Ein neuer Glaube?

Wundersamer Alltag Wird das Internet zur modernen Heiligen Schrift, in der jeder die Beweise für das findet, was er glauben will? Unser Kolumnist wundert sich über einen Mangel an Skepsis

Vor einigen Wochen konnte man in einem Artikel auf einer ziemlich anerkannten Blogplattform lesen, dass der Mehrwertsteuersatz auf Babynahrung 19 Prozent betrage, dass Brei und Milchpulver für Kleinkinder also mit dem vollen Satz versteuert und somit nicht als Grundnahrungsmittel angesehen würden, während sogar Hundefutter mit dem ermäßigten Satz von 7 Prozent besteuert würde. In dem Artikel diente diese Aussage als Indiz unter anderen für die Feststellung, dass unsere Gesellschaft kinderfeindlich sein.

Mich machte diese Aussage stutzig. Sicherlich gibt es gerade bei der Mehrwertsteuer viele Ungereimtheiten und Absurditäten, aber dass auf Babybrei 19 Prozent aufgeschlagen werden, schien mir doch abwegig. Ich begann die Suchmaschine meines Vertrauens zu befragen und erhielt tatsächlich eine Vielzahl von Treffern, die die Aussage des Bloggers zu bestätigen schienen – darunter auch Online-Portale großer deutscher Nachrichtenmagazine. Erstaunlich war, dass es in den Artikeln immer um die Absurdität des Steuersystems ging, und dass immer wieder der Vergleich mit Hundefutter und Trüffeln auftauchte.

Eine Urban Legend

Schließlich fand ich einen Online-Shop, der sich auf den Vertrieb von Babyartikeln spezialisiert hatte und dort konnte ich schon auf der Titelseite an jedem empfohlenen Produkt den Mehrwertsteuersatz lesen – er beträgt für Babybrei und Flaschenmilch-Pulver 7 Prozent. Sicherheitshalber machte ich noch einen Probeeinkauf bei einem großen Online-Buchhändler – dort kann man, kurz vor dem Absenden der Bestellung, die Mehrwertsteuerinformationen abrufen.

Offenbar handelt es sich also bei der Meldung vom vollen Mehrwertsteuersatz auf Babynahrung um eine sogenannte Urban Legend, ein modernes Märchen, ein bloßes Gerücht. Ein Artikelschreiber hatte sie vom anderen abgeschrieben, Blogs und Foren haben sie aufgegriffen, und inzwischen ist sie so oft wiederholt worden, dass sie wohl nicht mehr aus der Welt zu schaffen ist.

Erstaunlich war, dass jener Blogger, als ich ihn auf den Irrtum hinwies, zunächst und ziemlich hartnäckig mit Artikel-Links auf eben solche Online-Medien antwortete. Auf die Idee, dass die Stunde der Wahrheit nicht bei der Suchmaschinen-Recherche, sondern beim Einkauf, ob Online oder im Supermarkt um die Ecke, schlägt, kam er offenbar nicht. Und damit steht er nicht allein.

Wenn man durch die Diskussionen zu dem Thema im Netz surft, findet man sogar Leute, die behaupten, im Laden gewesen zu sein und dort selbst den hohen Mehrwertsteuersatz vorgefunden zu haben – was nach Lage der Dinge eigentlich unmöglich ist. Es scheint also, als ob das Lesen von Artikeln im Internet, die immer wieder das Gleiche behaupten, den Menschen so sicher machen können, dass er die Überprüfung eines Sachverhalts in der Praxis für überflüssig halten, ja, dass sie das Lesen von Artikeln im Netz schon für eigene Erfahrung halten. Und das selbst dann, wenn der Sachverhalt doch immerhin so absurd erscheint, dass man sich darüber erregt.

Wie im "Galilei"

Aber vielleicht ist die Absurdität der Sache sogar der Grund, weshalb solche Behauptungen unhinterfragt geglaubt werden. Das Absurde passt hier zu einer Menge von Vorurteilen, also von Urteilen, die der Leser schon zuvor über die Welt hatte, dass es gern geglaubt wird, weil es eben diese Vorurteile bestätigt – und mit einer praktischen Überprüfung liefe man ja Gefahr, lieb gewonnene Vorurteile revidieren oder wenigstens relativieren zu müssen. Ein solches Vorurteil ist die Kinderfeindlichkeit des Staates und der Gesellschaft, ein anderes die Absurdität und Ungerechtigkeit des Steuersystems. Ob diese Vorurteile berechtigt sind oder nicht, sei dahin gestellt, offenbar ist es aber so, dass man Meldungen, die die eigenen Vorurteile bestätigen, gern ungeprüft übernimmt, während man Überprüfungsmöglichkeiten für Argumente, die den eigenen Vorurteilen widersprechen, offenbar gern vermeidet.

Das Verhalten erinnert an das der Mönche im Leben des Galilei, die sich weigern, durch das Fernrohr des Forschers zu schauen, weil das, was darin zu sehen sein könnte, ohnehin falsch sein muss – da es ja dem widerspricht, was man in der Heiligen Schrift nachlesen kann. Wird das Internet zur modernen Heiligen Schrift, aus der jeder das herauslesen kann, was seine eigenen Vorurteile bestätigt, und wo jeder die schriftlichen Beweise für das findet, was er glauben will? Werden diese schriftlichen Beweise durch die Selbstverständlichkeit ihrer Anerkennung viel stärker sein als jeder praktische Versuch?

Es sieht ganz so aus – aber letztlich kann ja jeder für sich selbst entscheiden, ob er dem Netz glaubt, so wie auch jeder selbst entscheidet, der Heiligen Schrift zu glauben. Manches Kluge ist ja darin zu finden, und man kann ohnehin nicht alles überprüfen. Aber man kann sich immer ein paar Wege offenhalten, manches kann man einfach ausprobieren – sogar im Internet. Eine gesunde Skepsis hilft da schon weiter, vor allem, wenn so viele Quellen immer ziemlich genau das Gleiche schreiben.

Jörg Friedrich geht immer donnerstags in seiner Kolumne "Wundersamer Alltag" seinem ganz alltäglichen Staunen über die Welt nach. Denn alle Philosophie beginnt beim Staunen. Und alle Weltveränderung mit einem Wundern. Vergangene Woche wunderte sich Friedrich über die Logik der Transplantationsmedizin.

14:14 05.04.2012
Geschrieben von

Jörg Friedrich

Naturwissenschaftler, IT-Unternehmer, Philosoph
Schreiber 0 Leser 4
Jörg Friedrich

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