Aus dem Tagebuch eines Zehnjährigen

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Mein kleiner Cousin hat neulich bei mir übernachtet und dann sein Tagebuch bei mir liegen lassen. Ich denke, er hat nichts dagegen, wenn ich in loser Folge einige Einträge hier veröffentliche...

(...)

Ich ging heute Morgen zu Marcel. Marcel schlief noch, es war schließlich Samstag, aber seine Mutter lies mich trotzdem in sein Zimmer. Ich sollte ihn wecken und nachdem sich Marcel gewaschen hatte, sollte wir runter kommen, auf der Terrasse gab es Frühstück. Ich durfte auch mitessen. Marcels Mutter ist aber eine Müsli-Mutter, wie Marcel sagt, eine Öko-Trulla, wie ich sage. Aber nur, wenn Marcel nicht dabei ist. Ich mag kein Müsli. Ich mag Müsli nur, wenn man die vielen Körner gegen Schokopops tauscht und wenn man den Joghurt und das Obst weglässt.

Marcels Zimmer war heute morgen voll mit Pupsluft. Ein Jungensraum muss wohl so riechen, sonst ist er kein Jungensraum. Mädchenräume riechen ja auch immer nach Apfel, oder nach Vanille. Bei Vanille bekomme ich aber immer Hunger auf den Vanillekuchen meiner Oma, deswegen bin ich nie lange in Mädchenräumen.

Mädchen sind eh blöd. Es dauert meist nie lang und ich möchte sie schlagen. Manchmal mache ich das dann auch. Aber immer bloß auf den Arm, den Oberarm, nie ins Gesicht, denn dann würde ich vielleicht ihren Mund treffen, und das möchte ich nicht. Ich glaube, der Mund ist später noch sehr wichtig. Meine Mutter küsst zum Beispiel meinen Vater jeden Tag damit und es scheint ihm irgendwie zu gefallen. Bei mir versucht sie es auch immer wieder, aber ich wehre mich dann, so gut es geht.

Niemand kann so guten Vanille-Kuchen backen wie meine Oma. Aber eigentlich habe ich gar keine Oma. Ich hatte noch nie eine Oma. Die Mutter meiner Mutter heißt nämlich "Omma" und hat schon vor langer Zeit ihren Mann geheiratet, meinen "Oppa". Beide haben einen Bauernhof. Und auf dem Bauernhof von Omma und Oppa bin ich auch diesen Sommer wieder mehrere Wochen. Meinen Oppa mag ich sehr gern, meine Omma auch. Aber das Parfüm meiner Omma mag ich überhaupt nicht. Oppa braucht kein Parfüm, er geht einfach jeden Tag in den Kuhstall, und wenn er wieder raus kommt, riecht er besser, zumindest besser als der Kuhstall.

Ich muss immer an Tod und Friedhof denken, wenn ich das Parfüm meiner Omma rieche. Denn auf dem Friedhof hab ich es zum ersten Mal gerochen, bei einer Beerdigung. Ich kannte die tote Frau nicht, aber meine Mutter erklärte mir, dass es eine entfernte Verwandte war. Ich fragte, warum man sie nun entfernte, ohne dass ich sie kennen gelernt hatte: Aber meine Mutter zog mir nur den Pulli gerade und sagte, ich solle jetzt bis zum Ende der Beerdigung still sein.

So musste ich also in einem viel zu engen schwarzen Pulli an einem Loch stehen und sehen, wie die anderen Blumen, Erde und Tränen in das Loch fallen ließen. Ich weinte am Ende dann auch, denn der Pulli kratzte überall und ich durfte ihn die ganze Zeit nicht ausziehen. Der Pfarrer erzählte ausführlich, wie toll diese Frau ihr Leben lang war. Er war dabei überhaupt nicht lustig, aber während der Rede lachte dauernd ein kleiner dicker Mann laut auf. "Das ist ihr Ehemann", sagte mein Vater leise zu mir.

Auch mein Vater musste einen engen schwarzen Pulli tragen und ich hoffte nur, dass ich nicht genauso blöde in meinem aussah. Nach dem Ende der Rede lief ich dann zum Friedhofstor und zog im Laufen hastig meinen Pulli aus. Darunter hatte ich mein Fußball-Trikot und Thomas wartete zu Hause schon auf mich, wir mussten das Pokalfinale vom Wochenende nachspielen.

(...)

20:29 05.08.2009
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Geschrieben von

Friedland

Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. So hab' ich es in der Schule gelernt - inklusive der dummen Antworten. Ich frage, um überhaupt Antworten zu bekommen - richtige, falsche, schlaue, dumme. Z. B.: Wenn Staubsaugervertreter Staubsauger verkaufen, was verkaufen dann Volksvertreter?
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