Friedhelm Greis
25.07.2009 | 10:00

Wir sind so frei

Urheberrecht Ein Museum zettelt einen Rechtsstreit mit Wikipedia an, weil diese Bilder von ihrer Website kopiert. Dabei könnte sie von einer Kooperation mit Wikipedia profitieren

Nicht nur deutsche Verlage wehren sich derzeit gegen die Nutzung freier Inhalte im Netz. Während sich die Heidelberger und Hamburger Erklärung vor allem gegen die Vereinnahmung von Inhalten durch Google wenden, greift die National Portrait Gallery (NPG) in London das Internetlexikon Wikipedia an. Dahinter stehen jedoch ähnliche Ziele: Verlage und kulturelle Institutionen wollen an Inhalten stärker verdienen. Sie wehren sich mit teils zweifelhaften Verweisen auf das Urheberrecht und fordern neue Verbote, die die Weiterverbreitung von Publikationen im Netz verhindern sollen. Ein Versuch, der hoffentlich zum Scheitern verurteilt ist, ebenso wie die Forderungen der NPG gegenüber der Wikipedia. Gerade öffentliche und kulturelle Institutionen sollten mit Angeboten wie der Wikipedia kooperieren, um ihrem Bildungsauftrag besser gerecht zu werden und eine stärkere Verbreitung zu erreichen.

Auslöser des Streits mit der NPG war, dass ein Wikipedianer tausende digitalisierte Gemälde von der Website der Galerie auf die Seite der Wikipedia hochgeladen hatte. Juristisch geht es in dem Fall darum, ob die originalgetreue Reproduktion eines zweidimensionalen Kunstwerks selbst ein schützenswertes Werk sein kann. Nein, sagen zum Beispiel das deutsche und amerikanische Recht, und so dürfen nach Ansicht der Wikipedia Reproduktionen von Werken alter Meister auch aus Bildbänden eingescannt und ins Internet hochgeladen werden.

Nun eignen sich solche Scans häufig nicht dazu, selbst wieder nachgedruckt zu werden. Daher verwehren die Museen und Archive häufig das Fotografieren ihrer Bestände, damit sie ihre eigenen Vorlagen gegen Gebühr zur Verfügung stellen können. Dieses Geschäft hat nun die Wikipedia der NPG teilweise verdorben, denn der Nutzer Derrick Coetzee schaffte es, aus der Website hochaufgelöste Aufnahmen herauszukopieren. Dumm gelaufen, könnte man da sagen. Und es verwundert nicht, dass sich die Wikipedia vehement hinter Coetzee stellte, nachdem dieser von Anwälten einen unangenehmen Brief bekommen hatte. Zwar behaupten die Anwälte, Coetzees Vorgehen sei nach britischem Recht nicht erlaubt. Ob dies allerdings zutrifft, müssen nun die Gerichte klären.

Unabhängig von den rechtlichen Aspekten zeigt der Fall, wie schwer sich viele Institutionen noch mit dem Verständnis von "freiem Wissen" im Internet tun. Dabei gibt es durchaus Modelle, von denen beide Seiten profitieren. So hat das Deutsche Bundesarchiv der Wikipedia über 80.000 Bilder zur Verfügung gestellt. Diese waren sogar noch urheberrechtlich geschützt, sind aber in der niedrigen Auflösung höchstens zur Darstellung im Internet geeignet. Im Gegenzug erhofft sich das Bundesarchiv, dass die Nutzer von Wikipedia die Bilder katalogisieren und die Bildbeschreibungen verbessern. Beim Projekt Wikipedia loves art wiederum gehen die Nutzer in Museen und Galerien, um die dortigen Kunstwerke systematisch zu fotografieren und zu dokumentieren – sogar in Absprache mit  Einrichtungen und nach ihren Bedingungen. Zugegeben, auch daran "verdient" noch niemand direkt. Aber auch im realen Leben muss Kunst nicht immer etwas kosten. Der Eintritt in die sehr sehenswerte National Portrait Gallery ist beispielsweise frei.