Im Strom

Wundersamer Alltag Energieeffiziente Geräte sind gut. Nur haben wir vor einiger Zeit noch mehr Energie gespart, weil wir Muskelkraft einsetzten. Wir müssen umdenken, sagt unser Kolumnist

Mein Smartphone-Akku hält gerade mal einen Tag, das Handy, das ich zuvor hatte, hat fast eine ganze Woche durchgehalten. Das ist kein Wunder, denn mit dem neuen Gerät bin ich ständig online, ich kann es als Hotspot benutzen, kann meinen Standort per GPS bestimmen. Wo immer ich bin, kann ich mir kleine Lautsprecher ins Ohr stecken und Radio oder Musik hören, oder mir ein Buch vorlesen lassen, das ich sonst hätte mit mir herumtragen müssen. Ich habe ein riesiges Display, auf dem ich sogar die Freitag-Webseite lesen kann, und Kommentare zu meinen Artikeln kann ich auch schreiben.

Das kostet sicherlich eine Menge Strom, aber davon merke ich nicht viel. Wenn ich mich in meinem Alltag umsehe, stelle ich fest, dass das Smartphone von all meinen Stromverbrauchern wahrscheinlich noch der kleinste ist. Und ständig werden es mehr: Küchengeräte, die Kamera, Gartengeräte, alles ist in den letzten Jahren elektrisch geworden. Und was zuvor schon elektrisch war, das wird immer größer und leistungsfähiger, wie die Fernsehgeräte, deren Bildschirme zwar immer flacher, dafür jedoch auch immer breiter werden. Wenn ich mich in der Nachbarschaft umsehe, sieht es nicht anders aus. Wer schneidet seine Hecke noch mit einer manuellen Heckenschere, wer hackt sein Kaminholz noch mit dem Beil? Was nicht elektrisch ist, das frisst Benzin, wer fegt das Laub noch mit einem Besen zusammen?

Alle neuen Geräte haben beste Energieeffizienz-Werte. Der Strom oder der Treibstoff, den sie verbrauchen, nutzen sie effizient – aber sie verbrauchen ihn für Dinge, die wir vor Jahren noch mit Muskelkraft erledigt haben.

Kommt es darauf an?

Wenn ich abends in der Dunkelheit durch die Vororte jogge, ist inzwischen fast jeder Vorgarten und jeder Hauseingang in helles Licht getaucht: Alles natürlich energiesparende LED-Leuchen oder Energiesparlampen, die nur einen Bruchteil des Stroms verbrauchen, den zuvor Glühlampen benötigt hätten – wenn sie überhaupt da gewesen wären. Wir sparen Energie bei Stromverbrauchern, die wir vor ein paar Jahren gar nicht hatten.

Man sagt oft, dass es darauf nicht ankommt. Die großen Energieverbraucher, das seien die Industriebetriebe und der Gütertransport. Die Wirtschaft solle sparsamer sein, den Kohlendioxidaustausch senken, energieeffizient arbeiten, auf das das Klima und die Umwelt geschützt werde. Das bisschen, was wir in den privaten Haushalten zum Energieverbrauch beitragen, um uns unser Leben ein bisschen angenehmer zu gestalten und an den Errungenschaften des technischen Fortschritts teilhaben zu können, sei zu vernachlässigen.

Aber es kommt gar nicht auf die Größe des absoluten Beitrags eines jeden einzelnen zum Energieverbrauch an. Ist denn eine Gesellschaft, in der die Bürger nach Belieben die Ressourcen verschwenden, die Wirtschaft aber spart, überhaupt denkbar? Wäre dazu nicht eine schizophrene Spaltung eines jeden von uns in Privatperson und Teilnehmer am Wirtschaftsleben notwendig?

Wenn es stimmt, dass wir vor einer Klimakatastrophe stehen, wenn wir unseren Ressourcenverbrauch nicht radikal senken, dann müssten wir, um die Katastrophe zu verhindern, radikal umdenken – nicht nur auf Energiesparlampen umsteigen, sondern auch die Helligkeit herunterdrehen, den Rasen und die Hecken mit Muskelkraft beschneiden, statt Google am Notebook aufzurufen wieder das Lexikon aus dem Schrank holen. Nicht nur, weil wir damit selbst Energie sparen, sondern vor allem auch, um dem Teil der Menschheit, der die Segnungen all dieser Techniken heute noch nicht genießt, zu zeigen, dass wir verzichten können – denn das wäre doch die erste Voraussetzung dafür, dass man in den Teilen der Welt, die heute noch in punkto Energieverbrauch weiße Flecken darstellen, unseren verschwenderischen Lebensstil nicht mehr als buchstäblich leuchtendes Ziel ansieht.

Verzicht als Illusion

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Das ist illusorisch, und damit ist auch illusorisch, dass die Ziele der Emission von Treibhausgasen, die uns von den Klimaforschern als unbedingt zu erreichende Grenzwerte angegeben werden, auch nur im Entferntesten erreicht werden. Das liegt weniger daran, dass sich Politiker nicht einigen können und die Wirtschaft sich nicht bemüht, es liegt schlicht daran, dass fast niemand von uns bereit ist, auf das zu verzichten, was an sogenanntem Fortschritt technisch machbar ist.

Man könnte einwenden, dass alternative Formen der Energieerzeugung, Sonnenstrom und Windkraft, geeignet wären, einen klimafreundlichen Fortschritt zu sichern. Zwar kennt niemand die wirkliche Energiebilanz der alternativen Technologien, und gerade dieser Tage wird eine Studie veröffentlicht, die zum Beispiel nachweist, dass die Kohnendioxid-Bilanz von E10-Benzin schlechter ist als die von herkömmlichem Treibstoff – aber es sei für einen Moment angenommen, dass Wind, Sonne und die Kraft des Korns uns theoretisch eine umweltfreundliche Energieverschwendung erlauben würden. Jeder wirklich nachhaltig denkende und handelnde Mensch müsste doch dann wenigstens darauf warten, dass diese Technologien funktionieren und den notwendigen Energiebedarf praktisch abdecken, bevor er sich den nächstgrößeren Fernseher kauft oder aufs stromgetriebene Fahrrad umsteigt. Es gibt noch so viele ungelöste technische Probleme bei der „Energiewende“; wer weiß ob die gelöst sind, bevor die „Grenzen des Erlaubten“ bei den Treibhausgasen überschritten sind.

So gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass wir beim Verbrauch von Strom und Erdöl rechtzeitig bescheiden werden. Wir können natürlich hoffen, dass alles nicht so schlimm kommt, wie die Klimaforscher ausrechnen, dass sie sich verrechnet haben und sich täglich aus Neue verrechnen. Das ist möglich. Falls das allerdings nicht der Fall ist, sollten wir anfangen, umzudenken. Es geht dann nicht mehr um die Frage, wie die Katastrophe verhindert werden kann, sondern, wie wir uns in ihr einrichten.

16:53 16.02.2012
Geschrieben von

Jörg Friedrich

Naturwissenschaftler, IT-Unternehmer, Philosoph
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Jörg Friedrich

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