Das Joghurt-Dilemma

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Demokratie ist schön. Sie bedeutet Wahl, Auswahl. Die Wahlfreiheit - also das Wählenkönnen (aber nicht -müssen) aus verschiedenen politischen Alternativen - gilt als Hochform, für manche gar Höchstform aller erprobten politischen Systeme. Doch der Volksmund weiß es besser, wenn er an die Qual der Wahl denkt: Wen soll man denn, wen darf man denn (noch) und wenn der/die nicht allein kann, sollte man dann nicht doch lieber ganz anders? Die Taktik ersetzt dann schnell die Logik, welch Tragik.

Tragisch auch, dass diese Auswahl in unserer Gesellschaft zum Kern gehört, Basis und Stütze zugleich ist. Wahl heißt Wettbewerb, Wahl heißt Vergleich, Wahl für alle heißt Wohl für alle. Und hier beginnt das Dilemma: Wir haben zu viel (Aus)Wahl. Wer schon einmal in einem großen Supermarkt vor langen Kühlregalen stand und in der bunten Wand der Milchprodukte nach einem bestimmten Joghurt gesucht hat, der weiß, was ich meine.

Schlimmer wird's, wenn man bloß irgendeinen Joghurt sucht. Denn vor den Kauf haben die Götter die Entscheidung gesetzt. Zahllose Firmen bieten jeweils mehrere Joghurts an: pur, light, bio, verschiedene Fruchtsorten, links gedreht, rechts geschüttelt, fußgerührt, bei Vollmond gemolken. Manche bringen einen Mehrwert mit, eine Zusatzfunktion, von der man bisher weder wusste, dass es sie gibt, noch, dass man sie unbedingt benötigt ("Regt die Darmtätigkeit an").

Was soll man also tun? Einfach irgendeinen Joghurt nehmen trotz der Angst, dass der Erstbeste nicht der Beste sein könnte? Zu viel Auswahl erzeugt Frustration, denn die Wahrscheinlichkeit, sich möglicherweise falsch entschieden zu haben, steigt. Wir stehen demnach vor einem Dilemma, genauer gesagt vor einem Polylemma: Unsere Auswahlmöglichkeiten sind alle gleich gut oder gleich schlecht, denn in allen Joghurtbechern befindet sich bloß eine milchige Pampe.

Dieses Joghurt-Dilemma kann man auch auf uns übertragen, genauer gesagt auf unseren Partner: Er/sie ist die Sorte, für die wir uns entschieden haben, irgendwann einmal, aber aus Gründen. Doch der Markt bleibt groß und verändert sich ständig. Immer mehr und immer neue Joghurts erscheinen und werden angepriesen. Außerdem wird unser Geschmack mit der Zeit eventuell ein anderer oder der Partnerjoghurt ändert seine Rezeptur.

Anstatt also bei der Sorte zu bleiben, für die wir uns einmal entschieden haben, beginnen wir, weitere Sorten auszutesten. Weil wir es können. Weil man sie uns anbietet. Doch werden wir am Ende davon nicht satt, uns wird bloß schlecht. Denn dann verlässt uns unser Joghurt und wir stehen vor einem leeren Kühlschrank, einem kalten Bett und fragen uns, wie es soweit kommen konnte. Und dann stecken wir wieder mitten drin im Joghurt-Dilemma.

12:00 04.11.2010
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Geschrieben von

Friedland

Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. So hab' ich es in der Schule gelernt - inklusive der dummen Antworten. Ich frage, um überhaupt Antworten zu bekommen - richtige, falsche, schlaue, dumme. Z. B.: Wenn Staubsaugervertreter Staubsauger verkaufen, was verkaufen dann Volksvertreter?
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ejamie | Community
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