fritzoid
11.04.2011 | 21:39 8

Die Andere und der Orientalismus

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied fritzoid

Eigentlich hab ich keine Zeit für sowas.

Ich müsste an meiner Copy arbeiten und sie für den sogenannten Schulterblick optimieren; ich müsste eine Homepage auf den neuesten Stand bringen; dann wollte ich noch meine Magisterarbeit auf 5000 Wörter reduzieren und einem Journal schicken; meinem Vater kündige ich seit zwei Monaten meinen Besuch an. Ausserdem siehts hier aus wie in einem Rattennest und ich habe Umzugskartons die seit einem Jahr darauf warten ausgepackt zu werden.

Aber ich werde wohl mein Exemplar von Edward Saids “Orientalism”, dass ich bisher nur kurz und für Stichproben in der Hand hatte, von Anfang bis Ende durchlesen müssen. Nicht an einem Tag. Aber diese Woche. Aufmerksam.

Burkaverbot in Frankreich und Frauenquotendiskussionen daheim treiben mich dazu.

Beide sind für mich mit den Netzsperren vergleichbar: sie verdrängen und verstecken Probleme, ohne sie zu lösen.

Bei den Netzsperren gab es schnell Zahlen: wieviele Seiten waren wie schnell gelöscht und machten die Sperren unnötig? Wer sammelt bei Frauenquote und Burkaverbot die Zahlen? Wieviele Frauen dürfen dann garnichtmehr auf die Straße? Wieviele Frauen erhielten plötzlich gleichen Lohn? Wieviele Frauen, die der beste Mensch für die Position waren, bekamen einen Spitzenjob?

Ich finde Burkas nicht gut, schön, oder in irgendeiner Weise korrekt. Ebenso finde ich die traditionelle Benachteiligung von Frauen in großen und kleinen Konzernen nicht in Ordnung. Aber durch Gesetze, wie mit Zuckerguss, an der Oberfläche rumzuhübschen finde ich kontraproduktiv. Jetzt will ich Saids Klassiker lesen um präzisieren zu können warum es mir beim Verbot und der Quote so die Zehennägel aufrollt.

Passt jetzt irgendwie dazu und auch wieder nicht: Mein Gehirn schlägt eine “Kulturrevolution” vor. Wir übergeben unsere Kinder ab einem gewissen Alter in staatliche Hände und lassen sie dort zu guten, produktiven und gleichberechtigten Bürgern formen, die für eine zukunftsorientierte und moderne Gesellschaft vorbereitet werden. Dann würden wir auch diese doofen Probleme mit “typischen” Geschlechtern los. Und die Religionen und ihre menschenverachtenden Traditionen könnten wir auch eliminieren. Einen Moment später widerspricht mein Gehirn diesem Vorschlag. Zurecht, wie ich finde.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (8)

Avatar
kleiner-muck 12.04.2011 | 05:38

"Jetzt will ich Saids Klassiker lesen um präzisieren zu können warum es mir beim Verbot und der Quote so die Zehennägel aufrollt."

Kann die genannte Lektüre nur empfehlen. Verbot bestimmt nicht, Quote jedoch wohl doch. Bin politisch-libeal eingestellt (mit stark sozialer und ökologischerFärbung), nicht wirtschafts-liberal und habe mich zu letzterem Urteil lang durchringen müssen.

philoron 12.04.2011 | 23:07

"Beide sind für mich mit den Netzsperren vergleichbar: sie verdrängen und verstecken Probleme, ohne sie zu lösen."

Mir scheint es nicht anders. Weiterhin kommt es mir so vor, dass immer etwas neues unter das Volk gebracht wird, etwas woran es sich (auf-)reiben kann. Die Tatsache, dass ein paar Tage oder Wochen später schon wieder ein anderes Thema das vorherige verdrängt hat spricht doch dafür, dass es nicht wirklich um die Sache selbst geht. Vielmehr müssen sich angestaunte Emotionen entladen und die Menschen nebenbei auch von der Wirklichkeit abgelenkt werden.

"Wir übergeben unsere Kinder ab einem gewissen Alter in staatliche Hände und lassen sie dort zu guten, produktiven und gleichberechtigten Bürgern formen, die für eine zukunftsorientierte und moderne Gesellschaft vorbereitet werden."

Guter Vorschlag, wenn der Staat sich selbst zuvor verändern würde. Denn ihm ist doch eigentlich nur daran gelegen, perfekte Staatsdiener heranzuerziehen, welche die bestehenden Verhälnisse nicht anzuzweifeln suchten. Die Konditionierung beginnt bereits in der Schule. Wie könnte es auch anders sein, wenn das System sich imgrunde ja selbst erhalten muss. Christoph Schlingensief hat einmal ein passendes Zitat dzu gebracht.

Zu was wird die nächste Quote folgen, oder das nächste Verbot?

Aber erstmal müssen wir anfangen, überhaupt darüber nachzudenken, oder können wir nur noch verdrängen und vergessen.

fritzoid 13.04.2011 | 01:08

Zitat: "Guter Vorschlag, wenn der Staat sich selbst zuvor verändern würde. Denn ihm ist doch eigentlich nur daran gelegen, perfekte Staatsdiener heranzuerziehen, welche die bestehenden Verhälnisse nicht anzuzweifeln suchten"

Naja. Ich habe die "Kulturrevolution" verworfen, weil sie eben auch nur ein Ausdruck von Macht wäre. Egal wie gutgemeint und menschenfreundlich sie gedacht wäre, es müsste ihr ein Machtwechsel vorangehen. Irgendwer (Einzelperson oder Gruppe) müsste die Definitionshoheit über was eine gute Gesellschaft ist an sich reissen. Denn wenn eine Gesellschaft schon so wäre, wie man sie wollte (wenn also der Staat sich positiv verändert hätte), dann müsste man kein kollektives Brainwashing mehr durchführen. Und nix anderes wäre so eine Massenerziehung von Kindern – auch in einem "besseren" Staat.

fritzoid 14.04.2011 | 01:29

Ich glaub da hast Du mich missverstanden.
Eben weil es faschistoid ist, hab ich das dann als "Lösung" auch verworfen. Meine Antwort sollte eigentlich erklären warum ich es eben keinen guten Vorschlag finde.
Zufällig sitze ich grade auf dem Sofa und lese den schönen Absatz: "When it became common practice during the nineteenth century for Britain to retire its administrators from India and elsewhere once they had reached the age of fifty-five, then a further refinement in Orientalism had been achieved; no Oriental was ever allowedto see a Westerner as he aged and degenerated, just as no Westerner needed ever to see himself, mirrored in the eyes of the subject race, as anything but a vigorous, rational, ever-alert young Raj."