Technik, die nicht begeistert

Wundersamer Alltag Wenn der Nagel nicht hält, muss es wohl am Hammer liegen. Aber wo liegt die Fehlerquelle bei modernen technischen (Groß)- Projekten wie Flughafen oder Raumfahrt?

Ein paar Nachrichten der letzten Tage: Die Inbetriebnahme eines neuen Großflughafens verzögert sich um ein dreiviertel Jahr. Eine Versorgungsrakete für die ISS startet nicht wie geplant. Die Auslieferung der neuen ICE Züge verspätet sich erneut. Nachrichten wie diese, die in die Schlagzeilen kommen, sind bekanntlich nur die Spitze des Eisberges. Verzögerungen und Ausfälle wegen technischer Probleme müssen wir Tag für Tag in Kauf nehmen, die Türblockierung des Zugwaggons oder die Klimaanlage funktioniert nicht, die Lokomotive hat eine technische Störung, der Geldautomat ist vorübergehend außer Betrieb, eine Anzeigetafel bleibt leer, die Ampeln fallen aus, der PC stürzt ab.

Die täglichen Einschränkungen durch ausgefallene Technik bilden inzwischen ein Grundrauschen, an das wir uns gewöhnt haben und mit dem wir uns, so gut es geht, arrangieren: durch Intuition, gesunden Menschenverstand und doppelte Absicherung. Wer erst dann zum Geldautomaten geht, wenn er wirklich kein Geld mehr in der Tasche hat, wer dann noch nicht mal eine Kreditkarte für Notfälle in der Tasche hat, der muss eben eine Weile darben oder am Automaten der Nachbarbank überhöhte Gebühren zahlen. Andererseits mehren sich die Situationen, in denen der gesunde Menschenverstand nichts nutzt: Gegen eine ausgefallene oder zu kalt eingestellte Klimaanlage ist man machtlos, wenn sich die Fenster nicht öffnen lassen.

Mit den kleinen Widrigkeiten der geliebten Technik können wir uns irgendwie arrangieren. Die großen Projekte, die sich wegen technischer Schwierigkeiten verzögern oder immer teurer werden, deuten aber auf ein grundsätzliches Problem hin, über das es sich nachzudenken lohnt. Warum dauern solche Entwicklungen immer länger, warum ist ihr Erfolg immer ungewisser? Man vergleiche einmal die Entwicklungszeit der Kerntechnik bis zu ihrer Nutzung in der Energieerzeugung mit den Aufwänden und Zeitspannen, die in die Kernfusion gehen. Bei ITER sind immer neue Verzögerungen um Jahre und Kostenexplosionen an der Tagesordnung, obwohl die Industrienationen hier gemeinsam arbeiten, während die Kernenergie in nationalen Alleingängen und im Wettbewerb entwickelt wurde. Ähnlich war die Situation beim neuen Teilchenbeschleuniger im CERN, der nach Pannen, Kostenexplosionen und jahrelangen Verzögerungen nun seit einiger Zeit immer kurz davor ist, das Higgs-Teilchen zu entdecken. Die Geschichte der neuen Großflugzeuge der führenden Anbieter liest sich ganz genauso. Verzögerungen, technische Pannen, Kostenexplosionen.


Wo liegt der Fehler?

Sind die Techniker und Ingenieure heute unfähiger oder irgendwie nachlässiger als ihre Vorfahren? Das ist unwahrscheinlich, dafür gibt es keinerlei Hinweise. Die Apologeten des technischen Fortschritts weisen gern darauf hin, dass die heutigen Projekte um Größenordnungen anspruchsvoller und komplexer seien als die vor 50 Jahren. Aber stehen ihnen nicht auch ungleich leistungsfähigere Werkzeuge zur Verfügung? Die Kerntechnik wurde noch fast ohne Computertechnik entwickelt, heute stehen zum Entwurf, zur Simulation und Überwachung unglaubliche Rechnerkapazitäten zur Verfügung. Man würde erwarten, dass die größere Leistungsfähigkeit der Werkzeuge den größeren Herausforderung gewachsen ist.

Das ist aber offensichtlich nicht der Fall, im Gegenteil: die Werkzeuge sind so komplex geworden, dass sie selbst zur Fehlerquelle werden. In einem modernen technischen Großvorhaben können wir gar nicht mehr zwischen den Werkzeugen und dem Produkt unterscheiden, die Techniker kämpfen nicht nur mit den Widrigkeiten der Materie, sondern mit der Fehlerhaftigkeit und Anfälligkeit der Werkzeuge, auf die sie sich verlassen können müssten. Auch das ist zwar nicht ganz neu, denn selbst ein simpler Hammer kann irgendwann kaputt gehen, Der Unterschied ist, dass der Fehler des modernen Entwicklungswerkzeugs sich erst im Produkt bemerkbar macht: Wenn eine fehlerhafte Simulation falsche Prognosen über das Produktverhalten liefert, merkt man das erst beim Test des fertigen Teils. Dass der Hammer nichts mehr taugt, bemerkt man schon beim Nageln.

Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert und beängstigend, dass wir gezwungen sind, uns immer mehr auf das Funktionieren technischer Systeme zu verlassen. Und wir setzen, obwohl wir uns an die Meldungen über das Scheitern und die Verzögerung technischer Großprojekten längst gewöhnt haben, bei unseren ganz großen Herausforderungen immer wieder auf technische Lösungen.

Von wegen leuchtende Zukunft

Die Energiewende ist hier das beste und gleichzeitig besorgniserregendste Beispiel. Ein - wie es heißt, hochmodernes – neues Stromnetz soll die Energie von den Erzeugerstandorten zu den weit entfernten Verbrauchern bringen, hochintelligente und hochkomplexe Komponenten regeln die Erzeugung, den Transport und die Speicherung. Das Zusammenwirken dieser automatisierten Komponenten wird selbst natürlich automatisiert sein, es entsteht ein kompliziertes technisches Netzwerk, voller Raffinesse und genialen ingenieurtechnischen Ideen.

Man kann von solchen Projekten sicherlich mit leuchtenden Augen erzählen, und man kann den Erfindungsreichtum der Ingenieure bewundern. Reportagen und Informationsveranstaltungen zu solchen Themen ähneln ein bisschen den Gottesdiensten in Kirchen, zu denen die Menschen vor Jahrzehnten wöchentlich gingen um von den Verheißungen des Himmelreiches zu erfahren, bevor sie sich wieder dem Mühsal des Alltages zuwandten.

Wenn wir heute von einer solchen Verheißung der vermeintlich leuchtenden technischen Zukunft zurückkehren, stehen wir womöglich vor einer gestörten Automatiktür, warten auf einen verspäteten Zug und erfahren, dass eine „technische Störung“ dafür verantwortlich ist. Oder ärgern uns, dass die Webseite, auf der wir weitere Informationen erhalten könnten, im Moment leider nicht erreichbar ist.

Jörg Friedrich geht immer donnerstags in seiner Kolumne "Wundersamer Alltag" seinem ganz alltäglichen Staunen über die Welt nach. Denn alle Philosophie beginnt beim Staunen. Und alle Weltveränderung mit einem Wundern. Vergangene Woche fragte er sich, ob Züge früher weniger ruckelten

14:03 24.05.2012
Geschrieben von

Jörg Friedrich

Naturwissenschaftler, IT-Unternehmer, Philosoph
Schreiber 0 Leser 4
Jörg Friedrich
Aboanzeige Artikel Aboanzeige Artikel

Kommentare 3