Die Piraten und das Meer

Bildsprache Wir müssen uns das Internet als Ozean vorstellen: Der Mensch hat eine neue Welt der Unordnung erschaffen, und die Piraten sind in dieser Welt zu Hause

Mit dem Internet sind erstaunlich viele Wasser-Metaphern verbunden. Es begann schon ganz früh und technisch mit dem „Port“, also dem Hafen, den man ansteuern muss, um bei einem Server anlegen zu können. Dann kam die wahrscheinlich bekannteste Metapher – das Surfen. Heute sehen wir im Netz einen Video-Stream, und man spürt direkt das Vorbeirauschen des Stromes. Neuer ist die Cloud, die Wolke, in der alles Mögliche verschwinden kann, und natürlich der Pirat. Das Internet ist ein Ozean von Daten und Informationen, auf deren Wellen wir reiten, aus denen wir Ströme abzapfen. Und dieser Ozean ist die Heimat des Piraten.

Heute ist mit dem Begriff des Piraten oft das Bild eines Diebes und Verbrechers verbunden, aber dieses Bild war nie ganz überzeugend. Und in den Anfängen der Seefahrt, bei den alten Griechen, bedeutete das Wort, von dem „Pirat“ abstammt, auch noch etwas ganz anderes: „wagen, versuchen, nehmen“. Der Pirat ist einer, der es wagt oder versucht, eine neue Welt zu „nehmen“.

Um den Zusammenhang von Wagen und Nehmen im Altgriechischen zu verstehen, muss man sich den großen Unterschied zwischen Land und Meer bewusst machen. Das Land ist markiert, von Spuren menschlicher Ordnung durchzogen, es gibt klare, dauerhafte Wege mit erkennbaren Zielen. Das Land ist, wie Deleuze und Guattari in den Tausend Plateaus schrieben, ein gekerbter Raum. Das Meer hingegen ist ein glatter Raum, ohne Markierungen, ohne dauerhafte klare Wege und Spuren, ohne Grenzsteine und Befestigungsanlagen. Wer sich aufs Meer hinaus begibt, wer den glatten Raum wählt (nimmt), verlässt den Schutz der klaren Ordnung, er wagt sich in die Ordnungslosigkeit. Dieses Wagnis versucht der Pirat, er nimmt das glatte Meer und verzichtet auf den Schutz des geordneten Landes.

Der Ozean der Gegenwart ist das Internet – paradoxerweise, denn es ist das erste Ordnungslose überhaupt, das vom Menschen gemacht ist. Nach Jahrtausenden des ordnenden Eingriffs in die chaotische Natur hat der Mensch zum ersten Mal eine neue Welt der Unordnung geschaffen.

Diejenigen, die sich heute als Piraten bezeichnen, waren in dieser ungeordneten Welt von Anfang an zu Hause. Sie gehören zu denen, die sich auf diesen Ozean hinaus gewagt haben, die ihn – in einem gewissen Sinn – in Besitz genommen haben, soweit man überhaupt einen Ozean, auf dem es keine festen Grenzen gibt, besitzen kann. Ein solches Piratentum ist immer eine Utopie, nämlich die Idee, dass Menschen auch jenseits der alten Ordnungen klar kommen und glücklich sein könnten. Es ist selbstverständlich, dass Piraten in ihrem vertrauten Medium die Gesetze der ländlichen Ordnungen nicht akzeptieren können, zumal sie belustigt dabei zusehen, wie die Herrscher der gekerbten Räume ihre Grenzmarkierungen auf dem Wasser zu setzen versuchen und sich wundern, wie ein Grenzstein nach dem anderen in den Fluten versinkt.

Irgendwann wird gekerbt

Aber auch die Bewohner der „alten Welten“ wollen das Meer befahren, das Internet nutzen. Sie wollen die „virtuelle Welt“ überqueren, um von einem Port zum andern zu gelangen. Das muss zu Konflikten mit den Piraten führen, zumal, wenn die Handelsflotten ihre Regierungen auffordern, das Meer zu markieren, Grenzen zu ziehen und für Ordnung beim Surfen zu sorgen.
So einen Kampf haben am Ende bisher immer die Piraten verloren. Sie wurden zu Verbrechern erklärt, vernichtet oder in den Dienst der einen oder anderen Landmacht genommen. Irgendwann wird jeder glatte Raum gekerbt, und dann sind die Piraten nichts anderes mehr als Verbrecher oder Folklore, Vorbilder für Komödien und Kinderfilme.

Natürlich können die Piraten des Internets versuchen, dieses Schicksal zu vermeiden. Dafür gibt es drei Möglichkeiten. Den ersten Weg sind im Laufe der Jahrhunderte viele Piraten gegangen: Sie haben sich in den Dienst der alten Mächte nehmen lassen und fortan eine gute Karriere an Land oder auf den stolzesten Schiffen der Marine gemacht. Auf die zweite Idee sind frühere Piraten im Gegensatz zu den jetzigen wohl nicht gekommen: Sie fordern eine soziale Grundsicherung für jeden und alle (auch für Piraten) – dann ist das Versuchen kein Wagnis mehr, keine Inbeschlagnahme des Unsicheren. (Womit die Piraten ganz schnell von den Landratten nicht mehr zu unterscheiden sind.)

Die dritte Variante wäre, darauf zu setzen, dass die menschengemachte Nicht-Ordnung des Netzes erst der Anfang einer großen glatten Welt ohne Kerben (Grenzsteine, Markierungen, ausgetretene Wege) ist, und dass es gut ist, sich auf so eine Welt einzurichten und wirklich neue Wege vorzubereiten und auszuprobieren. Auch dafür steht ja schon eine Wasser-Metapher bereit: Liquid Democracy, die flüssige Demokratie. Die auszuprobieren und auszugestalten ist ein wirkliches Wagnis, das zu versuchen Piratensache wäre. Wer weiß, wenn die gelangweilten Landratten davon erfahren, verlassen sie vielleicht das sinkende (hier hinkt meine Metapher) Land.

13:57 19.12.2011
Geschrieben von

Jörg Friedrich

Naturwissenschaftler, IT-Unternehmer, Philosoph
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Jörg Friedrich

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