Bye bye, old Bundesrepublik...

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Nun hat es schließlich auch Woolworth getroffen: Nach Firmen wie Märklin, Schiesser und bald vielleicht auch Opel hat die Kaufhauskette nun ebenfalls Insolvenz angemeldet.

Bei der Aufzählung fällt auf, dass diese Unternehmen eines gemeinsam haben: sie sind piefig und irgendwie von gestern. Sehr, sehr alte Bundesrepublik. Sie erinnern noch leicht an Wirtschaftswunder, riechen aber eher wie das muffig-blumige Parfum von Tante Hilde.

Doch ich möchte zunächst hier Danke sagen. Dafür, dass diese Firmen Deutschland zum Wunderland der Wirtschaft aufgebaut haben. Danke für schwere Lokomotiven und bunte Waggons unterm Weihnachtsbaum, Danke für zunächst kneifende und am Ende schlabbrige Unterhosen, Danke für Autos in den Farben Grün, Orange und Gelb. (Woolworth gab's bei uns nie, Danke auch dafür.)

Danke und Tschüss!
Ich werde diese Firmen nicht vermissen...

Ist es nicht im Sinne des Fortschritts, dass Märkte sich weiterentwickeln? Weil sich die Kunden, die Mode, der Anspruch und schließlich wir alle, die Gesellschaft, weiterentwickeln. Sollten Firmen, die nicht auf den Markt reagieren können oder wollen, dann nicht auch von diesem Markt verschwinden? Darf man angesichts Tausender bedrohter Arbeitsplätze derart marktorientiert argumentieren?

Man muss sogar auf diese Weise argumentieren, damit langfristig Fehlentwicklungen und Ressourcenverschwendung vermieden werden. Aufgabe des Staates darf es nicht sein, einzelne Betriebe (oder Banken!) künstlich am Leben zu erhalten, sondern stattdessen die Rahmenbedingungen für wettbewerbsfähige Unternehmen zu schaffen: Investitionen in Kinder, Bildung, Gerechtigkeit sollten dabei seine Hauptaufgaben sein.

Es sind in den oben genannten Fällen schließlich keine ganzen Branchen betroffen ist, sondern bloß einzelne Betriebe. Warum sollte ein Autobauer in einigen Jahren nicht zum Beispiel Windräder fertigen können? Ist der Stahl nicht derselbe? Und warum sollte mit Woolworth eine Kaufhauskette erhalten bleiben, deren Filialen sich kaum noch von 1-Euro-Shops unterscheiden lassen?

Ist Woolworth nicht ohnehin – wie so viele andere „Traditions“firmen auch – längst zur Verschiebungsmasse internationaler Investoren degeneriert? 1998 verkaufte die damalige US-Muttergesellschaft ihre deutsche Sparte an den Finanzinvestor Electra Private Equity, seit 2007 ist Woolworth Deutschland in den Händen des Finanzinvestors Argyll Partners, für knapp ein Drittel der 323 Filialen zahlt die Kaufhauskette Miete an den US-Investor Cerberus.

Sieht so mittlerweile die Normalität in der globalisierten, renditeorientierten Marktwirtschaft aus?

...fragt Friedland...

20:43 15.04.2009
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Geschrieben von

Friedland

Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. So hab' ich es in der Schule gelernt - inklusive der dummen Antworten. Ich frage, um überhaupt Antworten zu bekommen - richtige, falsche, schlaue, dumme. Z. B.: Wenn Staubsaugervertreter Staubsauger verkaufen, was verkaufen dann Volksvertreter?
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