Big Brother-TV

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Einst versprach Fernsehen den Zuschauern, den Blick zu weiten: das Fenster zur Welt. Inzwischen hat sich unter dem Druck der kommerziellen Standards die Richtung verengt auf den Blick durchs Schlüsselloch. Die Tyrannei der Intimität, ist durch das Fernsehen zum Normalzustand geworden. Desgleichen haben sich alle an die Allgegenwart von Kameras gewöhnt, vom Kaufhaus bis zum Urlaub. Und dass Fernsehen selbst Katastrophen nach Möglichkeit live übertragen sollte, gehört zum festen Vorstellungsrepertoire der Medien-Kultur.

Mit all dem zu spielen, verspricht eine Fernseh-Show aus Holland mit dem beredten Namen: Big Brother. Ein Fernseh-Experiment, das am Silvesterabend zu Ende, im Deutschland aber Ende Februar neu aufgelegt wird. Viele Sender in anderen Ländern werden folgen. Das Konzept hat sich als erfolgreich erwiesen. Die Idee ist einfach: Eine Gruppe von Menschen begibt sich freiwillig 100 Tage lang in Klausur und lässt sich rund um die Uhr von Kameras beobachten und von Mikrophonen belauschen. Vor den Bildschirmen hockt ein Millionenpublikum und schaut zu. Nach Angaben des holländischen Privatsenders "Veronica" ist der Erfolg von Big Brother groß: täglich etwa eineinhalb Millionen Zuschauer. George Orwells Warnung vor dem Großen Bruder und vor allseitiger Kontrolle des Individuums ist dem Fernsehen grade noch ein ironisches Zitat wert.

Was immer Big Brother sein mag, "Psychostress-Show" oder Seifenoper, reale Horrorvision oder die Zukunft des Fernsehens - es ist wie im Zoo. Die Versuchsanordnung in Amsterdams Schlafstadt Almere sah so aus: ein fensterloser Wohncontainer samt Schrebergarten, alles rundum verkabelt; das Gelände umzäunt und bewacht wie ein Gefängnis, aber nicht, weil die Eingeschlossenen raus, sondern weil Ausgeschlossene hinein wollen. Zu Beginn der Show lebten hier neun Freiwillige, fünf Männer, vier Frauen, zwischen 22 und 44 Jahren alt, abgeschnitten von der Außenwelt. Ihren Tagesablauf ließen sie von 24 Kameras durchleuchten. Auch Bad und Toilette waren einsehbar, gelegentlich hängten die Bewohner Handtücher davor.

Gesendet wurde Big Brother täglich eine halbe Stunde lang, und zwar als Zusammenschnitt der wichtigsten Ereignisse des Tages. Als da wären: Brotbacken, Werken im Garten oder Gespräche über Kinder. Dazu gab es zweimal wöchentlich einstündige Zusammenfassungen. Natürlich konnten Neugierige im Internet ihre Neugier auf technologisch avancierte Weise befriedigen (www.big-brother.nl).

Eingesperrt waren die Kandidaten nicht. Sie konnten ihren Käfig jederzeit verlassen, durften dann aber nicht mehr zurück. Es war ohnehin nicht vorgesehen, dass alle Kandidaten bleiben, denn es handelt sich um eine TV-Show. Die Zuschauer konnten über TED oder über Internet Teilnehmer rauskegeln. Beurteilt wurden nicht Leistungen, sondern Charaktere. Langweiler sollten es schwer haben, Auffällige auch.

Einige Teilnehmer waren schon bald freiwillig ausgeschieden und ersetzt worden. Eine junge Frau zum Beispiel war genervt von dem Zwang, mit den Mitbewohnern diplomatisch umzugehen. Wer aus dem Rahmen fiel, konnte ja rausgewählt werden. Inzwischen halten sich noch vier Teilnehmer im Container auf, beim Silvester-Show down werden es noch drei sein. Am Ende schließlich wird nur eine/r als Sieger des Spiels eine Viertelmillion Gulden kassieren.

Kandidaten als Versuchskaninchen, Zuschauer als Voyeure. Die Truman-Show war nur eine mäßig vorgreifende Kinophantasie. Die Mitspieler hatten wenigstens Aussicht auf den Schlussgewinn. Außerdem bekamen sie ein ordentliches Tagegeld und selbst bei Ausscheiden etwas Ruhm ab. Sie wurden in Talkshows herumgereicht, um zu erzählen, wie es drinnen aussieht. Andy Warhols Prophezeiung, es könnte zum Ereignis des Lebens werden, wenigstens einmal fünf zehn Minuten im Fernsehen gewesen zu sein, wird wahr.

Dabei ist das Erfolgskonzept nicht leicht zu erklären. Bei Big Brother war meist Langeweile angesagt. So spannend war gemeinsames Hühnerfüttern nicht, und Spielchen wie Wettradeln auf dem Hometrainer oder kollektives Luftballon-Aufblasen machten die Sache auch nicht sensationeller. Den voyeuristischen Ambitionen des Publikums, fremden Leuten unter die Bettdecke gucken zu können, haben die Eingeschlossenen offenbar durch Selbstdisziplin selbst vorgebeugt. Selbst der Show-Erfinder John de Mol war erstaunt darüber, dass viele Zuschauer sich für so Belangloses interessieren. Er erklärte den Erfolg mit dem auch sonst nur mittelmässig spannenden Alltag der Niederländer. Ansonsten gilt für ihn aber das Argument der Quote: "Eineinhalb Millionen Zuschauer können nicht irren".

Die TV-Show ist darauf angelegt, dass es zu Spannungen und Konflikten zwischen den Testpersonen kommt. Es hofften wohl auch viele darauf, dass es zwischen den Genervten mal richtig knallt und sie anfangen könnten, sich ein bisschen zu mobben. Wie das im Leben halt so zugeht. Das Spiel mit solchen Erwartungen ist nicht neu. Die TV-Direktübertragung der Besteigung der Eiger-Nordwand zum Beispiel folgte dem gleichen strukturellen Antrieb. Die Sendung lebte nicht nur von schönen Bildern und sportlichen Leistungen, sondern auch vom Nervenkitzel, es könnte einer der Bergsteiger abstürzen oder wenigstens real in Gefahr geraten.

Ganz des Erfolgs sicher scheinen sich die deutschen Veranstalter jedoch nicht zu sein. Kein großer Fernsehsender hat die Rechte gekauft. RTL2 hat eben mit einer vorbereitenden Sendung die deutsche Version der Big-Brother-Show gestartet und mit der Auswahl der Selbstdarsteller begonnen. In Holland hatten sich 3.000 Interessierte beworben. Der Wohncontainer wird in Köln bereits gebaut. Sendestart soll Ende Februar sein. Die Aussichten auf ein profitables Programm sind gut, denn die Produktionskosten sind relativ gering. Werbepreise werden grade kalkuliert. Danach geht es mit Reality weiter. Im Juni folgt die Live-Übertragung einer Besteigung des Nanga Parbat (vielleicht klappt es dann mit einem anständigen Unglück), und im Herbst kommt RTL2 mit einer weiteren kopierten Show: Robinson. Darwinistisches Prinzip als Dramaturgie: Kandidaten werden mit wenig Ausrüstung in der freien Wildbahn auf einer Insel ausgesetzt und sollen sich drei Monate lang durchkämpfen - von Kameras beobachtet natürlich. Es gewinnt, wer am längsten durchhält. Die Show war in Schweden schon erfolgreich, aber leider einmal in die Schlagzeilen geraten, als ein Ausgeschiedener den Frust nicht verkraftete und sich umbrachte. Big Brother hätte seine Freude dran.

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