Wie manipuliert die Bundesregierung die Bevoelkerung?

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Man muss nicht manipulieren, um von den schwierigen Theman abzulenken, es reichen dumme Journalisten. Christian B. hat es gestern gut auf den Punkt gebracht:

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Es gibt keine Krise der Medien, nur eine Krise des Journalismus. Ihr Erkennungsmerkmal ist die Hartnäckigkeit, mit der die Erstere beklagt und die Letztere beschwiegen wird. Die Überzeugung, das Internet sei die akute, existenzgefährdende Bedrohung der klassischen Medien, ist ebenso ubiquitär wie substanzlos, hingegen wird jeder Hinweis auf den rapiden Niveauverlust des Journalismus von den Betroffenen - den Journalisten - als Rufmord abgetan, sofern der Vorwurf nicht mit dem Renditehunger der Verlage begründet, also umadressiert und damit diskutabel wird. Der Renditehunger ist nicht neu und - sofern er nicht gerade Heuschrecken befällt - weniger eine Gefahr, schon eher die Geschäftsgrundlage eines professionellen Journalismus. Neu und zunehmend gefährlich aber ist ein Journalismus, der nicht nur selbst jegliche Seriosität im Umgang mit seinen Themen verweigert, sondern den Journalismus an den Pranger stellt, der auf seriöser Behandlung besteht. Ein Musterbeispiel liefert dafür in diesen Tagen der Fall des unter Vergewaltigungsverdacht inhaftierten Wetteransagers Jörg Kachelmann.

Wenn feststeht, dass die Inhaftierung eines Wetteransagers nicht nur eine Nachricht, sondern der Aufmacher, und nicht nur der Aufmacher, sondern ein Ereignis allerersten Ranges ist, das nicht nur an einem Tage einmal, sondern wochenlang täglich mit immer neuen Informationen zum Liebesleben des Wetteransagers und zum Liebesleben des vom Wetteransagers mutmaßlich vergewaltigten Opfers vor dem Publikum ausgebreitet werden muss, dann ist es selbstverständlich ein Skandal, wenn ein Medium - nicht berichtet. "Tagesschau" und "Tagesthemen" der ARD, für die Kachelmann selbst und Mitarbeiter seiner Firma das Wetter ansagen, haben nicht berichtet, nicht über die Verhaftung Kachelmanns, nicht über seine Vorführung beim Untersuchungsrichter, nicht über sein Liebesleben, nichts.

Der Protest einiger Medien gegen die Verschwiegenheit basierte erstens auf dem Verdacht, hier werde ein Geschäftspartner der ARD überfürsorglich vor der Öffentlichkeit geschützt, zweitens auf der Behauptung, es bestehe ein öffentliches Interesse an, also ein Anspruch auf Berichterstattung über diesen Fall in den Nachrichtensendungen. Beides ist Unsinn. Selbst wenn die ARD ihren Geschäftspartner Kachelmann schützen wollte, wäre ihr das kaum vorzuhalten, wie auch niemand der Bild-Zeitung ihre Verschwiegenheit vorgeworfen hat, als sie vor ein paar Jahren ein Urteil des Landgerichts Berlin unerwähnt ließ, das ihrem Chefredakteur Kai Diekmann attestierte, er habe sich "mit Wissen und Wollen in das Geschäft der Persönlichkeitsverletzungen begeben" und ziehe "bewusst seinen wirtschaftlichen Vorteil aus der Persönlichkeitsverletzung anderer".

Dürfen also Medien Nachrichten unterdrücken, wenn sie die eigenen Leute zu kompromittieren drohen? Selbstverständlich - sofern es sich um keine Nachrichten handelt. Und es ist keine Nachricht, jedenfalls keine, die es wert wäre, in den Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Anstalten vorzukommen, wenn ein Wetteransager oder ein Fußballspieler oder ein Schlagersänger angezeigt und von der Staatsanwaltschaft verdächtigt wird, eine Frau vergewaltigt zu haben. Sofern man sich darauf verständigen kann, dass zur Aktualität eines Vorfalls ein gewisses Maß an Relevanz gehört, damit die Meldung über den Vorfall die Einstufung als Nachricht verdient, hat der "Fall Kachelmann" bisher allenfalls ein paar Zeilen auf der Vermischten-Seite einer sich selbst als seriös empfindenden Zeitung verdient, aber nicht einen Satz in einer Nachrichtensendung.

Der Journalismus leidet nicht an fehlendem Geld, sondern an fehlendem Journalismus. Und der Ernst der Lage ist daran zu erkennen, dass der Journalismus daran keineswegs zu leiden scheint. Er ist bestimmt vom zunehmenden Unvermögen, sich nicht als Dienstleistung am Kunden, sondern als Dienstleistung an der Gesellschaft zu begreifen, die auf die Leistung nicht etwa nur deshalb Anspruch hat, weil sie dafür bezahlt, sondern weil das Grundgesetz ihn ihr verschafft. Die Pressefreiheit ist nicht deshalb besonders geschützt, weil die Verfassung dem Unterhaltungsbedürfnis des Publikums entgegenkommen will und den Journalismus als förderungswürdige Sparte der Abteilung "Events, Fun & Entertainment" betrachtet, sondern weil eine demokratische Gesellschaft ohne den freien Fluss relevanter Informationen, ohne deren professionelle Aufarbeitung und kritische Kommentierung, nicht bestehen kann. Relevanz? Das Gegenteil vom Fall des Wetteransagers Kachelmann.

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22:20 02.04.2010
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Fritz Teich

Schlesinger hat mich wieder an Reinhold Niebuhr erinnert.
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Fritz Teich

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