Unser täglich Brot...

Wundersamer Alltag Warum backen wir unser Brot nicht mehr selbst? Dabei hätte es eine Menge Vorteile, meint unser Kolumnist

Das selbstverständlichste Nahrungsmittel hierzulande ist vermutlich das Brot. Man isst es als Toastbrot, Mischbrot, Volkornbrot oder als Brötchen, morgens, abends oder mittags, vom Backstand, bestrichen mit Salatsauce, belegt mit Gurken und Tomaten, Schnitzel oder Käse.

Doch das Selbstverständlichste ist vielen auch das Fremdeste. Wer hat schon einmal ein Brot gebacken? Damit ist nicht gemeint, im Supermarkt eine Backmischung zu erwerben, die dann zusammen mit einer genau abgemessenen Menge Wasser in einen „Brotbackautomaten“ gegeben wird und an dessen Schaltern und Knöpfen sodann genau vorgegebene Einstellungen vorgenommen werden, auf dass einige Stunden später dem Gerät ein Gegenstand entnommen werden kann, der essbar ist und tatsächlich an das erinnert, was auch unter der Bezeichnung „Brot“ in ebenjenem Supermarkt erworben werden kann. Auch nicht gemeint ist das sogenannte „Fertigbacken“, bei dem vorgeformte Teigstücke aus Tüten oder Dosen entnommen werden und in den Backofen geschoben werden. Auch wenn dieses Vorgehen heutzutage in professionellen Backstuben Anwendung findet, sollte man dafür einen anderen Begriff finden. Backen, das heißt elementare Grundzutaten zusammenzugeben, nach traditionellen Verfahren miteinander zu einem Teig zu verbinden und diesen ebenso traditionell ruhen zu lassen, das Teigstück zu formen um es sodann in den Ofen zu schieben.

Backmischungen und Fertigteige

Das Verwunderliche ist, dass mancher ja durchaus bereit ist zu besonderen Anlässen Kuchen, Plätzchen oder, wenn gute Freunde sich angekündigt haben, eine Pizza herzustellen. Auch dabei wird zwar häufig auf käuflich erworbene Zwischenstufen wie Backmischungen und Fertigteige zurückgegriffen, aber in vielen Haushalten finden sich auch Rezeptsammlungen; Und viele Menschen sind bereit, hin und wieder den Vorschriften zu folgen und mit Mehl, Zucker, Eiern, Milch, Salz und einigen anderen Zutaten einen Kuchen zu backen.

Warum aber nicht das „täglich Brot“? Man könnte vermuten, dass es zu aufwändig wäre. Dass es zu viel Zeit kosten würde, weil man es eben nicht nur manchmal oder am Wochenende benötigt, sondern Tag für Tag. Möglicherweise fürchtet der eine oder andere, dass er über das abendliche Brotbacken nicht mehr genug Zeit finden würde, andere wichtige Abendverpflichtungen wahrzunehmen. Aber ein Blick in die einschlägigen Rezeptvorschläge zeigt, dass das Brotbacken zwar lange dauert, aber nicht viel Zeit kostet. Das meiste machen die Zutaten nämlich ganz alleine unter sich aus.

Brotbacken als aufklärerische Angelegenheit

Brotbacken ist eine hochgradig aufklärerische Angelegenheit, und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen ist es spannend, zu beobachten, wie sich die zusammengemengten Substanzen auf natürliche Weise verwandeln: Wie schon aus der bloßen Mischung von Wasser und Roggenmehl ganz ohne weiteres Zutun ein Sauerteig entsteht, ist schlicht faszinierend. Zum anderen fragt man sich, nachdem aus Mehl, Wasser, Salz, vielleicht ein paar Gewürzen und einem Stück Hefe ein wunderbares Brot entstanden ist, was eigentlich in den kommerziellen Backmischungen enthalten ist, die man, das Mehrfache bezahlend, im Supermarkt kaufen kann: Entweder sind es schlicht nicht mehr als die paar Zutaten, die man selbst verwendete, oder es sind Zusätze enthalten, die schlicht überflüssig sind.

Warum also backt sich kaum jemand sein eigenes Brot? Der Mythos der Arbeitsteilung in einer technischen Welt suggeriert uns, dass wir uns gerade im Alltag auf weniges konzentrieren sollen, um das dann effektiv zu verrichten. Brot backen kann man automatisieren, und das, so wird behauptet, macht das Brot aus dem Supermarkt sowohl besser als auch billiger. Aber die Zutaten kosten nur einen Bruchteil des Brotes, der Rest wird für die Abschreibungen teurer Maschinen bezahlt – und natürlich für die Arbeitskraft der Bäckereimitarbeiter und der Backmaschinenhersteller. Müssen wir also Standard-Brote aus dem Supermarkt kaufen, um Arbeitskräfte zu erhalten? Sicher nicht. Würde jeder das Brot, das er täglich braucht, selbst backen, dann würden die Bäcker zu ordentlichen Preisen etwas Besonderes produzieren können – und wir hätten das Geld für dieses Besondere dann übrig.

Das tägliche Grundbedürfnis selbst befriedigen zu können, hat auch etwas Beruhigendes. Man muss nicht in abgelegene Einöden reisen, um zu merken, wie wenig man eigentlich zum Leben braucht. Beim Backen von Brot kann man nachdenken oder reden, Musik hören, vielleicht sogar fernsehen, das habe ich noch nicht probiert. Jedenfalls muss man auf nichts verzichten, und während der Teig geht oder das Brot in der Röhre gart, kann man sogar eine Kolumne schreiben.

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Ihre Freitag-Redaktion

16:00 12.07.2012
Geschrieben von

Jörg Friedrich

Naturwissenschaftler, IT-Unternehmer, Philosoph
Schreiber 0 Leser 3
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Ausgabe 24/2021

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