Jörg Friedrich
25.10.2012 | 17:05 6

Quote für Hosenanzüge

Wundersamer Alltag Durch mathematische Verfahren und Prozentvorgaben wird die Chancengleichheit im Alltag nicht verbessert. Im Gegenteil

Frauen sollen ins Management: Ich bin dafür. Das Leben ist angenehmer, wenn in den Meetings nicht nur graue Anzugträger sondern auch bunte Kostümträgerinnen sitzen. In Telefonkonferenzen könnte man die Stimmen auch besser unterscheiden.

Viel mehr Nutzen wird die Quoten-Regel, die jetzt wieder einmal heiß durch die relevanten Ministerinnen und Manager diskutiert wird, nicht bringen. Sie wird überhaupt kein einziges Problem lösen. Das ergibt sich schon daraus, dass die Probleme, die gelöst werden sollten, noch nicht einmal wirklich benannt worden sind.

Es gibt zwei mögliche Problemfelder, die für die Politik überhaupt Thema sein könnten: Chancengleichheit für alle und Verbesserung der Management-Qualität im Interesse aller.

Chancengleichheit gibt es aber nicht für anonyme Gruppen. Selbst wenn 10.000 Frauen mehr in Management-Positionen kämen, muss das nicht heißen, dass sich die Chancen für Lisa Müller auf einen Vorstandsposten auch nur im geringsten verbessert haben.

Stellen wir uns vor, Lisa Müller ist eine alleinerziehende Mutter zweier Kinder, das eine ist im Kindergarten, der um 8:00 Uhr öffnet und um 16:00 Uhr schließt, das andere in der Grundschule, ohne Nachmittagsbetreuung. Was nützt Lisa Müller eine Frauen-Quote?

Zockermentalität in Chefetagen

Ihre Schwester Lara Müller hat sich entschlossen, Karriere zu machen, auf Kinder zu verzichten, sie joggt morgens eine Stunde, kommt um 9:30 Uhr ins Büro und arbeitet bis 20:00 Uhr. Sie trägt leider kein buntes Kostüm sondern einen grauen Hosenanzug und hat gute Chancen, von der Quoten-Regel zu profitieren.

Chancengleichheit? Auf diese Weise bleiben die Männer in den Vorstandsetagen unter sich, manche von ihnen sind zwar etwas kleiner und haben ein paar mehr Rundungen, die sie unterm teuren Stoff gut verbergen können. Sie stehen auf den Vorstands-Gruppenfotos immer in der Mitte. Aber das weibliche Denken, das vielleicht Nachhaltigkeit statt Zockermentalität in die Chefetagen bringen könnte, wird durch sie nicht befördert.

Was für eine Quote bräuchten wir wirklich? Eine Mütter-Quote? Eine Familien-Quote? Die Quote, die wir brauchen, kann man nicht messen und nicht abrechnen. Deshalb sollten sich die Ministerinnen auch nicht mit Managern zusammensetzen um medienwirksam die Konzerne zu etwas aufzufordern, wofür diese nicht zuständig sind: Sie sollten sich um Familienförderung kümmern, Kitas, Schulen, die Eltern auch unterstützen usw. Dann kommt die Quote in der Regel ganz von selbst.

(In eigener Sache: Dies ist die letzte Folge des Wundesamen Alltags, die Gründe für das Ende kann man hier nachlesen, sie liegen nicht beim Inhalt und auch nicht darin, dass der Alltag nichts mehr zum Wundern hergeben würde. Mir hat die Kolumne Spaß gemacht, auch die kritischen Kommentare waren immer anregend, dafür Danke! Man liest sich.)

Jörg Friedrich ging in den letzten Wochen immer donnerstags in seiner Kolumne "Wundersamer Alltag" seinem ganz alltäglichen Staunen über die Welt nach. Denn alle Philosophie beginnt beim Staunen. Und alle Veränderung mit einem Wundern.

 

Jörg Friedrich twittert auch philosophische und politische Gedankensplitter. Im Sommer erschien sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft

Kommentare (6)

UrsulaS. 25.10.2012 | 19:19

Genau!!!

Vor gut 15 Jahren waren die flexiblen Kindergarten-Abholzeiten noch sehr rar.Ebenso verhielt es sich mit den Betreuungsplätzen für Grundschulkinder am Nachmittag.Diese Zeit muste man also mit angepasster Karriere selber überbrücken.Wie hieß der Spruch noch gleich? Hinter einem Mann der Karriere macht steht eine Frau, hinter einer Frau die Karriere macht eine Mutter!Natürlich sind es jeder Frau die Kinder Wert, sich beruflich zurück zu halten.Aber dann kommt das böse Erwachen.Wenn´s soweit ist, dass man den Kindern Entbehrung ruhig zumuten kann ist man darauf angewisen, dass die Personaletagen ausreichend Vertrauen in die Bewerbung einer Frau legen, die nun gerne wieder präsent sein möchte.Verrückter Weise sind es weibliche Personalleiter, die Absagen erteilen, weil sie den Wiedereinstieg nicht zutrauen!!!Mehrfach erlebt und erfahren.Zu alt, zu lange reduziert gearbeitet, die Motivation wird nicht geglaubt und geschätzt.Dabei wird eine Mittvierzigerin sicher nicht wieder Schwangerschaftszeiten in Anspruch nehmen müssen.Auf die Initiative einer Dame, die bereit war auch mal als Learner drei Monate ohne Honorar zu arbeiten, um das Metier und die Firmenstrukturen kennen zu lernen erhielt sie die Reaktion:Praktikanten sind bei und Studienabgänger-also junge Leute, das passt nicht. Was sollte sie denn sonst noch anbieten?Auch am Bewusstsein unter den Frauen muss dringend etwas getan werden.Lobbyarbeit für die 40somethings?

UrsulaS. 25.10.2012 | 19:20

Genau!!!

Vor gut 15 Jahren waren die flexiblen Kindergarten-Abholzeiten noch sehr rar.Ebenso verhielt es sich mit den Betreuungsplätzen für Grundschulkinder am Nachmittag.Diese Zeit muste man also mit angepasster Karriere selber überbrücken.Wie hieß der Spruch noch gleich? Hinter einem Mann der Karriere macht steht eine Frau, hinter einer Frau die Karriere macht eine Mutter!Natürlich sind es jeder Frau die Kinder Wert, sich beruflich zurück zu halten.Aber dann kommt das böse Erwachen.Wenn´s soweit ist, dass man den Kindern Entbehrung ruhig zumuten kann ist man darauf angewisen, dass die Personaletagen ausreichend Vertrauen in die Bewerbung einer Frau legen, die nun gerne wieder präsent sein möchte.Verrückter Weise sind es weibliche Personalleiter, die Absagen erteilen, weil sie den Wiedereinstieg nicht zutrauen!!!Mehrfach erlebt und erfahren.Zu alt, zu lange reduziert gearbeitet, die Motivation wird nicht geglaubt und geschätzt.Dabei wird eine Mittvierzigerin sicher nicht wieder Schwangerschaftszeiten in Anspruch nehmen müssen.Auf die Initiative einer Dame, die bereit war auch mal als Learner drei Monate ohne Honorar zu arbeiten, um das Metier und die Firmenstrukturen kennen zu lernen erhielt sie die Reaktion:Praktikanten sind bei und Studienabgänger-also junge Leute, das passt nicht. Was sollte sie denn sonst noch anbieten?Auch am Bewusstsein unter den Frauen muss dringend etwas getan werden.Lobbyarbeit für die 40somethings?

Ismene 25.10.2012 | 21:20

Also, ich finde, wir brauchen eine Quote für Geld. Wenn man sowieso nicht mehr verdienen kann als ..., dann werden manche Sachen bestimmt relativ.

Oder wir müssen klassische Frauenberufe sehr viel höher bezahlen, ...

Oder klassische Karrierefelder sehr viel geringer, ...

Oder wir lassen mal die Menschen entscheiden, wieviel welche Tätigkeit wert ist - so im Verhältnis zueinander, ...

Liebe Grüße

Ismene

Walker1983 26.10.2012 | 10:01

Frauen haben dan auch nicht umbedingt das große Karriere-Ziel sich in das Haifischbecken des Management zu begeben. Man betrachte nur mal die sozialen Berufe in denen die Frauenquote sehr viel höher ist. Und das ganz ohne gesetzlichen Vorschirften. Es ist ein heikles Thema, aber unterschieden wir uns nicht einfach in den Charakterzügen?

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Ehemaliger Nutzer 26.10.2012 | 10:06

Das Problem ist, dass der siebziger Jahre Feminismus Gleichberechtigung so definiert hat: wenn sich Frauen genau so benehmen wie Männer, sollen sie die gleichen Chancen haben. Die tatsächlich vorhandenen Unterschiede müssen zur Not eben abgetrieben werden, sonst darf man sich über Diskriminierung nicht wundern. Das lag an der Person Alice Schwarzers, die - vermutlich nicht mit böser Absicht - gesehen hat, dass obwohl sie selbst kämpferisch, intelligent, kinderlos und ehrgeizig ist, nicht gleiche Chancen hat. Aber das ganze Ding ist ein Schildbürgerstreich mit völlig absurden Auswirkungen. Frauen sollten sich zunächst doppelt belasten, um ein Bein in die Management-Tür zu bekommen (das ist jetzt Normalität). Nachdem die Frauen jetzt eh schon beides (zu) machen (haben), sind die Männer immer mehr aus der Erziehung verschwunden. Eine Frau kann, egal wie sie sich anstrengt, nicht Vater und Mutter sein, aber dafür ist sie jetzt in der öffentlichen Wahrnehmung allein verantwortlich für alle Erziehungsschäden. Der Mann wird nur am Rand wahrgenommen, wenn er grade da ist. Meistens ist ers nicht. Nachdem alleinige Erziehungsverantwortung mehr Zeit, Kraft und Geld kostet (und vom Ergebnis her qualitativ schlechter ist) als gemeinsame, sind Frauen wirtschaftlich schlechter gestellt als vor 30 Jahren.

Angeblich haben Frauen mehr Freiraum und Möglichkeiten (wenn sie Kinder vermieden haben in Klammern dahinter). Ansonsten haben sie nämlich null Gestaltungsspielraum. Man kann allein mit kleinen Kindern nicht mal abends einen Sportkurs besuchen, was früher durchaus für die meisten Frauen drin war, auch wenn der Mann nur am Sofa döste.

Also zusammengefasst hat der Alice-Schwarzer-Feminismus folgendes gebracht: Frauen arbeiten mehr, sie haben weniger Gestaltungsspielraum, sie haben allein die Schuld an der Kindererziehung, sie sind ärmer. Und die erhoffte Emanzipation und Chancengleichheit, für die sie das alles gemacht haben, ist nicht gekommen.

Dass Alice Schwarzer danach bemessen wird, ob sie einem oder mehreren Männern auf die Füße getreten ist, ist lediglich eine komplett männerdominierte Sicht und völlig unerheblich. Für die Frauen hat sich die Situation durch den deutschen Feminismus im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern massiv verschlechtert.

Das ist aber kein Grund gegen die Quote zu sein. Denn natürlich muss gelten: wenn Frauen das Gleiche leisten, müssen sie gleiche Chancen und Bezahlung haben 8un sieleisten - auch wenn man sich nur die Kompetenz ansieht und die Familienarbeit außen vorlässt mehr als nur das Gleiche). Dass Frauen zusätzlich zu ihren Management-Qualitäten noch weibliche Tugenden einbringen müssen, sonst ist es eben nichts mit dem Vorstandsposten, ist absurd.

Ich denke auch, dass der Knackpunkt schlicht und einfach die Kinder sind. Wenn ich analysiere, was ich als Managerin hatte, was andere Frauen nicht haben, dann ist das eine Assistentin (von den dreien die ich hatte), die bis zum Anschlag solidarisch war und Eltern, die nur einen Kilometer entfernt gewohnt haben, und die reibungsfrei die Kinderbetreuung übernehmen konnten, wenn ich ins Ausland musste.

Das mit der Assitentin ist insofern interessant, weil sie nicht nur äußerst kompetent und älter als ich war, sondern mir beigebracht hat, einfach indem wie sie sich verhalten hat, wie das geht: Wenn ich mittags schon im Mantel in der Tür stand, hat sie am Tel nie gesagt: "Moment bitte!" und durchgestellt und nie: "Sie ist grad auf dem Weg in Kindergarten oder Schule. Sondern: "Sie bei einem Termin außer Haus und ist gegen drei Uhr wieder da." (wobei sie mir noch eine knappe Stunde zusätzlich Zeit verschafft hat, dass ich mich auch ja nicht hetzen muss, nur wegen irgendeinem wichtigen Geschäftspartner oder Gesellschafter ^^). So geht das. Und anders geht es (leider) bei den noch herrschenden Spielregeln nicht.