Spalten ist das neue Meinen

Gesellschaft Kurz erklärt, was gemeint ist und wie es funktioniert, am Beispiel Twitter, Mutter der modernen Spaltungsindustrie.
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Da möchte die verehrte Leserin, der verehrte Leser sofort an @realdonaldtrump oder @afd denken. Und das ist auch richtig. Aber beiweitem nicht alles. Der US-Präsident und die AfD sind nicht die einzigen, die verstanden haben, wie Twitter funktioniert. Und es funktioniert so:

1. Melde dich an.

2. Überlege gründlich, welcher Filterblase du angehören möchtest. Denn es kann für dich nur eine geben.

3. Vertrete knackige Positionen innerhalb des gewählten Lagers. Sei unerbittlich. Das verschafft dir Follower, Reichweite, mehr Follower, mehr Reichweite.

4. Weiche von der eingeschlagenen Linie nicht ab. Bedenke: Es geht um Likes und Retweets. Nur ein falscher Tweet kostet dich viele Follower.

5. Sei nicht du selbst. Sei deine Blase.

6. Blockiere Nutzer'innen, die deine Positionen zu knackig finden, selbst dann, wenn sie tendenziell deiner Meinung sind. Die bremsen dich nur. An denen kommst du nicht weiter.

7. Blockiere niemals Wortführer'innen anderer Lager. Die brauchst du, um dich an ihnen hochzuarbeiten (swing-by). Falls jemand fragt, sagst du, dass man schließlich wissen müsse, was der Feind twittert.

8. Wisse, was der Feind twittert. Retweete ihn. Lass seine Bosheit dein Schild und Schwert sein; seine Dummheit deinen Glanz.

9. Werde zu jemandem, von dem man schon weiß, was er über ein Thema denkt, bevor er es selbst weiß.

10. Enttäusche diesen Erwartungsvorschuss niemals. Remember: Nur ein falscher Tweet...

So funktioniert Twitter. Kurz zusammengefasst für alle, die noch einen Grund suchten, sich dort auch weiterhin nicht anzumelden. Meine Hochachtung. Jetzt gehen wir ein bisschen in die Tiefe. Was ein Euphemismus ist, denn wer es tief mag, ist bei der 280-Zeichen-Firma Twitter grundfalsch.

Beispiel eins, von @HaticeAkyuen, ihres Zeichens u.v.a. Trägerin des "Berliner Integrationspreises" (2011) für „ihre herausragenden Beiträge zur aktuellen Debatte um Einwanderung und Integration und ihr Engagement für ein demokratisches Miteinander“ (Wikipedia).

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Alles richtig gemacht. Spalterisch addressiert; die rhetorische Frage gleich selbst beantwortet; Niemöller-Kärtchen dran, fertig. Herausragend und integrativ. So soll ein demokratisches Miteinander und der gemeinsame Kapf gegen Nazis wohl gelingen. Da stimmt man grundsätzlich gerne zu, möchte am selbstformulierten Teil des Tweets dann aber doch kurz das eine oder andere kritisieren - und erblickt:

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Und Punkt 6 gibt ihr recht. Ich bremse sie nur. An mir kommt sie nicht weiter. Gut 500 Retweets und knapp 2000 Likes sind eh schon nicht viel. Frau Akyün zu fragen, wie sie darauf kommt, dass Nicht-Almans die einzigen sind, die Angst vor Nazis haben, war nicht richtig. Ihren Tweet "aggressiv" und "spalterisch" zu nennen sogar falsch. Da half auch die Zusatzinfo, dass ich Kartoffel geschworen habe, Anfängen zu wehren - und das verdammt noch mal auch tue, im Rahmen meiner Möglichkeiten: nix.

Wäre ich Wortführer der Rechten und hätte voll in die Eisen gegriffen, hätte ich ihren Tweet geadelt. Aber in Zustimmung eingebettete Schwerstkritik... für wen halte ich mich?

Beispiel zwei, von @polenz_r, dem freundlichen Polit-Pensionär ("MdB für Münster 1994-2013, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses 2005-2013, CDU), der es - in Helmut Schmidt's Erklärbär-Fußstapfen wandelnd - zu einer beachtlichen Twitter-Karriere gebracht hat und dem man nie wirklich böse sein kann.

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Linksradikale, igitt. Und recht hat er doch. Dass es dem Kostbarsten, das wir neben unserem eigenen Leben haben (Planet), nach Jahrzehnten ungestümer Marktwirtschaft so gut geht, liegt an deren kluger, autonomer Preisfindung. "Wenn Umwelt nicht mehr kostenlos ist...", ja dann: genau. Gefragt, warum "im Land mit der höchsten CO2-Steuer (Schweden >100€) auch weiterhin die Emmissionen steigen", ergänzt @polenz_r im Thread, dass der Preis dann halt weiter steigen müsse, Zitat Ende. Ganz marktwirtschaftlich natürlich. Sonst wär's ja linksradikal.

"Die Jahrtausend-Anstrengung Klimawende wird nicht gelingen, wenn 80% das berechtigte Gefühl haben, dass 20% sich in keinster Weise einschränken müssen", sülzt jemand, irgendwo weiter unten im Thread. Aber das geht unter. Keine Likes, keine Retweets. Also Blödsinn.

11. Wie viele Kronen etwas auch trägt, setze allem noch eine auf. (inoffiziell)

>> Der ganze Hass, das Unversöhnliche und die Auseinandersetzungen zwischen Links und Rechts, findet er einfach schlimm. (...) "Man muss gucken, dass man die Fronten wieder weicher kriegt. Eine Gesellschaft kann nicht funktionieren, wenn zwei völlig radikalisierte Seiten aufeinander losgehen", sagte Tuner Grau dem "WDR". << (stern.de)

"Tuner Grau", das ist Chris Grau, einstweilig anerkannter Gründer der Facebook-Gruppe "Fridays For Hubraum", von der man nicht genau weiß, ob und ggf. unter welchem Namen sie auf Twitter offiziell vertreten ist. In der Selbstbeschreibung des Accounts @fridays_hubraum mit seinen aktuell 190 Followern steht jedenfalls zu lesen: "Wir sind mehr. Wir sind gegen die Klimahysterie und fordern einen vernünftigen Diskurs. (...)".

GEGEN Hysterie und FÜR einen vernünftigen Diskurs? Herrje, da hat wohl jemand Twitter nicht verstanden. Aber dafür biete ich ja diesen Service hier an. Man lernt nie aus.

19:30 06.10.2019
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