Angst haben und Tee trinken

Reisereportage Im Nordirak blüht der Tourismus. Nun öffnet sich auch Bagdad. Wer hinfährt, findet Offenheit, Graffiti in Saddams Schlafzimmer und von Deutschland kurierte Flüchtlinge
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Angst haben und Tee trinken
„Ich weiß“, seufzt Wassimi, als wir vor dem Denkmal stehen, „mein Land steckt fest: Saddams Haus, Saddams Boot, Saddams Joghurt!“

Foto: Franziska Seewald

„Was genau sind Sie?“, dröhnt es aus dem Hörer, als ich zum ersten Mal die irakische Botschaft in Berlin wegen meines Visums anrufe. Eine erfrischende Frage. Jetzt müsste man Faust sein. Oder Ellen Ripley. Dem Durchschnittsmenschen hingegen fehlt die erlesene Antwort. „Sind Sie Ärztin? Oder beim Militär? Was wollen Sie denn zwei Wochen in Bagdad machen?“ In der modernen Welt mag sich niemand mehr Tourist nennen, denn das Touristische wäre selbst im stilvollsten Gewand die Kapitulation der Individualität vor den Vorzügen einer Infrastruktur. „Ich will gucken“, sage ich schließlich und stelle mich in die Stille. Gelebte Überforderung. Man verweist mich ratlos auf ein Formblatt im Internet.

Die Fahrt von Bagdad ins südlichere Basra ist längst gebucht und bezahlt. Zwei Jahre lang hatte ein britischer Veranstalter für Reisen im subkonventionellen Segment vor Ort recherchiert und die erste zivile Rundreise in den südlichen Irak angeboten. Im Norden des Landes - dem irakischen Teil Kurdistans, vor allem in Erbil - avancierten westliche Touristen nach dem Ende der letzten Invasion der USA schnell zum selbstverständlichen Teil der Szenerie: Kühles Bier und sprudelnde Pools lassen einen dort vergessen, wo man ist. Mehr als 3 Millionen Touristen bereisten 2019 den nördlichen Irak, die jährlichen Einnahmen daraus überschritten erstmals 1 Milliarde US Dollar. Für den Rest des Landes fehlen offizielle Zahlen. Als ich das gefüllte Formblatt mit aufgerundeter Bearbeitungsgebühr an die Botschaft in Berlin sende, findet die Post entwaffnend zu mir zurück: Drei Euro zu viel Bargeld, man dürfe das so nicht annehmen. - Wo ist die Achse des Bösen, wenn man sie braucht?

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Weiße Strände sind schön. Aber sie sagen uns nicht, wer wir sind. Darum bereist die Bloggerin Franziska Seewald Gegenden, an denen sonst niemand sein mag. Vom Hindukusch bis Nordkorea. Im Frühjahr 2019 fuhr sie als eine der ersten offiziellen Touristen nach Bagdad. Der zögernden Reiseagentur hatte sie zuvor lange genug gedroht, sich sonst der Sache in Flip Flops auf eigene Faust anzunehmen. Zwischenmenschlich sorgen muss sich niemand: Sie mag auch Südfrankreich.

Zwei Wochen später treffe ich in Istanbul den Rest der Gruppe, um nach Bagdad zu fliegen. Am Gate schießen Menschen ungläubig Selfies mit der Anzeigetafel und ziehen erleichtert zurück in ihr aufgeräumtes Leben. Wir sehen einander schweigend ins Gesicht und steigen ein. Als sie die Gangway vom Flieger abkoppeln, fühlt es sich an wie der Countdown für eine Rakete. An Bord ist neben der Ausstattung vor allem die Erfahrung nagelneu: Es gibt weder Fernseher noch Mahlzeiten. Man lässt stattdessen Mitgebrachtes großzügig kreisen und macht sich ausufernd miteinander bekannt. Der Applaus nach der Landung ist lang und laut.

Der Flughafen von Bagdad ist ein gut sortierter Schuhkarton. Man durchstreift ihn erwartungsvoll und steht dann schmerzhaft unbenutzt auf dem menschenleeren Parkdeck. Am Horizont winkt irgendwann die Personalunion aus Leibwächter, Fremdenführer und Übersetzer: Herr Wassimi*, ein Mann, der die Stufe des Menschen augenscheinlich vor langer Zeit zum Statement hin überwunden hat. Sein Anorak bliebe selbst im hochsommerlichen High Noon geschlossen. Die einschlägige Sonnenbrille veredelt das epische Entree: „Sagt nichts“, ruft er schon aus weiter Ferne, „sogar meine Mutter hänselt mich als Saddam!“ Neben Wassimi wurzelt unser Fahrer, der stumm hinter seinem Schnauzbart ruht und in den kommenden Tagen selbst dann noch völlig regungslos verharren wird, wenn der Fahrtwind bei Tempo 100 die faltbare Bustür aufreißt. Vor dem letzten Krieg war unser Fahrer Konvoi-Futter, erfahre ich flüsternd von Wassimi. Denn der echte Saddam reiste stets in einer Autokolonne aus bis zu fünfzig Wagen. Sie alle wussten um die Gleichgültigkeit des Systems. Der einzelne Fahrer war wertlos, ein winziger Punkt in der perfiden Fläche, nicht mehr als der Puffer zwischen Regime und Rebellen.

Auf dem Weg in die Innenstadt passieren wir die ersten der heutigen Checkpoints, jeder einzelne vielfach bewacht von Soldaten, an deren Oberkörper volle Magazine funkeln. Sie wirken im Umriss wie Stormtrooper. Unter Wassimis Sitz gibt es zwei getrennte Kassen: Eine für Snacks und eine für Bestechung. Doch nacktes Geld ist eine öde Sache, vor allem an Orten, an denen man nichts kaufen kann. Das Prozedere an den Checkpoints läuft daher wie folgt: Wassimi grüßt pazifistisch und überreicht dem ranghöchsten Stormtrooper Bargeld sowie unsere Pässe. Schaulustige, soeben noch im Phlegma und sehr baldigem Übergang zum Fossil, stürmen konzentrisch herbei, sie stellen Tee und ein Spielbrett auf. Oft Backgammon. Die Pässe werden so gut wie nie geöffnet. Man erliegt zunächst der blinden Logik, dass Wassimi unsere Weiterreise erspielen muss. Doch nach mehrfacher Wiederholung des Rituals an weiteren Checkpoints wird klar, dass der Spielausgang rein gar nichts bedeutet. Das Nadelöhr ist viel sinnvoller: Man muss schlichtweg als guter Mensch erscheinen, damit sie einen passieren lassen. Sie häuten Wassimis Wesen wie eine Zwiebel. Manchmal soll er einen Witz erzählen. Ein andermal Familienfotos zeigen. Formblätter sind Fingergymnastik für Weltfremde. Die Stormtrooper versuchen im Staub der Straße nichts Geringeres, als einem Fremden binnen Sekunden ins Herz sehen.

In der „Green Zone“, dem Bonn von Bagdad, da einst eingerichtet als sicheres Viertel für Regierungsgebäude, gehobene Hotels und Restaurants, nächtigen nur noch Diplomaten mit Bluthochdruck. Alle anderen, vor allem Geschäftsreisende aus der arabischen Welt, trauen sich längst in die übrigen Teile der Stadt. Dort gibt es auch um Längen mehr zu erleben. Auf meiner nächtlichen Suche nach Zucker schickt der Hotelrezeptionist mich insistierend ins benachbarte Casino. Hinter dessen bunter Schwingtür setzt ein apathischer Asiate beim Automatenroulette alle sechzig Sekunden 1000 Dollar. Seine Wetten flirren in Endlosschleife über das grelle Display. Auf spielende Kundschaft wartet tatsächlich ein Buffet. Da ich nicht spiele, mein Gastland mich vorerst gern haben soll und die örtliche Atmosphäre noch nicht hinreichend verprobt ist, trage ich eine einzelne Weintraube zum Barmann, um deren Preis zu erfragen. „Null“, entgegnet er lässig, „Du zahlst mit dem Glück, das Du jemandem bringst.“ Neben manchen Sätzen möchte man morgens aufwachen.

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Am nächsten Tag erkunden wir den Stadtrand. Dort liegt ein verwaister Jahrmarkt. Gelangweilte Jugendliche schälen sich sofort aus ihren Plastiksitzen und winken aufgekratzt. Man wolle für uns unbedingt das stillgelegte Riesenrad in Betrieb nehmen. Manche Formen der Gastfreundschaft sind Geste und Abgrund zugleich. Selbst Schuld, wir hätten ja auch schön nach Wuppertal fahren können. Nach solidem Ingenieurwesen sehnt man sich an diesem Ort vergebens. Die offenen Gondeln schwingen bedrohlich im Wind, wann immer Schrauben der Physik nachgeben, improvisiert man hier beherzt mit einer entgleisten Portion Bastelgips. Wer lebendig oben ankommt, dem eröffnet sich die fantastische Sicht über ganz Bagdad.

Einen ungefährlicheren Einblick in den irakischen Alltag bietet das beliebteste Shishacafe der Stadt, wo das dichte Gemurmel der Dominorunden immer wieder wellenartig anschwillt und sich wie eine eigene Form der Brandung an die schwerelosen Riffe aus Rauch legt. Der Ladenbesitzer Bassam zeigt mir auf seinem Telefon Fotos mehrerer Ehefrauen und sehr vieler Kinder. All das vollzieht sich seltsam unaufgeregt, von Prahlerei keine Spur. Auf seinem Gesicht ruht nur der Stolz, sie alle abgesichert und ins großfamiliäre Glück geführt zu haben. Bei tiefschwarzem Tee bleibt sein Durst nach Diskussion schier unstillbar. Er fragt mich nach Mercedes Benz, Amerika und schließlich Arjen Robben. „Der läuft wahnsinnig hässlich“, schieße ich wahrheitsgemäß aus der Pistole, „und wenn er immer über links dribbelt, warum hält ihn dann nicht endlich jemand auf?“ Ein Wortwechsel verblüffend befreit von Religion, Geschlechterrollen und Herkunft. Als ich später für einen tiefen Atemzug zurück auf die Straße trete, reicht Bassam mir einen Ring. „Das ist ein Antrag!“, untertitelt Wassimi grinsend. Schwebendes Standbild. Manchmal blinzelt das Leben wie ein Bandit. Dann greift der Ehe-Enthusiast einen Apfel vom Obsthändler neben sich und hält ihn mir ebenfalls hin. Ringe sind relativ. So ein Übersprungsapfel bleibt unvergesslich. Ich küsse ihn blitzschnell auf die Wange und laufe davon. Ein guter Moment, um Bagdad mal für ein paar Tage zu verlassen.

Auf dem Weg ins südliche Basra passiert man zunächst die wichtigsten religiösen Stätten des Landes: Nadschaf und Karbala. Die rund 80 Kilometer dazwischen pilgern Gläubige anlässlich des jährlichen Festes Arba’een, das in der westlichen Welt kaum bekannt ist. Rund 15 Millionen muslimische Pilger nahmen 2019 laut Angaben der New York Times daran teil. Nach Mekka pilgern nur halb so viele und wesentlich luftiger, weil über das ganze Jahr verteilt. Ich hatte in Bagdad keine Sekunde ein Kopftuch getragen. Die Grade weiblicher Verhüllung sind eine filigrane Materie im islamischen Raum. Die mit moralischem Dampf betriebene Befremdung der nicht-muslimischen Welt fungiert in dieser Sache oft als Wellness für das westliche Selbstbild. Ist Kleidung nicht ganz einfach eine empfindliche Modalität von Gemeinschaft, die mitnichten nur eine Religion bis zur Besinnungslosigkeit zu reglementieren weiß? Auch beim Oktoberfest oder in Bayreuth können achtlos kombinierte Accessoires der kraftvolle Stoß ins soziale Exil sein.

Im Irak jedenfalls leiht man sich als westliche Frau am Eingang einer Moschee einen Polyester-Chador, einen bodenlangen Überwurf also, der das Gesicht unverhüllt lässt. Die Frage, ob man muslimisch ist, solle an heiligen Stätten immer flunkernd bejaht werden, hatte Wassimi geraten, der wie alle Männer einen separaten Eingang zum Gebet nimmt. Die fortgeschrittene Frage, ob man dem sunnitischen oder schiitischen Lager gewogen ist, solle ich hingegen dringend mit einem überzeugenden Eindruck von Debilität abwehren, warnt Wassimi, bevor der Druck der Menge ihn fortträgt und schließlich verschluckt wie ein finsterer Strudel. In Karbala fiel der letzte Enkel des Propheten Mohammed in einer tyrannischen Schlacht. Hier sucht das Kontemplative noch seine Reinform. Mit Megafon bestückte Gläubige marschieren regelrecht. Im Gedränge der Eingänge kommt es manchmal zu Toten. Wann immer mein statisch geladenes Polyestergewand kurz den Blick auf den Haaransatz preisgibt, kassiere ich umgehend einen festen Schlag auf den Rücken. Stets von Frauen wohlgemerkt. Sie erscheinen als seltsam reale Rückseite der Mädchen, die am Morgen in entlegenen Dörfern ungläubig nach mir gegriffen hatten, als wäre ich ein Geist. Sie sahen zum ersten Mal rotes Haar.

Entlang der Fernstraße servieren Händler flambiertes Rührei. Der Begriff des Gewerbes ist im ländlichen Irak elastisch. Einmal besichtigen wir einen riesigen Stumpf aus Sandstein, wie ein Weisheitszahn ragt er in den Himmel. Drei Bewaffnete haben sich dort niedergelassen. Sie schützen ungefragt ein Relikt, das ihnen nichts sagt. Kniehohes Gras greift geduldig nach ihrer kleinen Hütte. Manchmal nehmen sie willkürlich Eintritt für den Zahn. An anderen Tagen wiederum ist er ihnen zu weit, der Weg aus dem Garten, wo gerade auf einem flackernden Fernseher „Tom und Jerry“ läuft. Die Männer schauen finster und feuern die Maus an. Ich setze mich bester Dinge daneben: Nur gute Menschen sind für Jerry. Die Mienen der Männer hellen auf. Selbstverständlich serviert man Tee. Und wie schon am Riesenrad von Bagdad bricht die Gastfreundschaft auch hier irgendwann krachend aus ihrer konventionellen Flugkurve: Ob die Lady ein Selfie mit dem Maschinengewehr möchte. Flirten für Fortgeschrittene. Kugelhagel statt Candlelight. Manchmal kapituliert man mit der Anmut eines gescheiterten Kindertellers.

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Die Wiege der Menschheit ist unausgeschildert. Irgendwann tun sich Babylons Eingangstor und die Stadtmauer mit ihren prachtvollen Reliefs wie von selbst am Horizont auf. Es gibt weder Warteschlange noch Souvenir-Shop. Die im dritten Jahrtausend vor Christus errichtete Stadt wurde jüngst als Weltkulturerbe eingestuft. Doch alles wirkt weiterhin wild und wohltuend unbewacht. Vorerst kaum Zäune oder Kameras. Man kann sich nur schlecht vorstellen, wie die UNESCO hier jemanden samt Klemmbrett und Aktenkoffer vorbei geschickt hatte, um ihn mit frisch geduschter Verve die kulturelle Güteklasse der Örtlichkeiten evaluieren zu lassen. Und wenn doch, wagte er dann auch den Weg hinüber in den Palast, den sich Saddam auf einem Hügel gleich nebenan hatte bauen lassen?

Dort kann man der irakischen Seele bei der Arbeit zusehen: Die Zimmer des Palastes sind ohne Aufsicht für jedermann begehbar. Kinder spielen Fußball in den Fluren, vor allem die Wände vom Thronsaal sind übersät mit Graffiti und im Schlafzimmer ziehen verschleierte Frauen ihre Männer kichernd am Ärmel. Die Menschen nehmen sich diesen Ort unaufgeregt zurück. Und wenn sie genug über den früheren Vorhof der Hölle flaniert sind, verspeisen sie draußen am verwitterten Pool mit gesundem Appetit mitgebrachten Proviant. Der Teufel ist vertrieben, doch sein Name liegt weiterhin auf vielen Orten wie ein ätherischer Schleier. Alle Darstellungen Saddams sind abgerüstet. Unweit Babylons hat angeblich ein einziges Denkmal überlebt, es geistert als Mythos durch die Nebenzimmer irakischer Teestuben. Touristen haben keine Chance, es zu finden. Dafür bräuchte man einen Höllenhund von Fahrer, der sich hinter seinem Schnauzbart nach sehr viel Boney M. und Baklava schließlich erweichen lässt. Es ist das letzte öffentliche Konterfei Saddams auf der Welt. „Ich weiß“, seufzt Wassimi, als wir davor stehen, „mein Land steckt fest: Saddams Haus, Saddams Boot, Saddams Joghurt!“

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Abgesehen vom Schiffsfriedhof, der wie die geprobte Apokalypse vor Basra liegt, ist das größte Abenteuer, das die Stadt bietet, die Bahnfahrt zurück nach Bagdad. Der Fahrkartenkauf ist eine Odyssey. Man braucht Codewörter und ein rhizomatisches Netzwerk unzähliger Cousins. Kurzum, man kommt rum. Am Bahnhof von Basra stehen zwei Halbstarke. Einer von beiden heißt Halim, der erzählt, dass er in Deutschland war. Ich halte es für einen seltsamen Zufall: Schon Wassimi hatte erwähnt, dass sein studierter Sohn kurze Zeit in Deutschland war, nach Job-Interviews der dritten Art jedoch blitzkuriert nach Dubai weiterzog. Halim hingegen bat in Deutschland um Asyl. Mehr als anderthalb Jahre hatten er und zwei Freunde in einem Auffanglager bei Frankfurt ausgeharrt. Er träumte von einem eigenen Taxi. Sein Finger zeichnet die deutschen Hochhäuser im Himmel von Basra nach. Sie warteten bis zur Besinnungslosigkeit. Kauften ein. Sahen fern. Er hätte noch nie so viel geraucht. Sein Leben lag vor ihm wie eine leere Landschaft. Irgendwann ging die Hoffnung nach Hause. Sie reisten freiwillig zurück nach Basra.

Halim ist nicht allein. Er steht für den toten Winkel der Debatte: Setzt man die Zahl jährlicher Asylanträge ins Verhältnis zu den freiwillig ausreisenden Bewerbern, so zeigt sich, dass seit 2017 jeder zehnte Asylbewerber Deutschland vor Ende des Verfahrens von sich aus wieder verlässt. Die Dunkelziffer liegt weit höher, denn der Anteil erfasst nur jene, die die Behörden involvieren, um den Rückflug und das schmale Startgeld von 500 Euro zu beantragen. Wir bestehen auf Macchiato mit Mandelmilch und rasten aus, wenn das W-Lan nur drei Balken hat. Selbstsucht ist unser Cardio. Auf die wahren Sorgen der Welt werfen wir Geld. Mittlerweile haben neben EU und Bund sogar Bundesländer eigene Programme als Anreiz zur freiwilligen Rückkehr aufgelegt. Details kursieren im Internet unter dem dröhnenden Refrain „Build Your Future“. Viel Future ist für Halim in Basra erstmal nicht in Sicht. Gelegentlich hilft er seinem Onkel auf dem Bau.

„Gute Fahrt!“, ruft er mir lachend nach, als ich schließlich in den Nachtzug steige. Halim wird Basra vermutlich nie mehr verlassen. Ich sehe ihn an und schäme mich. Für eine seltene Sekunde bin ich sein Scheitern. Wir reduzieren uns viel zu oft widerwärtig routiniert auf Durchreisende der Verhältnisse, die wir in Wahrheit verantworten. Politik ist der letzte Ort, an dem der Mensch sich selbst als Tourist sieht. Die dunkle Landschaft gleitet am Fenster vorbei. Irgendwann wird es Morgen. In Bagdad besiegelt ein letztes Rührei das Abenteuer.

Auf dem Rückflug wird jemand in den vorderen Reihen einen Infarkt erleiden. Notlandung für die letzte Reise eines Fremden. Und während ein westlicher Geschäftsmann sich seine Ungeduld raumgreifend von der zerbrochenen Seele seufzt, werde ich an die Stormtrooper im Staub der Straße denken. Der Blick ins Herz bleibt ein Wagnis. Und manchmal fällt er ins Leere.

*Alle Namen geändert

15:45 29.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Franziska Seewald

Covfefe ... Auf dem Bärenfell bitte mal kurz in Aktionismus verfallen.
Franziska Seewald

Kommentare