Jörg Friedrich
20.09.2012 | 15:44 9

Nicht mehr per Anhalter

Wundersamer Alltag Die Tramper sind verschwunden, aber warum? Jeder weiß es, aber jeder weiß etwas anderes

Nicht mehr per Anhalter

Die Jungen kommen nicht mehr auf die Idee zu trampen, weil sie dazu ältere kennen müssten, die es ihnen vormachen

Foto: zenit.fanatic

Es gibt keine Tramper mehr. Vor 30 Jahren standen sie noch an den Autobahnauffahrten und in der Nähe der Ortsausgänge an den Landstraßen. Das weiß ich, denn da war ich oft einer von ihnen. Auch vor 15 Jahren gab es sie noch, denn da habe ich selbst immer mal wieder einen von ihnen mitgenommen. Aber jetzt fährt offenbar niemand mehr „per Anhalter“. Es ist fraglich, ob es überhaupt noch möglich wäre, ob diese Kulturtechnik nicht schon ausgestorben ist. Damit das Trampen funktioniert, muss der Autofahrer innerhalb von Bruchteilen einer Sekunde das Signal verstehen, das der Anhalter ihm sendet. Als Fahrer muss man darauf eingestellt sein, dass da jemand stehen könnte, und das geht nur, wenn man es gewohnt ist, Leute, die den Daumen hochhalten oder dem fließenden Verkehr Pappschilder mit Städtenamen entgegenhalten, zu sehen, wenn man es gewohnt ist, darauf zu achten. Da es diese Gewohnheit schon nicht mehr gibt, würde wahrscheinlich schon deshalb heute kaum noch ein Autofahrer anhalten, weil er zu spät reagieren würde.

Warum versucht niemand mehr, fremde Autofahrer durch eine einfache Geste dazu zu bewegen, anzuhalten, damit man ein Stück in die Ferne mitgenommen wird? Ich habe verschiedene Bekannte gefragt und bekam ganz unterschiedliche Antworten. Einer meinte, es sei heute viel zu gefährlich, sich zu fremden Leuten ist Auto zu setzen, und es sei auch zu gefährlich geworden, jemanden mitzunehmen. Da friedliche junge Leute aus Angst nicht mehr trampen, stehen ohnehin nur noch Leute an den Straßen, denen man nicht trauen könnte – und deshalb sei es umso ratsamer, nicht anzuhalten. Der Nächste erklärte, dass die jungen Menschen alle selbst Autos hätten, die hätten es gar nicht mehr nötig, per Anhalter zu fahren. Ein dritter erläuterte mir, dass überall da, wo früher Tramper stehen konnten, heute striktes Halteverbot sei, es gäbe schlicht keine vernüftige Stelle mehr, an der man Tramper ins Auto lassen könnte.

Perpetuum mobile des Weltverstehens

Das Wundersame an der Sache: Alle drei waren von ihrer Erklärung völlig überzeugt, für sie war jeweils die Sache völlig klar, jeder von ihnen staunte eigentlich vor allem über meine Einfalt, dass ich nicht selbst auf die einzig plausible Erklärung gekommen war.

Es erübrigt sich wohl, zu erwähnen, dass keiner von den dreien irgendwelche Studien, Befragungen oder wissenschaftlichen Untersuchungen zur Untermauerung seiner Überzeugung vorgebracht hat. Für jeden von ihnen erklärte sich das Verschwinden der Tramper ganz selbstverständlich aus seinen Vorstellungen von der Gesellschaft: Der erste sah überall die zunehmende Kriminalität, der zweite die verwöhnte, materiell zu gut ausgestattete Jugend, der dritte die wuchernde staatliche Bevormundung, die überall Verbote aufstellt und damit Spontanität verhindert. Und der Clou: jeder von ihnen konnte nicht nur das Verschwinden der Tramper aus seinem Weltbild erklären, sondern auch umgekehrt, die verschwundenen Tramper waren für jeden von ihnen nun auch ein Beleg dafür, dass ihr Weltbild stimmt. Ein perpetuum mobile des Weltverstehens.

Warum tatsächlich keine jungen Menschen mehr von fremden Autofahrern mitgenommen werden wollen, kann man vielleicht überhaupt nicht herausfinden. Die, die früher getrampt sind, tun es schon deshalb nicht mehr, weil sie älter geworden sind. Und die Jungen, können wir vermuten, kommen nicht auf die Idee, weil sie dazu ältere kennen müssten, die es ihnen vormachen. Die Kette ist schlicht abgerissen, genauer gesagt, sie ist, aus welchen Gründen auch immer, über die Jahre dünner geworden und am Schluss hat sie sich aufgelöst.

Vielleicht ist es auch viel einfacher: vielleicht gibt es die Tramper immer noch, man sieht sie nur nicht mehr. Sie stehen an den virtuellen Straßen der Mitfahrzentralen, sie halten den virtuellen Daumen im Twitter-Stream hoch.

Aber das ist auch nur eine Wahrheit, die vierte. Warum es wirklich keine Tramper mehr gibt, lässt sich nicht ermitteln.

Jörg Friedrich geht immer donnerstags in seiner Kolumne "Wundersamer Alltag" seinem ganz alltäglichen Staunen über die Welt nach. Denn alle Philosophie beginnt beim Staunen. Und alle Veränderung mit einem Wundern.

Vergangene Woche wunderte er sich über die Urteilskraft des Schwarms.

Kommentare (9)

MrTweek 21.09.2012 | 09:23

Ich frage mich auch, wo die Aussage herkommt, es gäbe keine Tramper mehr. Ich trampe selber auch relativ viel und komme damit normalerweise schnell und zuverlässig durchs ganze Land.

An einem warmen Sommerwochenende kann man an fast jeder deutschen Raststätte Tramper treffen. Manchmal so viele, dass man "Schlange" stehen muss.

Es gibt inzwischen sogar einen Tramperverein (www.abgefahren-ev.de), der jedes Jahr eine Deutsche Trampermeisterschaft organisiert (http://race.abgefahren-ev.de) und es gibt regelmäßige Trampertreffen in ganz Europa bei denen locker über 100 Leute auftauchen.

Auch wenn es vielleicht weniger sind als in de 70ern, so existiert definitiv nach wie vor eine bunte und lebhafte Tramperkultur in Deutschland.

ed2murrow 21.09.2012 | 13:03

So entschieden ich Ihren vorangegangenen Blick auf den Alltag abgelehnt habe, so entschieden unterschreibe ich den vorliegenden: "Aber das ist auch nur eine Wahrheit, die vierte" - eine Fata Morgana, die sich nicht nur die sog. "Truther"-Szene zugeignet hat. Und die stellt sich wiederum selbst nicht in Frage, weil sie "Warum es wirklich keine Tramper mehr gibt, lässt sich nicht ermitteln" als Faktum hinstellen würde, statt die These, wie Sie es tun, wieder an ihren Anfang zu bringen: Dem "perpetuum mobile des Weltverstehens".

Und das ist nun wirklich kein Zirkelschluß ;)

Jörg Friedrich 21.09.2012 | 14:30

Die Formulierung Ihrer Frage zeigt mir, wie sehr sich das Phänomen "per Anhalter fahren" verändert hat und wie man sich auf diese Weise missverstehen kann. Vor dreißig Jahren war "per Anhalter fahren" eine selbstverständliche, alltägliche Methode, um den Weg nach Hause z.B. zurückzulegen. Schüler, die über Land mussten, stellten sich nach der Schule an die Straße, auch Studenten an den Wochenenden. Das meine ich. Da "traf" man nicht "regelmäßig andere Tramper", die waren alle da. Man sagt ja auch nicht, dass man seine Kollegen "regelmäßig trifft". Und eine Webseite für Tramp-Tipps hätte man schlicht nicht gebrauct, weil man sich das Trampen bei anderen im Alltag abschauen konnte, so wie man sich das Öffnen von Türen bei anderen abschaut.

Jörg Friedrich 21.09.2012 | 14:34

Ich bestreite nicht, dass es einen Sport und eine Freizeitbeschäftigung gibt, die im gewissen Sinne von weitem Ähnlichkeit hat mit dem Trampen, dem "per Anhalter Fahren". Eigentlich bestätigt diese Tatsache nur das Verschwinden des Trampens als alltägliche Transportmöglichkeit. Es ist wie mit dem alten Handwerk, das in der Folklore, als Freizeitbeschäftigung, als Sport weiterlebt.

weinsztein 23.09.2012 | 04:12

Aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Trampen

"Der Rückgang von Trampern in Deutschland ist auf eine höhere Verbreitung von Autos bei Heranwachsenden, die Einführung von Wochenendtickets, Anrufsammeltaxis, Online-Mitfahrzentralen und Billigairlines, aber auch den stärkeren Drang nach Sicherheit zurückzuführen. Dies schließt sowohl körperliche Unversehrheit als auch die Gewissheit pünktlicher Ankunft mit ein. Zum Teil dürfte dies auch auf die Anfang der 1990er Jahre aufkommenden neuen Versicherungsmodelle zurückzuführen sein, bei denen die möglichen Fahrzeuginsassen schon vorher festgelegt werden müssen. Trotzdem funktioniert das Trampen in Deutschland noch ziemlich gut, weil viele Autofahrer, die Anhalter mitnehmen, das Trampen aus ihrer Jugend kennen."

quinten 23.09.2012 | 14:52

Mit Verlaub Herr Friedrich: Dieser Artikel ist schrottig. Was ist Ihre Kernaussage, "früher war alles besser"? Falsch, früher war alles anders.

Dass heute weniger Menschen an Autobahnausfahrten stehen und per Däumchen reisen ist sicher unbestreitbar (auch wenn Sie keinerlei Anstalten gemacht haben, dies mit Zahlen oder Studien zu belegen.) Ich für meinen Teil reise aber sowohl innerhalb Deutschlands als auch international sehr häufig per Anhalter, entweder direkt an der Straße, oder, weil dies meist erfolgsversprechender ist, auf Autobahnraststätten und Tankstellen. Dabei treffe ich in der Regel viele andere Tramper, und stehe dennoch nie länger als eine halbe Stunde bevor es weitergeht. Mitgenommen werde ich sowohl von "Alten", die Trampen aus ihrer Jugend kennen, als auch von Mitgliedern meiner Generation, die vorher noch nie jemanden mitgenommen haben.

Ich würde mir wünschen, wenn Sie die Thematik etwas differenzierter betrachten würden, und nicht einfach vorschnell in ihrer vorgefertigten Meinung bestätigt glauben.