Jörg Friedrich
13.09.2012 | 13:15 24

Der Richterspruch des Schwarms

Wundersamer Alltag Ein Landgericht fällt ein Urteil, die Lokalzeitungen bringen eine kurze Meldung. Aber die Schwarmintelligenz weiß es besser

Der Richterspruch des Schwarms

Viele Vögelchen machen einen Schwarm, nur wissen viele nicht unbedingt mehr

Foto: Kimihiro Hoshino/AFP/Getty Images

Es ist nur eine kleine Meldung in einer Lokalzeitung. Einem heute 31-Jährigen war vorgeworfen worden, vor drei Jahren eine damals 15-Jährige vergewaltigt zu haben. Nach der (nicht öffentlichen) Vernehmung des Opfers war der Prozess jedoch schnell zu Ende: Die Staatsanwältin plädierte auf Freispruch, und so entschied auch die Richterin am Landgericht Essen. Zur Begründung hieß es, das Mädchen hätte zum Beispiel weglaufen oder um Hilfe rufen können, das habe sie jedoch offenbar nicht getan. Sie hatte ausgesagt "alles über sich ergehen lassen zu haben", die Richterin stellte fest: "Wenn man etwas nicht will, muss man das deutlicher machen. Er wusste ja nicht, dass sie das gar nicht wollte."

Soweit die Meldung, die nicht unbedingt etwas mit dem Wundersamen Alltag zu tun haben würde, wenn sie es nicht in meinen Twitter-Stream geschafft hätte. Denn dort schlugen die Wellen der Empörung hoch, und ein paar Klicks genügten, um zu sehen, dass der Twitterer-Schwarm wieder einmal seine Urteilskraft unter Beweis stellen wollte. Auch wenn niemand mehr wusste als das, was eine Hand voll Lokalmedien online in ziemlich gleichen Worten und wenigen Zeilen berichteten, stellte sich schnell heraus, dass die Richterin ein krasses Fehlurteil getroffen hatte. Sozialwissenschaftlerinnen waren sich mit Landtagsabgeordneten und den übrigen Twitterern einig: "Übel!" und "Zum Kotzen!" sei das Urteil, die Richterin gehöre "zwangspensioniert" und natürlich stellte auch jemand die Frage, wo die Richterin denn wohne.

Emotionales Urteil in 140 Zeichen

Eins war für den empörten Schwarm offenbar fraglos klar: Wenn ein Mädchen sagt, sie sei vergewaltigt worden, dann ist das auch so, wenigstens, wenn der Mann ein Trinker ist und als gewalttätig gilt. 

Dass Staatsanwältin und Richterin über die Fakten und über die Rechtslage ein wenig besser Bescheid wissen als die Internet-Experten bei Twitter, die sich allein durch eine Zeitungsmeldung informiert hatten, kommt dem selbstbewussten Schwarm nicht in den Sinn. Dass wir alle möglichst zuverlässige juristische Regeln brauchen, um keiner Willkür der Rechtssprechung ausgeliefert zu sein, scheint genauso unwichtig.

Aber das ist noch nicht alles. Als ich die Twittermeldungen las, fragte ich mich, wie ich meinerseits mein Unbehagen über die unisono durch die Timeline laufende Verurteilung der Richterin und der Staatsanwältin äußern könnte. Mir fielen aber keine unmissverständlichen kurzen Sätze ein, mit denen ich das hätte ausdrücken können. Nur das emotionale Urteil lässt sich in 140 Zeichen fassen, für eine sachliche Kritik reicht oft nicht einmal eine Kolumne. So wird das Bild der Übereinstimmung im Schwarm überhaupt erst konstruiert: Diejenigen, die sich einig sind, können das durch kurze Statements signalisieren, aber die die widersprechen wollen, lassen die Finger von der Tastatur. Mein verzweifeltes Kopfschütteln vor dem Bildschirm hat keiner bemerkt.

Jörg Friedrich geht immer donnerstags in seiner Kolumne "Wundersamer Alltag" seinem ganz alltäglichen Staunen über die Welt nach. Denn alle Philosophie beginnt beim Staunen. Und alle Veränderung mit einem Wundern. Vergangene Woche fragte er nach den Ureinwohnern und den Siedlern in der digitalen Welt.

Kommentare (24)

chrislow 13.09.2012 | 20:19

Ja, an der kurzen (Twitter)Nachricht erkennt man die emotionale Erregunsfähigkeit, die bei Zivilisierungsmaßnahmen eine Zielgröße darstellt. Um Aggressionspotentiale zu erkennen, ist das Informationszeitalter ein Segen. Man braucht nicht mehr nach dem Subjekt aufwändig zu suchen, sondern dieses ist sozusagen "zentral" im www oder Twitter etwa einfachst zu lokalisieren.

Auf dem Weg zur antiautoritären Zivilisation ist es demnach nur noch ein kleiner Schritt, bis sich jeder darin das jeweils Seine (Maß) an Willenlosigkeit und Gleichgüligkeit hat "angeeignet"... in dem Sinne, dass aus Meinungsmachen nur noch Meinungslosigkeit übrigbleibt. Keine Meinung, keinen Willen, keine Idee...keine Gewallt... alles ... per Ambitionslosigkeit gleichgeschaltet.

Sie wundern sich über diese Ausführung? Das wundert mich nicht. Der Sinn von Twitter ist einzig die reduzierteste Selbstoffenbarung. Sachliche Details sind dabei nicht notwendig - gar unerwünscht. Dumme Frage zwar: Aber warum gibt man sich mit Twitter überhaupt ab? An dieser Stelle hat das Medien/Informationszeitalter wahrlich versagt.

Paul Duroy 14.09.2012 | 14:32

Lieber Ed,

wären SIE denn in der Lage, das Gegenteil von Dummheit zu erläutern? Gibt es ein Gegenteil? Ich weiß nur, dass es einen mentalen Aggregatzustand gibt, der ''nicht-dumm'' genannt werden koennte und den ich am ein oder anderen Mitmenschen gerne wahrnehme.

Ansonsten kann ich mich selbst vielleicht auch der Begriffstutzigkeit in Bezug auf Ihre Nachfrage zeihen, die ich nicht ganz verstanden habe.

Und Dummheit ist voruebergehend leider ansteckend, wie ich schrieb. Wenn es mal mit dem Gegenteil von Dummheit, was es immer es sein mag, sich so verhielte. Das Gegenteil von Dummheit ist wahrscheinlich nicht: Rechthaberei.

ed2murrow 14.09.2012 | 14:50

Sehr geehrter Herr Duroy,

Dank für die prompte wie ausführliche Antwort. Die von Füllsel befreit, nichtssagend ist. Dabei erhoffte ich doch etwas Gefeiltes von jemandem, der nicht nur Dummheit als Epitheton zu verteilen weiß (an diesen oder jene, ganze Gruppen) und sogar die Feinheiten zwischen normaler und zornventilierender kennt. Immerhin: Sie verorten es bei mental und Aggregatzustand – also irgendwo zwischen gasförmig flüchtig und flüssig; für Sie also sicher ein mächtiger Schritt vorwärts in der Selbsterkenntnis.

Gerne werde ich wieder von Ihnen lesen. Und ganz sicher davon profitieren.

Best, e2m

Paul Duroy 14.09.2012 | 15:03

Da habe ich sie doch gern erregt, lieber Ed...

Danke zurück für Ihre prompte Antwort, ich dachte auch schon: verstehe ich die Motivation seiner Frage vielleicht falsch oder ist der unterschwellig wirklich sauer?! Jetzt weiß ich: ''Achso, entlarvend sollte sie sein...!''. Da haben Sie aber was in mir angerichtet. Nun bin ich dumm durch Ihre Deklaration...

Und verstehe wahrscheinlich deshalb einfach nicht, was Sie überhaupt von mir wollen...ich brauche da aber auch keine Erklärung dazu. Die Wahrheit spricht zu uns ohne Geräusch von Worten und ist Anzeiger ihrer selbst und des Falschen.

I tip my hat to that.

Sisyphos Boucher 15.09.2012 | 19:45

Die meisten Kolumnen von Jörg Friedrich, die ich bisher hier gelesen habe, habe ich thematisch recht interessant gefunden, auch dann, wenn ich komplett anderer Meinung gewesen zu sein glaubte.

Einmal von den intellektuellen und vermutlich auch ästhetisch unterschiedlichen Bewertungskriterien abgesehen, wie begründen Sie denn nun Ihr Urteil über den Autoren sachlich?

Der Autor kritisiert ja, dass die Internetgemeinde oberflächlich mit einem sensiblen Thema umgeht. Niemand kennt die schriftliche Urteilsbegründung, niemand kennt die Gerichtsprotokolle und trotzdem haben alle eine festgefahrene Meinung, die allerdings von Tweet zu Tweet wie eine Lawine daherkommt und sich nicht mehr auf ihren Ursprung, sondern mehrheitlich nur auf Hören Sagen anderer verufen kann. Empörung durch copy & paste.

Wollen Sie eine solche Meinungsmehrheit über die Frage abstimmen lassen, ob man hierzulande die Todestrafe wieder einführt? Macht Ihnen sowas keine Angst?

Magda 16.09.2012 | 12:48

Herr Friedrich nimmt ausgerechnet ein Urteil das sehr zu Recht hochumstritten ist, - entsprechend ist die Reaktion - um sich über den Twitter-Sturm zu erregen, der auf keinen Fakten beruhe. Wenn niemand etwas kennt außer den Medienberichten, dann ist der gesamte Meinungsbildungsprozess in Schieflage. Auch das ist nicht neu. Und betrifft auch andere Dinge.

Nicht die Internetgemeinde ist so, die Menschen sind halt so. Urteils- und Gerichsschelte ist genau so alt wie die Hatz auf Verdächtige oder Angeklagte, das hatten wir jüngst bei Kachelmann, das gabs vor Jahrzehnten im Mordfall

Monika Weimar. Da haben die hochseriösen Medien gezeigt, wie die ganz reale Masse im Gericht urteilt und die Medien haben da fleißig mit manipuliert.

Mich hat ein gewisser Henryk M. Broder vor einiger Zeit angeknurrt, weil ich mich im Mordfall Gäfgen für eine Verurteilung von Daschner (den Rest müssen Sie nachlesen) ausgesprochen habe.

Sich über die Masse - gleich ob real oder digital zu erregen - ist billig und einfach. Und - ein Twitter-Storm ist kein Plebiszit. Digitale Medien und -meinungsäußerungen werden mal gepriesen oder verdammt, auch das gehört in diese Zeiten.

Ansonsten verweise ich noch auf den Beitrag von ed2murrow an anderer Stelle.

Herr Friedrich vertut oder überhebt sich ständig in einer Weise, die mich zum Urteil: borniert, oberflächlich und überheblich verleitet. Mich stört der selbstgerechte Geist, in dem das geschieht. Ich weiß nicht, wer so was gut findet, mich wirds dazu bringen, den Freitag bald abzubestellen. Dieser transportierte Kleingeist macht micht krank.

ChristianBerlin 17.09.2012 | 07:47

Zur Ergänzung: Noch ein Link zum Nachlesen der erwähnten Auseinandersetzung Magda/Broder:

https://www.freitag.de/autoren/christianberlin/die-rettungsfolter-und-der-freitag-salon

Die immer noch vom Broder enttäuschte Magda stellte aber jetzt erheitert fest, dass Broder durch seine Legitimation des polizeilichen Vorgehens gerade einen neues Berufsbild kreiiert hat: Den Rettungsfolterer

ChristianBerlin 17.09.2012 | 07:59

Ich kann sowohl den juristischen Grundsatz "in dubio pro reo" verstehen, wie die Erregung des Intelligenz-Schwarms über das Urteil, das wie ein Freibrief zum Drübergehen gelesen werden kann - über jede beliebige Frau ab 14, und zwar auch wenn sie Nein sagt.

Was dann geschah, ist unbestritten: Es kam zum Sex zwischen dem kräftigen Mann und dem Mädchen. Die Schülerin soll gesagt haben „Nein, ich will das nicht“, doch er habe einfach weitergemacht.Während der Angeklagte zu den Vorwürfen schwieg, sagte das Mädchen gestern, es habe alles über sich ergehen lassen. Immerhin gilt der Mann als äußerst gewaltbereit. Er sitzt derzeit eine Haftstrafe von über drei Jahren ab, weil er unter anderem eine Bekannte im Streit verprügelt hatte.

Dass hier jeder Internetuser bis hinauf zum MdB das Gefühl hat, dass irgendwas hier nicht stimmen kann, finde ich voll normal. Wäre enttäuscht, wenn es anders wäre.

Jörg Friedrich 17.09.2012 | 11:41

"Die Menschen sind halt so." ist für mich ein (unzutreffendes) Urteil bei dem, wenn überhaupt, das Nachdenken erst anfangen sollte und nicht zu einem Ende kommen.

Sie haben völlig Recht, dass die emotionale Reaktion der Masse, die Verurteilungen vornimmt ohne Details zu kennen, kein neues Phänomen ist. Früher wurde jedoch nicht behauptet, dass eine solche Urteilsfindung in irgendeiner Weise "intelligent" sei. Der Begriff "Schwarmintelligenz" ist erst mit dem Internet aufgetaucht, und um dieses Phänomen geht es mir.

Außerdem ist es meines Erachtens nicht sinnvoll, etwas kritikwürdiges deshalb nicht zu kritisieren, weil es "schon immer existierte" und nun nur in neuer Form der Internet-Kommunikation auftaucht. Man muss die Dinge in der Form kritisieren, in der sie konkret und gegenwärtig begegnen.

Georg von Grote 18.09.2012 | 11:01

Sagen wir es mal so, Herr Friedrich, man hätte es feinfühliger formulieren können, in Bezug auf das Mädchen. Hätte Ihnen vielleicht hier ein paar Vorwürfe hinsichtlich Borniertheit und Gefühlskälte erspart, am Ergebnis allerdings nichts geändert.

Denn leider haben Sie Recht. Recht deshalb, weil eben der §177, der Grund für den Aufschrei der Schwarmintelligenz genau diesen Ausgang zuläßt, ja leider zulassen muss. Denn so sehr man sich immer wieder mit einer Änderung dieses Paragraphen befasst hat, man bekommt es nicht in den Griff ohne damit andere Urteile zu provozieren, die dann das sogenannte Rechtsempfinden des juristischen Laien wieder aufschreien lassen würden und die Schwarmintelligenz auf den Plan riefen.

Das Urteil mag für viele, die keine juristische Kenntnis haben, ein Skandal sein. Juristisch aber scheit es einwandfrei zu sein, denn offenbar hat die Aussage der Zeugin, die keiner kennt, der sich über das Urteil aufregt dazu geführt, dass sogar die Staatsanwaltschaft für Freispruch plädierte. Für Insider ein klares Zeichen, dass die Aussage des Mädchens den Tatvorwurf nicht bestätigen konnte. Das Urteil ist juristisch genauso richtig wie das gegen einen Polizeipräsidenten Daschner und seinen Kriminalhauptkommissar, die zu Mitteln griffen, die in unserem Rechtsstaat nicht erlaubt sind, auch wenn sie damit das Leben eines unschuldigen Kindes retten wollten. Das aber zu diesem Zeitpunkt schon längst tot war, nur das konnten sie nicht wissen.

Es sind Urteil, die zwar das Rechtsempfinden mancher stören, aber mit denen wir leben müssen.

Natürlich schreit man nach Abänderung des jeweiligen Paragraphen. Es ist ja so einfach.

Hier zum Beispiel schreit am lautesten der Haus und Hof-Jurist des Freitag, Mister Ed, der führwahr mit beeindruckenden aus dem Internet zusammengeklaubten juristischen Wikipediatheoriekenntnissen aufwarten kann, nur an der praktischen Umsetzung haperts bei ihm.

Er entdeckt ständig angebliche Fehlurteile ruft ständig nach Änderungen der Rechtslage, nur konkrete Vorschläge, wie das dann aussehen sollte, kann er nicht liefern. Das ist die Schwarmintelligenz. Sie schreit, sie zetert, sie jammert, sie beklagt, aber Änderungsvorschläge, die Sinn machen kann und will sie auch nicht anbieten.

Und so, wie man Ihnen nun Borniertheit an den Kopf wirft, ist es bei mir eben formaljuristische Gefühlskälte. Nur Gefühle haben in einem Prozess nichts verloren, zumindest nicht bei den Beteiligten, sprich Richtern, Staatsanwälten und Anwälten. Die kann man sich nach dem Prozess wieder leisten, während eines Prozesses sind sie tödlich für den Job, den man zu erledigen hat.

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Ehemaliger Nutzer 22.09.2012 | 09:20

Zur Begründung hieß es, das Mädchen hätte zum Beispiel weglaufen oder um Hilfe rufen können, das habe sie jedoch offenbar nicht getan. Sie hatte ausgesagt "alles über sich ergehen lassen zu haben", die Richterin stellte fest: "Wenn man etwas nicht will, muss man das deutlicher machen. Er wusste ja nicht, dass sie das gar nicht wollte."

Du meine Güte, was für ein Frauenbild! Wenn ich einer Frau beischlafe und diese apathisch alles über sich ergehen läßt, schließe ich daraus, sie sei mit dem Beischlaf einverstanden.

Ich gehe nächtens die Straße entlang, ein Mann - einen Kopf größer, einen halben Arsch breiter und dreißig Jahre jünger und fitter als ich - tritt vor mich hin und bittet mich nachdrücklich, ihm meine Geldbörse auszuhändigen, auf daß er sie leeren können. Angesichts der gegebenen Situation händige ich ihm die Börse aus.

Wenn ich anschließend beim nächsten Polizeirevier Anzeige erstatte, sagt man mir, ich möge mich trollen, das sei doch kein Raub gewesen. Schließlich hätte ich dem freundlichen Herrn meine Börse freiwillig abgetreten.

Mein verzweifeltes Kopfschütteln vor dem Bildschirm hat keiner bemerkt.

Kopf hoch, jetzt haben wir es ja bemerkt.

Ciao

Wolfram