Verlust, Gewinn

KINDERBÜCHER "Balaban Neumann, der Hund", eine Erzählung von Sheila Och

Traurig sitzt Familie Neumann um den Tisch. Fünf Menschen, sechs Stühle. Ein Stuhl ist leer. Auf dem saß immer Opa. Aber der, sagt lakonisch der 10-jährige Ich-Erzähler Peter, "war uns vor vierzehn Tagen weggestorben." Und als die Eltern grade nachzudenken beginnen, wie man aus der Traurigkeit herauskäme, hat die fünfjährige Bärbel eine Idee: "Der Opa, der hätte uns bestimmt einen Hund gekauft, wenn er gesehen hätte, wie traurig wir sind".

Schnell und geradlinig setzt Sheila Och ihre Leser mitten hinein in die Geschichte von Balaban Neumann, dem Opa-Ersatz-Hund, dem Seelentröster. Und während noch alle Neumanns ihrem Wunschhund nachträumen, zeigt ein Linolschnitt von Sabine Wiemers schon, dass Balaban keine Schönheit ist, sondern einer dieser Köter mit gesträubtem Fell und latentem Knurren in der Kehle. Wir ahnen schon, dass es turbulent weitergehen wird. Der Hund steht im Tierheim im allerletzten Zwinger und blickt seiner künftigen Familie in die Augen: "Nicht traurig, sondern streng. Sehr streng sogar".

Sheila Och kann auf eine unnachahmliche Weise lakonisch und komisch erzählen. Ihr Text funkelt vor Witz und mehr als einmal möchte man beim Lesen losprusten vor Lachen. Sie erzählt aus Kinderperspektive auf eine ganz unaufdringliche Weise, ohne Anbiederung, ohne kindischen Ton. Eine solche Balance hält sich auch mit ihrer Hauptperson Balaban. Der Hund menschelt, muss aber dabei nicht kindisch werden. Er hat sozusagen eine hündische philosophische Dimension: seine Probleme löst er mit Köpfchen und nicht mit Gewalt.

Ansonsten zeigt Balaban, was ein Hund alles kann. Nichts im Haus ist vor ihm sicher. Bald sind Türe und Schränke verriegelt und verrammelt. Den Postboten hat er ebenso vergrault wie Bauarbeiter in einem Bauloch. Ein keckes Eichhörnchen hat er überlistet und die Nachbarskatze dazu erzogen, den Sandkasten nicht als Katzenklo zu benutzen. Sheila Och hat ihrer Geschichte auch doppelten Boden eingezogen. Balaban ist ein Katalysator, an dem sich Haltungen scheiden. Am Umgang mit ihm zeigt sich, wer Charakter hat. Am Ende bewirkt Balaban sogar, dass der Vater sich endlich von den Bevormundungen seiner älteren Schwester befreit. Eine kleine Philosophie trägt die Parabel schliesslich auch mit sich: dass das Leben Verlust sein kann und Gewinn. "Das Leben ist grausam", sinniert Peter, als Balaban überraschend verschwindet, "es geht ständig etwas verloren".

Doch Balaban kehrt wieder zurück und bringt seinen früheren Herrn mit, einen gewissen Capek; so bleibt am Ende auch der sechste Stuhl nicht leer. Vielleicht mag es Zufall oder Wahl eines gebräuchlichen Namens sein, dass Sheila Och den Ersatz-Opa Capek nennt, wie den berühmten tschechischen Erzähler. Sicher ist, dass alle ihre Erzählungen und Romane etwas von der tschechischen Erzähltradition mit sich führen. Sie schmecken in ihrer Erzähl-Lust nach Capek, Hasek, Hrabal und Kundera (bei dem die Autorin in Prag studiert hatte).

In der Familie der Kinderbuchautoren wird der Stuhl, auf dem Sheila Och saß, leer bleiben. Sie ist uns, um in ihrem Ton zu bleiben, vor drei Monaten weggestorben, überraschend. Sie wird fehlen. So schlank und lakonisch, so warm und so witzig erzählen können nur wenige.

Sheila Och: Balaban Neumann, der Hund. Illustriert von Sabine Wiemers. Verlag Sauerländer, Frankfurt 1999. 80 Seiten. DM 19,80>

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