fritzoid
16.10.2011 | 19:17 1

Gute Camper, Schlechte Camper

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied fritzoid

Dieser Artikel ist die deutsche Version eines Blogposts, den ich am Freitag 14.10.2011 geschrieben habe.

Jenen Freitagnachmittag hatte ich damit verbracht Livestreams von Occupy Protesten anzusehen. Der erste (von halb 1 mittags bis ca. 2) zeigte wie sich die Menschen im Zucotti Park darauf gefasst machten "rausgekehrt" zu werden und schließlich jubelten als bekanntgegeben wurde, dass sie nochmal bleiben dürfen. Der zweite zeigte wie Menschen in Denver, Colorado aus Lincoln Park entfernt wurden. CNN zeigte Livebilder ohne Ton, von einem Helicopter aus geschossen. 9News zeigte den ungeschnittenen Feed der Nachrichtenkamera, inklusive Gesprächen mit Aktivisten, die nicht im Fernsehen gesendet wurden. Es wurde mehrfach auf die orangenen Mülllaster hingewiesen, in die die Zelte, Stühle und andere Gegenstände der Besetzer geworfen wurden.

Ich verfolgte Tweets mit dem Hashtag #occupyDenver und #occupyNYC. Dabei brachte mich ein Tweet von @denverwill über die Dichotomy der Zelte der Occupy-Bewegung und der Applekunden, die auf ein iPhone 4S warteten zum Lachen (eine weitere Nachricht des Tages war auch, dass Steve Wozniak vorne in der Schlange auf seinem Campingstuhl saß).

Meine kurze und spontane Analyse lautet wie folgt:

Die Menschen der Occupy-Bewegung campieren in öffentlichen Parks weil das der einfachste Weg ist rund um die Uhr Präsenz zu zeigen und damit auf sich aufmerksam zu machen. Die Applekunden campieren vor dem Laden weil das der einfachste Weg ist sicherzustellen, dass man am ersten Tag des Verkaufs mit dem gewünschten Produkt nach Hause geht. Ich werde die Prioritäten dieser Gruppen garnicht vergleichen. Mich interessiert eher die Reaktion, die diese Camper bei den Mächtigen hervorrufen.

Beide Gruppen haben Nachteile für eine Stadt: sie sind Fußgängern im Weg, sie müllen um sich (Papier, Verpackungen, Zigarettenstummel, Pappbecher, usw.), ihre Zelte und Stühle hinterlassen Spuren auf dem Gehweg und den Grünflächen. Warum also beschäftigen sich Politiker mehr mit den einen als den anderen? Warum wird eine Person, die aus politischen Gründen da ist als störender empfunden als eine, die etwas kaufen will? Warum wird den einen mit Räumung gedroht, während die anderen in Ruhe gelassen werden?

Ich würde behaupten, dass es daran liegt, dass die Mächtigen es lieber sehen wenn die Bürger konsumieren und Geld ausgeben und den Konsumerismus feiern, als wenn diese den Lebensstil, den unsere Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten aufgebaut hat, hinterfragen und kritisieren.

Viele von uns haben den Slogan "Conform! Consume! Obey!" so oder ähnlich schonmal gehört. Güter kaufen bestätigt den Status-Quo. Uns wird gesagt, dass das unsere Wirtschaft vorantreibt. Manche argumentieren, dass Firmen deshalb erst in der Lage sind ihre Angestellten zu bezahlen und, metaphorisch gesprochen, sich nur deshalb die Erde auch weiterdreht. Seinen Platz in der konsumeristischen Kette zu hinterfragen, oder auch sich mit einem Schrebergarten halb autark zu machen stört den Status-Quo. Indem sie sich dem dominanten Diskurs des Konformismus und Konsumerismus (versuchen zu) entziehen, rütteln die Occupier an einem Käfig. Sie erlauben den Mächtigen nicht sie wohlwollend anzulächeln und, bildlich gesprochen, den Kopf zu tätscheln. Hinterfragt zu werden, genauer gesagt wenn die eigene Machtposition hinterfragt wird, macht Angst. Es macht auch Angst wenn der eigene Lebensstil hinterfragt wird. Es macht auch verdammt nochmal auch Angst wenn der Status-Quo hinterfragt wird, egal wie unglücklich man mit ihm ist.

Zusammenfassung: der Unterschied zwischen den zwei Zeltlagern ist, dass das eine die gängige Hegemonie hinterfragt, während das andere eine Gratiswerbung für eine Glitzerwelt ist, in der unser Leben durch den Kauf von Dingen besser wird. Es ist einfacher nett zu denen zu sein, die Dir keine Angst machen und Dich nicht kritisieren.

Dieser Unterschied zeigt in was für einer Welt wir bisher gelebt haben.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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