Durchgelesen - Friedlands Buchblog #01

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Was habe ich gelesen? Radio Heimat - Geschichten von zuhause von Frank Goosen

Worum geht es? Der Bochumer Autor und Kabarettist Frank Goosen beschreibt in seinem neusten Buch Geschichten aus Bochum und Umgebung, häufig sind es Rückblicke auf die Kindheit und Jugend in den 70er und 80er Jahren. Dabei wird vor allem das Arbeitermilieu mit seinem Reden und Denken vorgestellt, aber auf liebevolle Art auch vorgeführt.

Oft geht es um Alkohol, Mädchen, Musik und die Familie. Die Tatorte der Adoleszenz sind mit Schrebergarten, Partykeller, Stammkneipe und Fußballplatz Orte, an denen häufig (Körper)Flüssigkeiten eine wichtige Rolle spielen.

Warum habe ich es gelesen? Weil ich So viel Zeit (den vorletzten Roman) klasse fand und mehr von Goosens trockenem Ruhrpott-Humor lesen wollte.

Wie und wo habe ich es gelesen? In etwa drei Stunden (netto) im Bett als Nachtlektüre. Die knapp 160 Seiten mit kurzen Episoden und kleinen Geschichten lesen sich schnell runter. Man kann egal wo aufhören oder anfangen, es gibt keinen roten Faden, der die Impressionen zusammenhält. Jedoch sollte man das Buch möglichst allein lesen, denn eine schlafende Person im Raum könnte durch stellenweise herausbrechendes Lachen unsanft geweckt werden.

Was fiel mir auf? Zunächst die Überschriften: Das Buch ist in fünf Teile und mehr als vierzig Kapitel unterteilt. Für diese Überschriften werden zwei komplett unterschiedliche Schriftarten benutzt. Schriftarten, die so gar nicht zusammen passen wollen. Kär, wegen mir hätt' datt nich sein müssen.

Manche Sprüche meint man bereits zu kennen, auch die teils stark überzeichneten Figuren hat man schon mal in Ruhrpott-Comedies gesehen. Die nicht zusammenhängenden Episoden sind derart auf Pointe gebürstet, dass man Frank Gossen seine Teilzeitstelle als Kabarettist jederzeit anmerkt.

Doch obgleich ich selbst viele Jahre später und viele Kilometer östlicher aufgewachsen bin, erkenne ich Eigenes im Fremden wieder. Die stellenweise offensichtliche Übertreibung macht nur anschaulich, was im Meer von Erinnerungen unterzugehen drohte. So ist dieses Buch auch eine Reise in die eigene bundesdeutsche Kindheit. Eine sehr lustige Reise.

Was bleibt? Wenn man das Ruhrgebiet noch nicht kennt, aber dieses Jahr unbedingt mal hinfahren möchte (Kulturhauptstadt!), kann es nicht schaden, dieses Büchlein vorher gelesen zu haben. Man sieht die Bewohner in Essen, Dortmund, Bochum, Duisburg, Recklinghausen etc. dann sicher mit anderen Augen.

Die rasche und unterhaltsame Lektüre hat nur einen Haken: Es gibt zwar viele kleine Geschichten, aber keine Geschichte, keinen roten Faden, keinen Höhe- oder Schlusspunkt. So lässt das Buch und die Pointendichte gegen Ende ein wenig nach. Außerdem hätte sich Frank Goosen das Gedicht über die Autobahn A40 besser sparen sollen. Irgendwie passt es nicht hier rein.

Bei Frank Goosen gibt es keine Überraschungen: Ein Ruhrpottler schreibt über den Ruhrpott. Und das ist etwas, was er - auch im Vergleich zu anderen - am Besten kann. Der Leser lernt aus der Lektüre, dass Heimat im Auge des Betrachters liegt. Man kann nichts für sie, aber sie kann vieles für einen selbst. Und schnell gelangt man zusammen mit dem Autor zur Einsicht: Woanders is auch scheiße!

Welche Seite sollte man anlesen? Seite 68, "Blagen according to Theo"

Wem kann man dieses Buch schenken? Allen Menschen mit Wurzeln im oder Interesse am Ruhrgebiet und Freunden des trockenen, leicht derben Humors.

Was sollte man außerdem lesen? Den bereits angesprochenen Roman So viel Zeit vom selben Autor.

(P.S.: Dieses Buchblog wurde stark inspiriert von Mikael Krogerus' Kolumne 52 Bücher in 52 Wochen.)

18:37 18.02.2010
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Geschrieben von

Friedland

Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. So hab' ich es in der Schule gelernt - inklusive der dummen Antworten. Ich frage, um überhaupt Antworten zu bekommen - richtige, falsche, schlaue, dumme. Z. B.: Wenn Staubsaugervertreter Staubsauger verkaufen, was verkaufen dann Volksvertreter?
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