten Heeresleitung (OHL) vertraut machte und somit die Vorarbeiten anregte und begleitete. Dass Witting aus dem historischen Gedächtnis verschwunden ist, kann nur verwundern. Gehörte er doch zu den einflussreichsten und vielgestaltigsten Figuren der späten Kaiserzeit.

Witting wurde 1856 als Richard Witkowski in Berlin geboren. Nach dem Abitur 1876 ließ er sich evangelisch taufen und nahm den neuen Namen an, wie die meisten Mitglieder seiner jüdischen Familie. Eine Ausnahme bildete sein jüngerer Bruder Felix: Er nannte sich fortan Maximilian Harden. Anders als Harden, der als Journalist und Herausgeber der Zukunft die Entourage Kaiser Wilhelms II. öffentlich angriff und für zahlreiche Skandale sorgte, wurde Witting zum Günstling Wilhelms II. Kaiserlichen Respekt verschaffte er sich vor allem durch sein Wirken ab 1890 als Oberbürgermeister von Posen. Nach Ansicht des zeitgenössischen Historikers Arthur Kronthal leistete Witting dort das „Wunderwerk“, „in wenig mehr als einem Jahrzehnt aus dem armseligen, abseits von aller Kultur gelegenen stillen Ort ein modernes Gemeinwesen mit stark entwickeltem Geschäftsverkehr, blühender Industrie und dem Sitz vieler hoher Verwaltungskörper zu machen“.

Doch anstatt seine vielversprechende Karriere in der preußischen Verwaltung fortzusetzen, schlug Witting ein völlig andere Richtung ein und wurde 1902 Direktor der privaten Nationalbank für Deutschland. Er beschränkte sich jedoch nicht ausschließlich auf diese Tätigkeit und ließ sich 1907 in den preußischen Landtag wählen. In den folgenden Jahre fiel sein Name häufig, wenn ein Ministerposten zu vergeben war. „Es blieb jedoch immer beim bloßen Gerücht“, schreibt Kronthal, „obwohl kein zweiter so wie er für eine leitende politische Stellung im Staat oder Reich geeignet war.“

Da Witting politisch zum rechten Flügel der Nationalliberalen Partei gehörte, scheint eine Unterstützung der deutschen Kriegspläne im Ersten Weltkrieg beinahe selbstverständlich. Als Leiter des Berliner Roten Kreuzes sprach er im Oktober 1914 folglich von einem „Vernichtungskrieg“ zwischen Deutschland und England. In dem langen Interview mit der Washington Post kündigte er einen Kampf „bis zum letzten Deutschen“ an und bezeichnete England voller Hass als Nation von Scheinheiligen und Kriminellen.

Als sein Sohn fiel, schwenkte er ins Lager der Friedensvertreter

Fünf Tage nach Erscheinen des Interviews, am 5. November, fiel einer seiner Söhne an der Westfront. Doch es waren wohl seine Kenntnisse über die wahre Lage an den Fronten und die Gründe für den Kriegsausbruch, die ihn ins Lager der Friedensvertreter schwenken ließ. Witting kam zu der Überzeugung, dass „der in aberwitziger Verblendung fahrlässig begonnene Krieg schon mit seinen ersten Schlägen – dem Einbruch in das neutrale Belgien sowie den Ultimaten und Kriegserklärungen an Russland und Frankreich – die ganze Erde gegen uns erbittert hat und niemals zu gewinnen sei“.

Doch selbst für die „graue Eminenz“, wie Witting genannt wurde, war es fast unmöglich, in den ersten Kriegsjahren pazifistisch oder reformerisch zu wirken. Fast zwangsläufig musste er sich von seinen Parteifreunden abwenden und immer weiter links seine Verbündeten suchen. Sein Haus am Berliner Tiergarten wurde zum Treffpunkt bürgerlicher und sozialistischer Intellektueller. Friedrich Stampfer, Chefredakteur des Vorwärts, nannte die Villa mit leicht ironischen Unterton „die wichtigste dieser ‚Stätten der Verschwörung‘“. Dort verkehrten neben Stampfer noch Literaten und Politiker wie Hellmut von Gerlach, Arthur Holitscher, Eduard Bernstein, Kurt Eisner, der frühere Londoner Botschafter Lichnowsky und gelegentlich Walther Rathenau. Und natürlich auch Wittings Schwiegersohn, der frühere Offizier und bekannte Pazifist Hans Paasche, in Augen seines Schwiegervaters jedoch ein Schwarmgeist. In den Erinnerungen Stampfers wirkte Witting damals „rastlos in den Kreisen des Adels, der Diplomaten und der hohen Bürokratie“, um für einen schnelles Kriegsende zu kämpfen.

Es verwundert nicht, dass Witting sofort die Initiative ergriff, als er 1917 von den Reformplänen der Obersten Heeresleitung erfuhr. Diese zielten selbstverständlich vor allem darauf ab, die Bevölkerung während des andauernden Krieges bei der Stange zu halten, indem sie ihr mehr Mitspracherechte einräumte. In einer Gedenkschrift von 1926 für Hugo Preuß schrieb der Journalist Ernst Feder: „Witting besprach sich mit seinem Freunde Preuß, und Preuß machte sich sogleich ans Werk, das Haus der unmodernen Reichsverfassung aufzustocken und hinter der kaiserlichen Fassade einen modernen parlamentarischen Volksstaat auszubauen. Im Juli 1917 war seine Denkschrift abgeschlossen.“ Um in der Schublade der OHL zu verschwinden. Die Überlegungen blieben in der Reformdiskussion von 1917 laut Historikern ein „wirkungsloses Intermezzo“.

Witting ließ sich davon nicht beeindrucken und arbeitete Kronthal zufolge „bereits im Winter 1917/18 eine demokratische Verfassung aus. Mit Professor Hugo Preuß besprach er dann diesen Entwurf, der dann die Grundlage der ‚Weimarer Verfassung‘ bildete“. Ähnlich erinnert sich auch Siegfried Jacobsohn, Herausgeber der linksintellektuellen Wochenschrift Die Weltbühne: Im April 1918 habe Witting ihm den Entwurf gezeigt: „Er schien seinen Anteil daran nicht gering einzuschätzen.“

Ohne jede kaiserliche Fassade

Doch noch immer setzte die OHL auf Sieg und war nicht zu Zugeständnissen bereit. Witting suchte im Sommer 1918 das Gespräch mit der SPD und ließ sich von Stampfer mit dem damaligen Fraktionsvorsitzenden Philipp Scheidemann zusammenbringen. „In leidenschaftlicher Rede setzte er uns auseinander, dass Deutschland am Rande des Abgrunds stehe und nur durch eine Revolution gerettet werden könnte“, heißt es in Stampfers Erinnerungen. Als die Revolution im November 1918 kam, war zumindest der Weg frei, um den Entwurf der neuen Verfassung umzusetzen, die vor 90 Jahren, am 11. August 1919, von der Nationalversammlung in Weimar beschlossen wurde. Ohne jede kaiserliche Fassade.

Witting setzte nach der Revolution seinen Weg fort. Unter dem Pseudonym Georg Metzler wandte er sich schon im Januar 1919 in der Weltbühne gegen die Dolchstoßlegende und postulierte die Alleinschuld Deutschlands am Krieg: „Und hundertmal recht haben die Feinde, wenn sie immer wieder darauf hinweisen, dass Wilhelm und die andern deutschen Fürsten nur darum weggejagt worden sind, weil sie diesen Krieg verloren hatten. Als ob nicht die deutschen Machthaber Strafe und Untergang verdient haben, weil sie diesen verbrecherischen, jedem göttlichen und menschlichen Recht hohnsprechenden Krieg angefangen, und weil sie ihn mit den ruchlosesten Mitteln weitergeführt haben – keineswegs, weil sie ihn verloren haben!“ Außenpolitisch setzte er sich schon unmittelbar nach Kriegsende für eine Verständigung mit Frankreich ein und sprach von einer Interessengemeinschaft zwischen der französischen und deutschen Industrie.

Doch dafür war die Zeit erst nach einem weiteren Weltkrieg reif. Nach Wittings Tod am 22. Dezember 1923 schrieb Jacobsohn in einem kurzen Nachruf: „Der Ruhrkrieg gab dem Publizisten Richard Witting den Rest: vor dieser Riesendummheit, diesem Riesenverbrechen verstummte und resignierte er. Um seinen Arbeitsdrang zu befriedigen, warf er sich auf eine deutsche Geschichte. Auch über deren Tendenz unterrichtet der folgende Brief. Zu unserm Schaden dürfte sie nicht über die ersten Kapitel hinaus gediehen sein.“ Zu unserem Nutzen wäre auch eine Autobiografie mit vielen Kapiteln gewesen. Weimarer Verfassung Der Politiker Richard Witting hatte als „graue ­Eminenz“ der Kaiserzeit entscheidenden Einfluss auf die Entstehung des Verfassungsentwurfs

12:50 30.07.2009
Geschrieben von

Friedhelm Greis

Journalist
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