Auf das Politische fokussieren!

Rechtsextremismus Ist der Ruf erst ruiniert, tippt es sich gar ungeniert.
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Kleine Überreaktion auf Eren Güvercins "Geringe Empathie". Geht nicht anders.

Seehofer hat recht: Es gibt kein islamfeindliches Klima in Deutschland. Sondern ein religions-unfreundliches. Im Osten Deutschlands war die ortsübliche Du-sollst-und-Du-darfst-nicht-Religion von anderweitig autoritärer Seite verdrängt worden; und Jahrzehnte nach '68 kannte man Frömmigkeit auch im Westen nur noch aus Erzählungen. Und das war auch gut so. Zwar wurde und wird weiterhin getauft (zu jung), kommuniziert (genau richtig), konfirmiert (fast schon ein bisschen zu alt), unter'm heiligen Bimbam geehelicht und am Ende noch mal schnell gequacksalbt. Aber doch nur, weil's für die buckelige Verwandtschaft hinterher für umme was zu fressen gibt.

Ohne eine gesunde Portion Religiophobie ist keine liberale Gesellschaft zu machen; weder in Deutschland noch sonstwo auf dem sterbenden, dritten Planeten dieses Sonnensystems der Milchstraße. Leider haben das selbst "liberale Muslime", denen der streng gruppenspezifische, ab- und ausgrenzende Hokuspokus recht eigentlich am Allerwertesten vorbeigeht, noch nicht verstanden. "Bunt statt Braun!" auf ein Schild schreiben, das können sie. Aber dass ausgelebter, rechtsdrehender, "göttlicher" Ordnungsfimmel im Allgemeinen und die orthodoxe/ extreme Ausprägung (Islamismus, Evangelikalismus, Katholizissimus etc.) im Speziellen auf Dauer zu nichts Buntem führt, sondern gesellschaftspolitisch besehen höchstselbst Fleisch vom braunen Fleische ist, das kann oder will nicht in ihren Kopf.

Über 60% der deutschen Muslima lehnen das Kopftuch als Symbol der Unterdrückung in Umfragen explizit ab. Politisch umstrittene, die Erscheinung einer Person dominierende, religiöse Symbole haben im öffentlichen Raum einer Gesellschaft, die aufgeschlossen, offen und progressiv sein will, im besten aller Fälle nichts verloren, Punkt. Verschleierung ist das glatte Gegenteil von Offenheit und Aufgeschlossenheit. Was gibt es daran für Linke eigentlich zu diskutieren? "In Trauer vereint", titelt SPIEGEL ONLINE heute. Interessant. Wo sind denn die Frauen auf dem Foto? Kurz mal auf Klo? Vermutlich. Was für ein Zufall.

Islamismus (und jede andere religiös motivierte, politische SelbstverHERRlichung) stellt nichts anderes als eine spezielle Form des Rechtsextremismus' dar. Wann lernen wir denn das mal?

Und ganz egal, wie kurz die Abstände zwischen Bluttat, Vergeltungs-Bluttat. Vergeltungs-Vergeltungs-Bluttat usw. werden können; es muss immer Zeit sein zu rufen: Keine handbreit Toleranz der Intoleranz und Nieder mit dem Patriarchat! Sogar jetzt, zur total falschen Zeit, wo sich nicht-muslimische Frauen ein Kopftuch halb überziehen, als sprach her: Guckt mal, heute sehen wir aus wie ihr. Ist das nicht supinett von uns? Bin wahrscheinlich wieder der einzige, der diesen vermeintlich verbindenden Akt als trennend empfindet.

Denn es sterben jedes verdammte Mal, wem erzähle ich das eigentlich, Menschen. Das Fokussieren auf eine spezifische Religion ist das Geschäft der Rechten aller Couleur und Konfessionen. Alle anderen, allen voran Linke, sollten endlich wieder lernen, auf das Politische zu fokussieren. Und bitte sofort damit aufhören, Männer als Müll aber männliche Geflüchtete als herzensgute Menschen zu beschreiben. Oder Rassist*in zu schimpfen, wer Özils unverhohlenen Erdoğanismus nicht erträgt. Um nur zwei Beispiele zu nennen.

"Liebe für alle, Hass für keinen", schreibt die ach so liberale Ahmadiyya-Gemeinde auf ihre Auto-Aufkleber, ganz ungegendert. Deswegen passt das so gut. Homosexualität geht für die liebestollen Ahmadiyyas nämlich z.B. gar nicht. Zu weibisch. Hintenrum zu offen und aufgeschlossen. Nicht traditionsgeil.

Güvercin: "Die relativ geringe öffentliche Anteilnahme am Schicksal der Muslime in Christchurch und das überschaubare Verständnis für die Ängste der Muslime hier in Deutschland haben auch diesen Grund: Unterschwellig herrscht das Gefühl, die Muslime hätten jetzt mal die Gewalt erlebt, die ihre Religion ihnen angeblich vorschreibt. Dieser Zustand der emotionalen Distanz zeigt ganz deutlich: Christchurch kann jederzeit auch in Deutschland passieren – und unsere Islamdebatte feuert solche Taten an."

Nein, meine. Ich allein bin alles inschuld. Weil ich mein Facebook-Profilbild nicht behalbmondet habe. Geschieht ihnen recht, denke ich, wie ich lese. Weil ich ein schlechter Mensch bin, der sich von zur Schau getragener Orthodoxie (per Bart oder Kopftuch, kurz: sichtbarer, toxischer Männlichkeit an Männern wie Frauen) belästigt fühlt. Weil ich für die Ängste der Muslime hier in Deutschland kein Verständnis aufbringe; für meine eigene, nur vorgeschobene, hinterfotzige Angst vor Re-Religionisierung bei gleichzeitigem Erstarken des herrkömmlichen, areligiösen Rechtsextremismus' aber sehr wohl.

Weil ich ein irgendwie Linksliberaler bin, dem es eigentlich scheißegal ist, wer wen aus was für unerfindlichen Gründen lyncht, quält und/oder am Glücklichsein hindert. Wenn Christchurch in Deutschland passiert, demnächst, eventuell, jederzeit, wahrscheinlich, vielleicht, dann auf jeden Fall wegen meines spalterischen, hasserfüllten Textes hier. Generatiooonen von Terrorist*innen werden sich darauf noch berufen. Fischers Fritz wollte den Islam verbieten, werden die einen sagen. Fischers Fritz hat gesagt, die Köpfe mit den Tüchern sollen ab, werden die anderen ihren Totalausfall vor Gott (†) und §1 GG ff rechtfertigen.

Kein Problem, wie gesagt. Halte ich aus; stehe ich durch. Denn ich bin ja ein Mann.

14:54 23.03.2019
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Geschrieben von

Fritz Fischer

EU-Kommissar Rex Populi, das Gespenst, das umgeht in Europa. Gründer des Opferkulturvereins Reparation für Özil k.e.V.
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Fritz Fischer

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