Deutschland ganz unten - oder: Sozial-Limbo à la Göttingen

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Kaum jemand bittet Fremde gern um etwas, noch seltener offenbart man anderen seine Not und niemand bettelt freiwillig. Aber wenn man ganz unten angelangt ist, dann bleibt oft nur noch der fragende Blick nach oben und die Bitte um eine Spende.

Während die Regierungen in der Welt über milliarden- nein, billiardengroße Konjunkturprogramme diskutieren, hat man sich im Göttinger Sozialamt noch den Blick fürs Kleingeld seiner "Kunden" bewahrt.

Denn in Göttingen hat ein Mitarbeiter des Sozialamtes auf seinem Gang durch die Stadt die Münzen im Becher eines bettelnden Hartz-IV-Empfängers ganz genau gezählt, die Einnahmen dann auf den Monat hochgerechnet und dem erwerbsunfähigen Mann daraufhin die Leistung um 120 Euro gekürzt.

Die Begründung: Die erbettelten Kleinstbeträge seien als "zusätzliche Einkünfte von Leistungsempfängern" zu werten. Daher bekomme er statt insgesamt 670 Euro ab jetzt nur noch 550 Euro.

Natürlich ist dies alles im Sozialgesetzbuch so geregelt, also rechtens. Und nach einem Widerspruch des Hartz-IV-Empfängers wurde die Kürzung dann ja auch selbst gekürzt, auf nur noch 50 Euro. Wir Göttinger sind ja schließlich keine Unmenschen.

Aber ich muss mich hier dann doch fragen:

Was läuft falsch in meiner Stadt, wenn Menschen den am Boden sitzenden Armen nicht mal mehr die Münzen in ihrem Becher gönnen mögen, sie stattdessen Sozialneid oder falsch verstandenen Bürgerpflicht dazu bringt, einem Bettler die Leistungen zu kürzen?

Warum tut ein Mitarbeiter des Sozialamtes so etwas? Weil er's kann? Ist das noch soziale Kälte oder schon Menschenverachtung?

Ist der Sozialabbau nun in unseren Köpfen angekommen? Man erreicht die Oberen nicht, die ihre Millionen trotz Krise in Sicherheit gebracht haben, also hält man sich an die Unteren und kürzt gleich ihre Ehre mit?

Wird der Göttinger Bürgermeister Wolfgang Meyer (SPD) hier Vorbild sein, sich öffentlich für das Vorgehen seiner Sozialverwaltung entschuldigen und die Mitarbeiter intern zu einem menschlicheren Umgang mit ihren Antragstellern aufrufen? Zu wünschen wäre es.

Denn irgendwann ist es nicht mehr nur die soziale Kälte, die uns bei solchen Episoden schaudern lässt, sondern schlicht und einfach Angst um die Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft, die ihre vermeintlichen "Nichtleister" derart würdelos behandelt.

22:21 28.03.2009
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Geschrieben von

Friedland

Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. So hab' ich es in der Schule gelernt - inklusive der dummen Antworten. Ich frage, um überhaupt Antworten zu bekommen - richtige, falsche, schlaue, dumme. Z. B.: Wenn Staubsaugervertreter Staubsauger verkaufen, was verkaufen dann Volksvertreter?
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