fritzoid
06.03.2011 | 20:26 1

Die gute Figur

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied fritzoid

Für den gestrigen Samstag hatten Guttenberganhänger zu Demonstrationen aufgerufen. Tausende Emails fluteten die Postfächer von ARD und anderen Medienunternehmen. Auf Facebook waren die Anhänger zwar nur ein Bruchteil aller deutschen Mitglieder, dennoch war ihre Präsenz so merkbar, dass eine NoGuttFriends App entwickelt wurde, die automatisch Facebook-Freunde löscht, die in einer Pro-Guttenberg-Gruppe sind. Es wurden auch Stimmen laut, die die Politik des Freiherrn nicht teilten und sogar den Rücktritt befürworteten, sich aber trotzdem gegen die sogenannte Medienhetze aussprachen.

Die Argumente der meisten Pro-Guttenbergler, wie ich sie rezipiert habe, lassen sich so zusammenfassen: Herr zu Guttenberg sei sympathisch und führungsstark; zudem sei er auf Grund seiner Herkunft unabhängig; seine Herkunft und Erziehung führen auch dazu, dass er im Ausland (dessen Herrscher nicht immer demokratisch gewählt sind) positiver empfangen würde; das harmonische Familienbild, dass der Freiherr und seine schöne Frau lieferten, lasse auf einen prinzipientreuen und vertrauenswürdigen Charakter schließen.

Freilich werden auf Nachfrage (YouTube:Bild - Leserin beschwert sich über den Rücktritt von Kriegsminister Karl-Theodor zu Guttenberg) auch inkohärente oder tautologische Argumente geliefert. Je irrationaler die Antwort ausfällt, desto öfter wird sie rezipiert. Demnach sind das, bedauerlicherweise, wie in fast jeder Diskussion die lautesten Stimmen. Deren Grundannahme soll in den folgenden Paragraphen betrachtet werden. Bemerkenswert finde ich dabei die Betonung der angeblichen Sympathie Guttenbergs von Menschen die ihn nicht persönlich kannten, sowie der offensichtlich unterbewusste Glaube an die Schöngutheit (de.wikipedia.org/wiki/Kalokagathia), beziehungsweise die unterbewusste Gleichsetzung von Schönheit und Gutheit.

Es geht mir nicht darum zu beurteilen ob Herr zu Guttenberg ein guter oder ein schlechter Mensch ist. Das überlasse ich gern Anderen, die ihn besser kennen oder mehr und genauere Informationen haben. Mir geht es um die Aussage, dass ein so photogener Mann mit so einer schönen Frau — warum wird ihr Aussehen hervorgehoben und nicht, beispielsweise, ihre Intelligenz oder ihr Glaube? — nicht auch ein schlechter Mensch sein kann.

Dazu zwei Beobachtungen:

1) Prinzessin Diana war schön und adlig. Über sie etwas schlechtes zu sagen war schon vor ihrem Tod fast unmöglich. Prinz Charles, der nie zum bestaussehendsten Mann des Jahres gewählt werden würde, war und ist nicht so unantastbar wie seine erste Frau. Schöne Menschen — und ich meine dabei die physische Schönheit — haben es manchmal leichter und werden bevorzugt behandelt (en.wikipedia.org/wiki/Physical_attractiveness).

2) Die Faszination des Deutschen Volkes mit Adelshäusern ist, trotz der Abschaffung der Standesvorrechte in Deutschland, ungebrochen. Eine ganze Industrie lebt davon Adlige wie Hollywood-Stars oder Rock-Musiker zu beobachten und sie und ihren Lebensstil zu idolisieren. In solchen Zeitschriften beschäftigt sich die Redaktion viel weniger mit Kommissionen und Legislatur. Stattdessen stehen die Hochzeiten von schwedischen Prinzessinnen und englischen Prinzen im Fokus. Bälle, Schlösser und Burgen, die vielen Titel der Herzogin von Alba: darüber berichtet man. Das soll kein Vorwurf sein. Diese Medien sind nicht die Einzigen, die ihrem Publikum den Traum vom Schloss und Prinzen verkaufen.

Bei Karl-Theodor zu Guttenberg haben diese zwei Umstände dazu geführt, dass er nicht nur in der so oft genannten “Bild” zu sehen war, sondern, dass auch die Gala-LeserInnen ihn und seine Frau zumindest erkannten. (Die Gala wird hier genannt, jedoch gibt es mehrere solche Zeitschriften und das nicht nur in Deutschland. Man könnte auch Fernsehsender nennen, die ganze Sendungen mit dem Leben der von und zus füllen.) Dadurch wurden der Freiherr und seine Frau nicht nur von Menschen wahrgenommen, die politische Nachrichten rezipieren. Ich wage zu behaupten, dass die Zahl derer, die von den politischen Leistungen des CSU-Mannes noch nie, beiläufig oder erst in den vergangenen zwei Wochen gehört hatten, nicht zu vernachlässigen ist. Menschen, die keine As soziation beim Wort “Kunduz” haben und stattdessen das — mir fehlt ein besseres Wort — soziale Engagement oder die Wohnzimmereinrichtung von Frau zu Guttenberg kennen. Diese Menschen freuten sich vermutlich, dass jemand der auch sie interessieren könnte Minister war. Sie hatten das Gefühl KTzG sei für sie zugänglich - ein Gefühl das ihnen die von ihnen gewählten Medien gaben. Die politische Arbeit spielt deshalb bei der Einschätzung seiner Person eine untergeordnete Rolle.

Dass die Jugendlichkeit und das Aussehen des ehemaligen Ministers und seiner Frau entscheidend für die Sympathiebekundungen sind, ist den Pro-Guttenberglern und den “Pro-Guttenberglern” zumindest ansatzweise bewusst. Nicht umsonst ist eins der angesprochenen Themen auf den Plakaten die gegelte Frisur des Freiherrn (“die Frisur sitzt, das Amt bleibt, drei-Lügen-taft” und “Du hast die Haare schön”). In den Fußgängerzonen der Republik antworten Frauen mittleren Alters, dass ein so junger/netter/gutaussehender Mann nicht so behandelt werden hätte müssen.

Im oben verlinkten Wikipedia-Artikel zur Schöngutheit steht “Im 5. Jh. v. Chr. wurde der Begriff meist für Aristokraten verwendet […]”. Vielleicht hat also die Kombination von Aussehen und Herkunft für Herrn zu Guttenberg gereicht um spontane Zustimmung bei teilweise unpolitischen Menschen hervorzurufen, da unterbewusst die Assoziation Adel + Aussehen = schöne Seele gemacht wurde.

Es scheint nicht wichtig zu sein was Herr zu Guttenberg tut, solange er dabei eine gute Figur macht.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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