Politische und andere Väter

KINDERBÜCHER Michael Hatrys Jugendroman über die Achtundsechziger

Kaum ist der 13-jährige Marcello, genannt Cello, von Berlin nach München gezogen, beginnt für ihn eine turbulente Woche. Erst steht Tina mit dem Geigenkasten vor der Tür, dann findet er ein Buch über Vietnam und die APO, das merkwürdigerweise seinem weit entfernt lebenden Vater zu gehören scheint, dann wird ihm das Buch von einer freundlichen alten Frau geklaut, und obendrein bekommt er noch Prügel von rechten Jugendlichen, die ihn einen "Kanaken" nennen.

Das Buch über Vietnam und die APO wird im weiteren Verlauf noch eine größere Rolle spielen. Michael Hatry hat in seinem Roman die Zeit der Studentenbewegung als Hintergrund gewählt. Damals hat auch Cellos Vater studiert, aber, lässt Hatry seinen Helden schon früh sagen: "Ich wusste fast nichts über meinen Vater und über diese sechziger Jahre". Diesem Mangel will das Buch abhelfen. Ein Bildungsroman also, eine Reise in die Zeit politischen Aufbruchs und der Versuch, den Geschichtsklitterungen zu widersprechen, die die Studentenbewegung für jede gesellschaftliche Fehlentwicklung der neunziger Jahre verantwortlich machen. "Von den Hoffnungen, Sehnsüchten, Träumen, auch Widersprüchen, die uns damals bewegten, wollte ich auch erzählen", schreibt Michael Hatry in einem Nachwort.

"Tina, Charlie, Che und ich" ist auch ein Buch über Väter. Über abwesende Väter, unbekannte Väter, solche mit einer Achtundsechziger-Geschichte, bei denen Ideal und Wirklichkeit nicht immer zueinander passten. Cello wird mit diesen Widersprüchen konfrontiert werden. Er wird bei einer Theateraufführung "Der Traum des Guerillero" mitmachen, erstmals von Che Guevara hören und miterleben, wie der Traum von sozialer Gerechtigkeit zynisch abgetan wird. Er wird entdecken, in einer ziemlich verwickelten Auflösung übrigens, dass er eine fast gleichaltrige Halbschwester hat, Charlie nämlich, deren Augen ihn sofort angezogen haben. Er wird erfahren, dass sein Vater und die Freunde von damals ihre gemeinsame Geschichte noch nicht zu Ende gebracht haben. Soll auch heissen: dass diese Geschichte eben noch nicht zu Ende ist.

Ziemlich viel Historie hineingepackt hat Michael Hatry in seinen Roman, und gelegentlich schiebt sich diese aus dem Hintergrund weit nach vorn. Da liegt dann auch die Gefahr nahe, die Figuren auf den zeitgeschichtlichen Raster aufzuspannen. Dieser Gefahr ist der Autor auch nicht entgangen. Man wartet gradezu darauf, dass auch noch Rudi Dutschke persönlich ins Spiel käme. Es hätte dem Roman und seinen aufklärerischen Absichten nicht geschadet, wenn Meinungen, Haltungen und Ereignisse nicht gar so ordentlich sortiert wären. Auch wirkt Cellos Geschichte gelegentlich überdramatisiert, weil Hatry die Fallhöhe der Konflikte und Streitigkeiten eher niedrig gelegt hat und sie statt in Aktion lieber im langen Palaver auflöst. Darin erweist sich der Autor selbst als Altachtundsechziger. Am schönsten gelungen sind ihm seine jugendlichen Helden dort, wo sie unter sich, also bei sich sind - Tina vor allem, die ständig einen Geigenkasten mit sich trägt, wo andere sich mit einem Eastpack begnügen. Cello wird am Ende zwischen seiner Schwester und seiner Freundin liegen, in den Sternenhimmel schauen und über einen Satz nachzudenken haben, der ihm durch den Kopf geht und den der Autor den jugendlichen Lesern auf den Weg mitgibt: "dass ich meine sechziger Jahre noch vor mir hätte, im nächsten Jahrhundert und so".

Michael Hatry: Tina, Charlie, Che und ich. dtv-junior, München 1999, 270 Seiten. DM 13,90

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