Trendige neue Freizeitbeschäftigung: iPhone erklären

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Wie so vieles Neue kommt auch dieser Trend aus den USA zu uns, ein Trend, der vor allem Männer erfasst hat: Man sieht sie zu zweit oder zu dritt in der Öffentlichkeit, oft sitzen sie an einem Tisch zusammen, häufig bei einem Bier und ihre Spiel- bzw. Werkzeuge liegen auffällig und stolz vor ihnen. Flach, schwarz, teuer - und meist von Apple. Das iPhone ist ihre Egoverlängerung, die Sichtbarmachung des eigenen Status'. Aus den Handy-am-Gürtel-Trägern sind innerhalb weniger Geräte-Generationen also Handy-auf-den-Tisch-Leger geworden.

Die teure Armbanduhr, der noble Füller und das lederne Filofax sind passé, zumindest antiquiert, denn heute braucht der Mann von (Netz)Welt nur noch sein ViPhone, sein very important phone. (Früher konnte man diese Männer wenigstens noch einordnen: das waren meist aalglatte, schmierige Typen, bei denen man immer das Gefühl haben musste, dass sie hinter einem durch die Drehtür gingen, aber vor einem draußen waren. Heute kennt das i-Phänomen keine Gesellschaftsgrenzen.)

Gerne zeigen sich diese Männer dann gegenseitig ihre neusten Apps, also Applikationen, kleine Zusatzprogramme für das iPhone. Viel lieber erklären sie jedoch Frauen die Grundfunktionen des digitalen Begleiters, erst recht, wenn dieser noch neu und fremd durch deren Handtasche purzelt. Denn oft können die frischen iPhone-Besitzerinnen nach den ersten Wochen mit ihrem Kommunikationsaccessoire zwar telefonieren und texten, aber eben auch nur telefonieren und texten.

Und deshalb helfen ihnen hier jene Männer tapfer aus, die schon in grauer Steinzeitein Faible für Waffen und Werkzeuge entwickelt haben, denn ein guter Speer verschaffte ihnen Erfolg bei der Jagd und darüber hinaus. Bereits damals konnte ein gutes Werkzeug den Unterschied ausmachen zwischen Fleisch oder Flechten zum Mittag.

Und wie diese Herren dann auftrumpfen: Sie stellen überzeugend die Vorteile jeder noch so dummen, aber kostenlosen App heraus, erklären den Damen geduldig die Kalendersynchronisation oder GPS-Navigation und geben Tipps für den Umgang mit der eingebauten Foto-Kamera, nicht ohne das eine oder andere Bild mit der Elevin zu knipsen, mehr zur Dokumentation und Selbstversicherung als zur Übung.

Der Trend des iPhone-Erklärens geht wohl auf eine Religion zurück. So tritt der iPhone-Erklärer einer Gemeinschaft von Gläubigen bei, die die seltenen Auftritte ihres Ober-Gurus („His Steveness“) mit Vorfreude und gespannter Erwartung herbeisehnen und einem kultischen Gegenstand beinahe selbstlose Verehrung entgegenbringen. Als Jünger dieser Bewegung eignen sich vor allem technikaffine Männer. Sie erklären uns zuerst das iPhone-Phänomen und danach die ganze Welt. Und schließlich erteilen sie uns die App-Solution.


21:05 29.03.2010
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Geschrieben von

Friedland

Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. So hab' ich es in der Schule gelernt - inklusive der dummen Antworten. Ich frage, um überhaupt Antworten zu bekommen - richtige, falsche, schlaue, dumme. Z. B.: Wenn Staubsaugervertreter Staubsauger verkaufen, was verkaufen dann Volksvertreter?
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rainer-kuehn | Community
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