Als Schwarzer in Deutschland leben

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Günter Wallraff hat schon vieles durchgemacht, freiwillig und für die gute Sache, also für die Aufklärung über Missstände. Er beleuchtete in den letzten Jahrzehnten immer wieder die Arbeitswelt aus einer für die meisten eher fremden Perspektive: von „ganz unten“. Er versetzte sich als einer der wenigen Reporter immer wieder tatsächlich in die Lage von gesellschaftlichen Außenseitern und Geächteten. Dabei war im keine Rolle zu fremd oder zu abscheulich: Stahlarbeiter bei Thyssen, türkischer „Gastarbeiter“ u. a. bei McDonalds, sogar Redakteur bei der Bild-Zeitung.

Nun ist ein neues Buch von Günter Wallraff zur Buchmesse vorgestellt worden: "Aus der schönen neuen Welt - Expeditionen ins Landesinnere" (ISBN 978-3-462-04049-4). Dafür hat er diesmal die vermeintlich moderne Arbeitswelt als Callcenter-Agent und Leiharbeiter in einer Brötchenfabrik demaskiert, aber auch als Obdachloser einen Winter und als somalischer Flüchtling mehrere Monate in Deutschland ertragen.

Günter Wallraff hat sich also unter anderem in die Rolle des Kvami Ogonno begeben, eines somalischen Flüchtlings in Deutschland. Er wollte den "alltäglichen Rassismus in Deutschland schildern" und musste diesen mehrere Male leidvoll erfahren, bis hin zu körperlicher Gewalt. Dazu schrieb Yuriko Wahl für die Berliner Literaturkritik:

„Das Buch schildert auch Wallraffs Tour als schwarzer Deutscher und als vermeintlicher Flüchtling aus Somalia – „Ich habe eine gute Maskenbildnerin“ - quer durchs Land. Dabei scheitert er am Versuch, eine Wohnung zu mieten, ist unerwünscht auf dem Campingplatz, in einer Wandergruppe oder in Kneipen. Abneigung, Pöbeleien, Sprüche wie „Afrika für Affen. Europa für Weiße“ machen ihn mürbe. Ausgerüstet ist Afrikaner Wallraff mit einer Minikamera und Mikrofonen. Ein Team begleitet ihn unauffällig - für den Film „Schwarz auf weiß“ über den alltäglichen Rassismus in Deutschland, der am kommenden Dienstag (20.10.) in Köln Kinopremiere feiert.“

Da ich das Buch noch nicht gelesen habe, weiß ich nicht, ob Günter Wallraff auch als Schwarzer Deutscher oder ausschließlich als somalischer Flüchtling unterwegs war. Sicher bin ich mir aber, dass er die schwarze Sprühfarbe nun nicht mehr auf dem Körper trägt. Zehntausende Schwarze Deutsche können dies aber nicht, und sie sind es, die diesen tumben Rassismus jahrelang, jahrzehntelang ertragen müssen. Auf die Vorurteile und rassistischen Ressentiments überall in der Gesellschaft aufmerksam zu machen, ist in meinen Augen der wichtigste Aspekt in Wallraffs neuem Buch. Daher wünsche ich mir, dass auch sein Film bundesweite Verbreitung erfährt.

Eine weitere Stimme gegen den alltäglichen Rassismus erhebt Noah Sow in ihrem Buch „Deutschland Schwarz Weiß.“ Die aus Bayern stammende Moderatorin, Autorin und Musikerin („NOISEAUX“) lebt mittlerweile in Hamburg und ist neben zahlreichen weiteren Terminen auch immer wieder zu Lesungen in Deutschland unterwegs. „Deutschland Schwarz Weiß“ ist ein Sachbuch, aber ganz und gar nicht sachlich geschrieben, eher mit einer gewissen Verve, treffender vielleicht Wut im Bauch über die rassistischen Verallgemeinerungen, Abwertungen, Beschimpfungen. Über all das, was viele Ausländer jeden Tag erleben, erst recht, wenn sie eine dunkle Hautfarbe haben.

Dabei weist Noah Sow immer wieder auf eines hin: Rassismus liegt nicht in unseren Genen, Rassismus wird tradiert: vorgelebt, abgeguckt, weitergegeben. Erst wenn wir alle uns kritisch mit den Vorurteilen und Vorverurteilungen gegenüber Schwarzen und Schwarzen Deutschen auseinander setzen und diesem Verhalten etwas – nämlich unsere Meinung – entgegensetzen, kann hoffentlich endlich ein Umdenken stattfinden. Damit es nicht nur bei politisch korrekten Phrasen bleibt, sondern auch ein moralisch korrektes Denken und Tun folgt. (Doch leider wurde selbst hier auf der Freitags-Plattform in den Kommentaren die Benutzung des N-Wortes verteidigt...)

Es scheint also, als ob noch viel Zeit verstreichen wird, bis unsere Gesellschaft reif genug ist für eine offene und vorurteilsfreie Diskussion. Im Blog „unrast wild.cat“ schreibt der Autor andrax unter dem Titel Wie vermeide ich es, rassistische Artikel zu schreiben? zum Rassismus, einem „Luxusproblem für Weiße“:

„Rassismus lässt sich nicht auf – psychologisch begründete – Vorurteile reduzieren, sondern ist ein gesellschaftliches Phänomen. Es gibt eine gesellschaftliche Gruppe, die Vorteile/Privilegien daraus zieht, dass eine andere Gruppe rassifiziert wird. Wie das funktioniert, beschreiben Schwarze WissenschaftlerInnen anhand der untersuchten Kategorie „Weißsein“. Dazu gibt es einen ausführlichen - phasenweise sehr umkämpften - Artikel Weißsein in der Wikipedia.“

Es ist also noch ein weiter Weg, bis Schwarze in Deutschland nicht mehr von Haut aus verdächtig sind. Die genannten Bücher können helfen, diesen Weg zu finden und zu gehen, Doch schließlich müssen wir uns alle selbst auf den Weg machen, um einander näher zu kommen, egal ob schwarz oder weiß.

00:19 16.10.2009
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Geschrieben von

Friedland

Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. So hab' ich es in der Schule gelernt - inklusive der dummen Antworten. Ich frage, um überhaupt Antworten zu bekommen - richtige, falsche, schlaue, dumme. Z. B.: Wenn Staubsaugervertreter Staubsauger verkaufen, was verkaufen dann Volksvertreter?
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