Aus der Rolle gefallen

Wundersamer Alltag Die Stühle werden rausgestellt, aber die Kunden müssen warten: Zu wenige Kellner, zu schlecht geschult. Wie soll man sich da als Gast verhalten? Laut werden? Gehen?

Man kann ins Restaurant gehen, um Speisen und Getränke zu genießen, oder man kann es tun, um mit Freunden einen schönen und unterhaltsamen Abend zu haben. Man sollte jedoch nicht beides gleichzeitig wollen, schon gar nicht, wenn es sich um den ersten lauen Samstagabend des Jahres handelt und wenn das Restaurant sich an einer beliebten Flaniermeile befindet, wie beispielsweise in dem zum „Kreativkai“ umgebauten Münsteraner Stadthafen. Auf den Punkt gebracht kann man sich zur Regel machen: Geh nie hungrig mit Freunden essen, iss dich zu Hause satt, trinke vor dem Restaurantbesuch genug Mineralwasser, und genieße dann den Abend und die guten Gespräche – sei unabhängig von der Bedienung und der Küche des Lokals.

Wenn die Frühlingsspaziergänger sich auf den Weg machen, werden Bänke und Tische vor die Ausflugslokale gestellt – man verdoppelt damit die Kapazität, jedenfalls an Sitzplätzen. Leider wächst die Größe der Küche und der Durchsatz der Zapfhähne nicht im gleichen Maße mit, und die Bereitschaft der studentischen Servierkräfte, ausgerechnet an diesen Tagen die Kellnerschürze umzubinden statt sich selbst als Gast ins Lokal zu setzen, scheint auch gering zu sein – ganz davon abgesehen, dass Lokalbesitzer offensichtlich meinen, gutes, zügiges und effizientes Kellnern ließe sich durch kurzes Zuschauen oder fünfminütige Erklärung lernen.

Schuld sind immer die anderen

So haben die Gäste zwei Möglichkeiten: Sie können sich in Gelassenheit üben und Verständnis für das engagierte aber überforderte Personal zeigen oder sie können sich auf ihre Rolle als Kunden und ihre Macht als Konsumenten besinnen und lautstark ihrer Empörung über den mangelnden Service Luft machen. Für das Funktionieren der Marktwirtschaft, deren Teilnehmer wir als Konsumenten genauso sind wie der Lokalbesitzer als Anbieter, müssten wir wohl den zweiten Weg wählen: Auf dass der Wirt für einen besseren Service sorgt, seine Mitarbeiter besser qualifiziert und motiviert, die Abläufe in seinem Betrieb besser organisiert. Nur durch marktwirtschaftlich korrektes Verhalten, so lehrt die ökonomische Theorie, können wir die Qualität der Dienstleistung verbessern. Langfristig wäre also das Verhalten des lautstarken Empörten am Nebentisch, der gerade das Personal mit seiner Unzufriedenheit bekannt macht, in unser aller Interesse.

Aber er stört unser angenehmes Gespräch. Wir flüstern einander zu, dass die arme Kellnerin doch auch nichts dafür kann. Dass man mit diesem Andrang, mit diesem Wetter doch nicht rechnen konnte. Dass es auch nicht schneller geht, wenn der hier rumschreit, und dass er letztlich die Leute, die sich ja bemühen, nur von der Arbeit abhält. Dass er, der mit der Bedienung und Versorgung in diesem Lokal so unzufrieden ist, doch woanders hingehen soll, das würde doch schon helfen.

Wir nehmen uns also vor, beim nächsten Mal nicht hungrig und auch nicht durstig zu sein, wenn wir ins Restaurant gehen. Und warten geduldig bei trockenem Brot eine Stunde auf das erste Bier, eine weitere Stunde aufs Essen. Wir sagen, dass wir den Abend schließlich genießen wollen, das schöne Wetter und das Gespräch mit den Freunden. Wir sind gar keine Kunden, wir sind Verschwörer im Dienste unserer guten Laune, wir stecken mit dem Personal und unseren Freunden unter einer Decke, und wer da draußen bleibt, das ist nicht der Wirt des Lokales, sondern der empörte Kunde, der seiner Verärgerung Luft macht, obwohl die doch vielleicht sogar berechtigt ist.

Der fordernde Kunde

Es wird manchmal das Bild bemüht, wir Menschen seien multikulturelle Wesen, die je nach Situation verschiedene Rollen, verschiedene Identitäten annehmen könnten. Mal sind wir religiös, mal sportbegeistert, dann wieder Eltern, dann Computerspezialisten. Mal sind wir als Restaurantbesucher Kunden, dann wieder – in der eigenen Arbeitswelt – selbst Lieferant oder Angestellter. Aber jeder Restaurantbesuch zeigt, dass dieses Bild trügt, dass es zu einfach ist: Wir sind immer alles gleichzeitig. Manchmal wäre es schön, wenn wir die Rollen einfach wechseln könnten, und manche Zeitgenossen scheinen dieses Spiel ja auch perfekt zu beherrschen.

Wer es schafft, seine Rollen immer schön säuberlich auseinander zu halten, der hat es natürlich einfach. Er ist abends im Restaurant ein fordernder Kunde, auch wenn er am Tag vielleicht selbst verärgerten Kunden gegenübersteht, die ihm mit ihren Ansprüchen auf die Nerven gehen. Auf diese Weise kann man seinen eigenen inneren Konflikt in einen Konflikt mit anderen fremden Menschen verwandeln. Schuld sind dann immer die anderen, man selbst spielt nur seine zugewiesene Rolle.

Vielleicht würde die Gesellschaft sogar besser funktionieren, wenn jeder immer schön die Rolle spielen würde, die zur Situation passt. Aber sie wäre auf keinen Fall menschlicher. Menschlich ist es nicht, viele verschiedene Rollen zu beherrschen, sondern immer alles gleichzeitig zu sein, was man irgendwann an Rollen erworben hat. Wer eine Rolle spielt, kann kein Verständnis für den anderen Menschen haben, und er kann auch keine Rücksicht nehmen. So einer ist vielleicht berechenbar, aber nicht gerade angenehm.

Jörg Friedrich geht immer donnerstags in seiner Kolumne "Wundersamer Alltag" seinem ganz alltäglichen Staunen über die Welt nach. Denn alle Philosophie beginnt beim Staunen. Und alle Weltveränderung mit einem Wundern. Vergangene Woche fragte er sich, warum wir eigentlich so gerne ins Grüne fahren

16:00 03.05.2012
Geschrieben von

Jörg Friedrich

Naturwissenschaftler, IT-Unternehmer, Philosoph
Schreiber 0 Leser 4
Jörg Friedrich

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