Die Identitätsfalle

Nerdismus Schiefe Debatte: Eine Front zwischen Technik-Nerds und Feministinnen aufzumachen, zementiert die Feindbilder. IT-Unternehmer Jörg Friedrich antwortet auf Julia Schramm

Es ist fast 80 Jahre her, dass der Rechtsphilosoph Carl Schmitt den Begriff des Politischen durch den Gegensatz von Freund und Feind bestimmt hat. Das Politische ist danach bestimmt durch den "äußersten Intensitätsgrad einer Verbindung oder Trennung" von Menschen, politisch wird eine Angelegenheit, wenn die eine Trennung von den Anderen, den Fremden so existenziell ist, dass "im extremen Fall Konflikte mit ihm möglich sind". Viele andere Unterscheidungen können hinzugezogen werden, um diese politische Grenzziehung zu unterstützen, der politische Feind kann als moralisch böse, als ästhetisch hässlich betrachtet werden, dies alles dient aber immer nur dazu, die politische Abgrenzung gegen den Feind deutlicher zu machen, dessen Anderssein "die Negation der eigenen Art Existenz bedeutet und deshalb abgewehrt oder bekämpft wird".

Schmitts Begriff des Politischen wurde genauso oft kritisiert wie er – bewusst oder unbewusst – bestätigt wurde. Die vielleicht berühmteste Fortführung des Schmitt'schen Freund-Feind-Konzepts ist Samuel P. Huntingtons "Kampf der Kulturen". In dieser Tradition hat nun Julia Schramm ein Bild von der "höchst komplizierten Angelegenheit" Piraten und Feminismus gezeichnet.

Holzschnittartige Feindbilder

Jeder Feind muss, das wusste schon Carl Schmitt, möglichst einfach zu erkennen sein. Julia Schramm konstruiert die Feindbilder, indem sie uns zunächst einen "durchschnittlichen männlichen Piraten vorstellt" dem sie die "weiblichen Piraten" ebenso durchschnittlich an die Seite stellt. Nach Julia Schramm teilen diese "durchschnittlichen Piraten" irgendwie alle ein gemeinsames Schicksal, sie wurden in ihrer Jugend unterdrückt, verhöhnt, ausgeschlossen, verprügelt usw.

Diesem "durchschnittlichen Piraten" stellt die Autorin die angeblich feindliche Gruppierung der Feministinnen gegenüber, die mit Exklusivwissen kämpft, das nicht verstanden wird.

Vor allem den Menschen, die Julia Schramm mit dem Begriff "Piraten-Nerds" belegt, stößt sie beständig vor den Kopf: Sie sind unfähig, Begriffe zu verstehen, woraus Bösartigkeit und Dummheit werden, ihnen fehlt Empathie, weil dies "Arbeit und Talent" sei, was "rationalisierten und männlich sozialisierten Menschen" oft abgehe.

Was passiert, wenn ein Mensch, der sich durch die pauschale Zuschreibung "durchschnittlicher Pirat" angesprochen fühlt, solche Charakterisierungen liest? Entweder, er fühlt sich tatsächlich an seine persönlichen Erfahrungen erinnert und bestätigt so für sich das Zutreffen des gezeichneten Konfliktes. Oder aber er fühlt sich herausgefordert sich zu entscheiden, ob er dazugehören will oder nicht, ob er sich mit diesen Leuten, die da beschrieben werden, solidarisieren, gemein machen will, oder ob er sich von ihnen lieber abgrenzen will.

Beides verschärft den Konflikt, und dazu ist ein Feindbild, das möglichst undifferenziert, möglichst holzschnittartig, möglichst schwarz-weiß und ohne Grautöne, ohne Farben sowieso gezeichnet wird, ja da. Es soll dafür sorgen, dass man den Feind, den radikal Anderen auch gleich und klar erkennen kann, und dass man ohne viel Nachzudenken entscheiden kann, auf welcher Seite man selbst stehen will.

In der Falle

Am Ende ihres Textes fordert Julia Schramm, dass man "sich und die Erfahrungen des anderen endlich ernst nehmen und einfach mal zuhören" solle. Aber genau das verhindern Feindbilder, wie die Autorin sie konstruiert. Wer sich einmal als so radikal anders verstanden hat, dass er den Anderen nur noch als Feind wahrnehmen kann, der hört nicht zu, der zieht eben eine Grenze, um sich zu schützen, und über diese Grenze hört man eben einander nicht zu, man bekämpft einander.

Julia Schramm sitzt in der Identitätsfalle. Amartya Sen hat in seiner Antwort auf Huntingtons Kulturkampf-These dargelegt, dass es die klaren Identitäten, die es zulassen, feindliche Gruppen und Lager zu bilden, gar nicht gibt, dass sie eine Illusion, eine Konstruktion sind. Der "durchschnittliche Pirat" der "Piraten-Nerd" ist eine Konstruktion, eine Erfindung von Julia Schramm, er ist nicht in der Welt, sondern im Kopf der Autorin, genauso wie der "Femi-Nerd".

Wer mit so einem Bild im Kopf die Welt betrachtet, der sieht nur "Durchschnitt" und "Ausnahme" – wobei die Ausnahmen nicht zu berücksichtigen sind, weil man meint,sich dem Durchschnitt und dessen Aufklärung, Besserung oder Bekämpfung widmen zu müssen. Das ist die Falle. Würde man nämlich genau hinschauen dann würde man bemerken, dass es nur Ausnahmen gibt, jedenfalls so viele Ausnahmen, dass derjenige, der wirklich "Durchschnitt" ist, selbst zur Ausnahme wird.

Es gibt niemanden, der nur "Nerd" ist. Es gibt natürlich Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen, die zu den Piraten gehören oder dieser Partei nahe stehen. Solche Gemeinsamkeiten mögen teilweise in gemeinsamen oder ähnlichen Erfahrungen begründet sein, aber nicht jeder, der mal von einem Mädchen verschmäht wurde, die er sehr verehrt hat, wird Pirat – sonst wäre die Piratenpartei längst die stärkste Partei im Lande. Auch die Erfahrung des Ausgeschlossen-Seins teilen viele Menschen, die einen werden später Terroristen, andere werden Feministinnen, wieder andere werden Musiker, Maler oder eben vielleicht Piraten. es mag Nerds geben, die Fußball spielen ebenso wie es Fußballspieler gibt, die mit Feministinnen verheiratet sind oder Fußballerinnen, die einen Nerd lieben.

Identitäten oder Differenzen

Wir machen uns das Denken leicht, indem wir in Identitäten denken. Das tun wir in Europa seit zweieinhalb Jahrtausenden, Heidegger sprach vom "obersten Denkgesetz". Wir sagen "dieser da ist ein Nerd" und "diese dort ist eine Feministin". So weisen wir Identitäten zu, bilden Klassen, Gruppen, die wir klar unterscheiden können. Aber daraus kann immer nur Konflikt entstehen, keine Verständigung. Voraussetzung dafür, dass Grenzen überwunden werden ist, dass man die Gemeinsamkeiten mit den Anderen erkennt, dass man sich selbst im Anderen erkennt, und dass man die Differenzen zu denen erkennt, zu denen man selbst gehört. Nicht die Identität mit Anderen macht mich aus, sondern die vielen Differenzen, die mich zum Individuum machen.

Kurt Röttgers hat darauf hingewiesen dass der Fremde, der so radikal anders ist, nicht unbedingt zum Feind werden muss. Der Fremde kann für mich vieles sein, er auch zum Verführer werden, mich selbst zum Anders-Sein verführen. Das passiert, wenn ich mich vom Anders-Sein überraschen lasse, wenn ich es als Möglichkeit verstehe, wie man auch sein Leben gestalten kann. Dann entwickelt das Andere eine Attraktivität, die die Grenzen verflüssigt. Dieser Umgang mit dem "Anderen" ist gerade den Piraten nicht fremd, das Konzept der "liquid democracy", der flüssigen Demokratie lebt vom Schleifen der Grenzen, vom Einreißen der Stadtmauern der Polis, auf deren Idee wir bisher unser Konzept von Politik aufgebaut haben. In einer so entstehenden Landschaft des Politischen haben die Individuen die Chance, mal mit den Einen und mal mit den Anderen Gemeinsamkeiten in Politik umzusetzen oder Differenzen auszuleben. Ich vermute, die Gemeinsamkeiten zwischen "Nerds" und "Feministinnen" – man kann solche Identitäts-Begriffe dann nur noch in Anführungszeichen verwenden – sind weit größer als die Differenzen. man merkt dies immer, wenn man nicht mit uniformen Gruppen, sondern mit einzelnen Menschen, mit Individuen kommuniziert.

Die Dritte

In Carl Schmitts Begriff des Politischen fehlt der Dritte, der, der den Konflikt stört und damit zwischen den Fremden, den Feinden, zum Vermittler werden kann, wie Kurt Röttgers meint. Der Dritte ist der lebende Beweis für die Gemeinsamkeiten, die ich mit meinem Feind habe. Die deutschen und die französischen Soldaten in den Schützengräben waren eben auch Fußballspieler, und dieses gemeinsame Dritte machte aus Feinden Menschen, die – wenigstens für eine gewisse Zeit, sogar die brutalste Grenze, die Kriegsfront, unsichtbar machen konnten.

Auch Julia Schramm könnte so eine Dritte sein. Sie ist Feministin und Piratin, sie hat also Gemeinsamkeiten mit beiden Gruppen, und in diesen Gemeinsamkeiten unterscheidet sie selbst sich von den Feindbildern, die sie konstruiert hat. Voraussetzung für das Zuhören, mit dem der Dialog beginnt, ist ja, dass man Gemeinsames mit den Fremden entdeckt, über das man überhaupt sprechen kann, dass man eine gemeinsame Sprache findet, die auf gemeinsamen Erfahrungen basiert. Julia Schramm könnte eine Vermittlerin sein, wenn sie die Differenzen innerhalb der Gruppen, die sie als "Nerds" und "Feministinnen" bezeichnet hat, erkennt, diese Differenzen müsste sie in ihrer eigenen Identität finden, denn schließlich gehört sie selbst doch irgendwie zu den einen und zu den anderen.

Jörg Friedrich ist IT-Unternehmer und Technikphilosoph. Er schreibt u.a. für Telepolis und bloggt unter kulturblogs.de/artefakten.

15:10 11.11.2011
Geschrieben von

Jörg Friedrich

Naturwissenschaftler, IT-Unternehmer, Philosoph
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