Gib nicht so Gummi

Wundersamer Alltag Alles zum Wohle des Kunden, oder wozu braucht die Bäckerin sonst einen Gummihandschuh? Kann sein, dass sie damit auch nur einer Verordnung folgt. Zum Unmut unserer Autors

Die Bedeutung des Gummis, insbesondere in der Form in der man es als Schutz über die verschiedenen Körperteile ziehen kann, ist kaum zu überschätzen. Man denke nur an den Effekt von Gummistiefeln und Gummihosen, aber auch die schützende Wirkung von Gummimasken ist – insbesondere wenn sie mit einem Atemfilter vor Mund und Nase und Glasfensterchen für die Augen versehen sind, beachtlich. Das Gummi trennt wirksam das von ihm umschlossene Innere von der Außenwelt und schränkt doch den Umgang des Eingehüllten mit dem Ausgegrenzten nur minimal ein, es schützt damit das eine vor dem anderen und lässt doch einen intimen Kontakt zu – eine kulturelle Errungenschaft der Extraklasse.

Dieser segensreichen Wirkung haben wir natürlich auch die Gummihandschuhe zu verdanken, die zuerst den Ärzten und dem übrigen medizinischen Personal vorbehalten waren, schon vor einiger Zeit aber, in etwas stabilerer Ausführung, ihren Siegeszug auf Baustellen und in Gärten antraten bevor sie, wieder in der eleganten medizinischen Ausführung, in Lebensmittel-Verkaufstellen auftauchten, erst beim Fleisch- und Wurstverkauf, und nun auch im örtlichen Bäckerladen.


Für die Zigarette danach

Meine kürzliche Reise in die Berge führte mich – kurz vor dem Ziel – in ein Bäckereigeschäft mit kleinem Café in der Nähe eines verschlafenen Bahnhofs, und auch hier war der glatte elastische Handschuh bereits angekommen. Die Verkäuferin hatte ein Exemplar über ihre rechte Hand gezogen, mit der sie mir ein Stück Kuchen aus der Auslage fischte und sodann einen Kaffee einschenkte, mein Geld entgegennahm und Wechselgeld herausgab. Während ich zum Stehtisch hinüber ging um meine Mahlzeit zu verzehren, trat sie, noch immer das schützende Gummi über der rechten Hand, vor die Tür, entzündete eine Zigarette und erholte sich – genüsslich rauchend – von der anstrengenden Arbeit.

In diesem Moment wurde mir klar, dass das Gummi des Handschuhs offenbar nicht etwa das Lebensmittel, welches ich verzehren wollte, vor eventuellen Verunreinigungen oder Krankheitserregern auf der Haut der Verkäuferin schützen sollte, sondern dass es umgekehrt sein musste: Der Überzug schützte die arbeitsame Hand der Frau vor den vielfältigen Gefahren der Außenwelt: dem Zucker des Kuchen, dem Dampf des Kaffees, den Rückständen meines Schweißes auf den Geldstücken, die ich ihr gereicht hatte, und schließlich auch vor dem Rauch ihrer eigenen Zigarette. Merkwürdig allerdings, dass sie nicht auch über die linke Hand einen Handschuh gezogen hatte.

Es kann natürlich auch sein, dass die Frau den Handschuh trug weil es schlicht Vorschrift war. Vielleicht gibt es irgendeine Verordnung einer Behörde oder eine Anordnung des Bäckers, bei der Arbeit diesen Schutz zu tragen. Über den Sinn und den Zweck hat sie nicht zu befinden, das hat die Vorschrift bereits getan – als Mensch muss man sich nur dran halten. Vorschriften werden erteilt, sind einzuhalten – und dann ist alles gut, weiteres Nachdenken unnötig.

Liegt es daran, dass mir mein Kuchen in einem fernen Bäckerladen irgendwie nicht schmeckte? Es kann auch damit zu tun haben, dass gesunder Menschenverstand und Verantwortungsgefühl für das, was man tut, durch Gesetze, Regeln, Verordnungen, Kontrollinstanzen und Prüfberichte ersetzt wird. Die bürokratischen Regeln des staatlichen Apparates sorgen für unsere Sicherheit und unser Wohlergehen, und wo die dann versagen, ist am Ende niemand verantwortlich.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich geht immer donnerstags in seiner Kolumne "Wundersamer Alltag" seinem ganz alltäglichen Staunen über die Welt nach. Denn alle Philosophie beginnt beim Staunen. Und alle Weltveränderung mit einem Wundern. Vergangene Woche fragte er sich, wie man sich als Gast gegenüber arroganten Kellnern verhalten soll

14:00 10.05.2012
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Jörg Friedrich

Naturwissenschaftler, IT-Unternehmer, Philosoph
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