Unwort und Unvermögen: "Qualitätsjournalismus" hinter Paywall

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Man kann es bald nicht mehr hören: Nahezu jede Diskussion über die Zukunft der Medien (oder die Medien der Zukunft) gipfelt in einem Bekenntnis zum „Qualitätsjournalismus“. Ohne ihn könnten wir Netzuser echte Nachrichten und harte Fakten nicht von falschen PR-Freunden oder schlampigen Gerüchteköchen unterscheiden, hören wir immer wieder von den etablierten Medien- , nein... Zeitungsmachern.

Und eben diese Trennung, Sortierung, Aufbereitung und Verbreitung aller weltweiten „News“ könne nur einer leisten: Der Qualitätsjournalist (respektive seine weibliche Kollegin), der nichts anderes im Sinn hat als die Wahrheit. Kein Gedanke an die Ware Nachricht unterbricht sein Tun, keine Bilder-Klickstrecke soll künstlich PIs erzeugen, keine kopierte Pressemitteilung wird als eigene „Recherche“ verkauft. Oder doch?

Nun kaufe mir aber nicht jeden Morgen Qualitätsbrötchen, ich fahre kein Qualitätsauto, koche nicht mit Qualitätsstrom, trage keine Qualitätsjeans, trinke kein Qualitätswasser. Nein, ich kaufe Brötchen, fahre Auto, koche mit Strom, trage Jeans, trinke Wasser. Der Begriff „Qualität“ ist dabei so unnötig wie nichtssagend. Und das trifft auch auf den Journalismus zu: Ihm ist der Begriff immanent - Journalismus ohne Qualität ist keiner. "Qualitätsjournalismus" ist so für mich zum Unwort des Jahres geworden.

Gut recherchierten, überprüften, hinterfragten und vor allem angemessen bezahlten Journalismus sollte ein Leser/Nutzer erwarten, wenn er seine Zeitung liest, egal ob on- oder offline. Und speziell guten Online-Journalismus kann er unter anderem daran erkennen, dass Links zu (fremden) Quellen im Text gesetzt wurden, eventuelle Fehler transparent und nachvollziehbar verbessert werden und Ergänzungen und Aktualisierungen den Text wachsen lassen.

Und dennoch schreien die großen alten Männer der Branche immer wieder nach Qualität und dass diese Geld koste. Dieser Befund ist nicht neu, die Klage längst zu oft ausgesprochen, das Mantra der großen Verlage stößt nur noch sauer auf. Und dennoch: Eine Lösung haben die Duckmäuser, äh...Druckhäuser bisher nicht angeboten, geschweige denn eines der möglichen Geschäftsmodelle wirklich in die Tat umgesetzt.

Jetzt aber schreitet das Hamburger Abendblatt (und wohl auch die Berliner Morgenpost) mutig voran, um an das Geld seiner Nutzer zu kommen. Man baut auf den Internetseiten eine sogenannte Paywall für lokale und regionale Berichterstattung auf, hinter der nun Artikel versteckt bleiben, wenn man kein Abo hat: die regulären Abonnenten müssen sich anmelden, die anderen ein Online-Abo über ca. 8 Euro im Monat abschließen. Das sollte ihnen doch der Inhalt dieses Lokalblattes wert sein. Was aber, wenn nicht?

Darüber scheinen sich die Verantwortlichen noch keine weiteren Gedanken gemacht zu haben. Wie man auch sonst glauben könnte, dass Nachdenken nicht gerade zu den Stärken der dortigen Entscheider gehört: Denn auch diese neue Bezahlwand ist löchrig wie die Argumentation für Paid-Content selbst – man kann sie ganz einfach mit Google umgehen...

Zurück zum Ausgangspunkt: Nun fällt einem beim Stichwort „Qualitätsjournalismus“ wahrscheinlich nicht zuallererst das Hamburger Abendblatt ein (, auch wenn z.B. diese Lokalreportage jüngst den Deutschen Reporterpreis bekommen hat). Und über das Vorgehen des Axel Springer Verlages kann man sich lustig machen oder den Kopf schütteln (beides wurde in diesem Fall häufig genug getan - auch hier beim Freitag), aber in einem hat der stellvertretende Chefredakteur Matthias Iken wohl Recht (trotz der Inflation des Q-Wortes):

„(...) Qualitätsjournalismus ist per se eben nicht kostenlos, sondern kostenintensiv. Wer Qualitätsjournalismus zum Nulltarif will, will keinen Qualitätsjournalismus. Jede Redaktion stellt etliche Arbeitskräfte für das Sichten, Gewichten, Bebildern und Schreiben von Nachrichten, für das Recherchieren von Geschichten, das Verfassen von Kommentaren, die investigative Reportage. Recherche kostet Geld, Reisen, Spesen, Zeit.“

Und diese Kosten sollen in diesem Online-Modell des Axel Springer Verlages vor allem die Abonnenten tragen und nicht die Werbekunden oder der Verlag aus seinen Gewinnen (in den ersten neun Monaten 2009 knapp 265 Mio. Euro). Dafür dürften diese Abonnenten dann aber auch eine Menge "Qualitätsjournalismus extra" erwarten.

21:15 15.12.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Friedland

Es gibt keine dummen Fragen, nur dumme Antworten. So hab' ich es in der Schule gelernt - inklusive der dummen Antworten. Ich frage, um überhaupt Antworten zu bekommen - richtige, falsche, schlaue, dumme. Z. B.: Wenn Staubsaugervertreter Staubsauger verkaufen, was verkaufen dann Volksvertreter?
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