Lichter in der Dunkelheit

Menschsein Was ist der Sinn des Lebens in einem grenzenlosen Kosmos voller toter Materie? Ein fiktiver Erzähler gibt seine ganz persönliche Antwort
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Lichter in der Dunkelheit
Es dauerte nicht lange, und ich spürte, dass da ein menschliches Wesen war, das mich besonders anzog

Foto: Mark Kolbe/Getty Images

Als ich noch ein Kind war, hatte ich das unschätzbare Glück, zu Hause wohl behütet aufzuwachsen. Meine Eltern und meine Großeltern sorgten liebevoll für mich, und meine älteren Geschwister gaben auf mich acht. Sogar die Nachbarn passten auf, dass mir nichts geschah, wenn ich wild durch die Gegend tollte.

Ich war wie ein kleines Licht, das im Kreise größerer Lichter lebte. Die großen Lichter beschützten das kleine Licht vor dem Wind und vor der Kälte, damit es nicht ausging. Sie beschützten es vor der Dunkelheit, die ein kleines, unscheinbares Licht nur allzu leicht verschlingt. Aber weil das kleine Licht so gut beschützt wurde, wurde es größer und größer, es leuchtete heller und heller, und es verdrängte immer mehr die Dunkelheit.

So wurde aus dem kleinen Licht irgendwann ein Großes, aus dem Kind wurde ein Erwachsener. Von Neugier und von Lebensdurst erfüllt, ließ ich das geborgene Zuhause meiner Kindheit hinter mir, um eine mir unbekannte Welt zu entdecken. Ich kam viel herum, lernte viele Menschen kennen. Und überall fand ich Freunde, mit denen ich mich zusammen tat. Gemeinsam tauchten wir die Welt in unser helles Licht.

Es dauerte nicht lange, und ich spürte, dass da ein menschliches Wesen war, das mich besonders anzog. Ich konnte es nicht erklären. Es war ein wunderbares, noch nie gekanntes Gefühl, das mich ganz und gar erfüllte. Wir verstanden uns einfach, ohne dass jemand etwas sagen musste. Es war wie eine Seelenverwandtschaft. So oft es ging, waren wir zusammen, wir konnten gar nicht mehr ohne einander sein. Wir leuchteten, als wenn wir eins wären, ein großes Licht. Und doch waren wir zwei Lichter, die wie eines brannten.

Eines Tages war dann da dieses kleine Licht, es war in unserer Mitte, so klein und unscheinbar, als könnte es jeden Moment flackern und wieder verlöschen. Doch wir beschützten es mit unserem Leben, wir beschützten es vor dem Wind, der Kälte und der Dunkelheit. So wurde das kleine Licht stärker und heller und schickte mit einem fröhlichen Lachen sein Licht in die Welt. So wie ich, als ich noch ein Kind gewesen war.

Das alles ist schon fast ein ganzes Leben her. Jetzt bin ich schon alt, mein Licht wird schwächer, manchmal flackert es schon, und irgendwann wird es verlöschen. Noch leuchtet es. Aber das wird nicht immer so bleiben. Irgendwann muss es ausgehen. Das ist der Lauf der Welt. Aber ich bin nicht traurig darüber. Ich hatte eine gute Zeit auf diesem kleinen Planeten. Und ich habe versucht, meine Zeit zu nutzen. Ich habe versucht, ein gutes Leben zu führen. Es ist mir nicht immer gelungen. Ich habe gelernt, dass nicht immer alles gelingen kann. Doch im Großen und Ganzen bin ich zufrieden.

Je älter ich geworden bin, desto mehr habe ich darüber nachgedacht, was das Wichtigste ist im Leben. Was ist der Sinn des Lebens in einem anscheinend grenzenlosen Kosmos, der erfüllt ist von dunkler, kalter, toter Materie? In einem Kosmos, dessen sichtbarer Teil allein schon hundert Milliarden Galaxien enthält, von denen jede einzelne hunderte von Milliarden Sternen umfasst? Was ist das Wichtigste in einem Kosmos, in dem es zwar Inseln gibt, die von Lebewesen bevölkert werden, unter denen aber ein großes Fressen und Gefressenwerden herrscht?

Eine Zeit lang dachte ich, das Geistige sei das Wichtigste in einer solchen Welt. Das Geistige, also das bewusste Erleben, das Denken und Fühlen, lässt die Lebewesen, die dazu befähigt sind, über den materiellen Kosmos hinauswachsen. Auf geheimnisvolle Weise entsteht aus der Materie eines Nervensystems und den elektrischen Signalen, die darin hin und her fliegen, bewusstes Erleben. Es ist eine völlig neue Qualität in einem ansonsten unbewussten Kosmos. Dabei vollzieht sich dieses Wunder nicht nur bei uns Menschen. Die Vorstellung, dass das Geistige erst mit den Menschen die Bühne der Welt betreten haben soll, habe ich noch nie für besonders glaubhaft gehalten. Das bewusste Erleben, das Fühlen, ja vielleicht sogar das Denken ist in der einen oder anderen Form auch im Tierreich verbreitet. Davon gehe ich jedenfalls aus. Wenn etwa ein Hund jault, weil ihm jemand auf die Pfoten tritt, dann fühlt er auch den Schmerz; sein Jaulen ist nicht einfach bloß eine leere Fassade, wie mancher große Denker noch geglaubt hat. Doch auch wenn das Geistige weiter verbreitet ist als gemeinhin gedacht, so ist es dennoch höchst vergänglich und flüchtig. Das Geistige reicht über den Körper hinaus, aber es ist doch an ihn gebunden, noch viel mehr, als eine Software an eine Hardware gebunden ist. Ohne einen Körper, ohne ein Nervensystem, ohne eine wie auch immer geartete Grundlage kann das Geistige nicht existieren. Wenn der Körper endet, endet daher auch der Geist.

Ich halte nach wie vor das Geistige für eines der wichtigsten und rätselhaftesten Dinge im Kosmos. Es gibt zwei große Rätsel, vor die uns der Kosmos stellt. Zum einen: warum existiert überhaupt etwas, warum ist nicht einfach nichts? Und zum anderen: wie kann in einem Kosmos, der allem Anschein nach von Naturgesetzen beherrscht wird, so etwas wie das Geistige überhaupt existieren? Ist das bewusste Erleben das Werk eines Gottes, oder das Produkt einer naturgesetzlichen Evolution, deren Gesetze wir nur nicht verstehen, oder, wie manch einer meint, einfach nur eine Illusion? Wir werden es wohl nie ganz sicher erfahren.

Doch so wichtig das Geistige in meinen Augen auch ist, ich habe mit der Zeit gelernt, dass es etwas noch Bedeutenderes gibt. Denn das Geistige, gerade das Geistige, kann auch ein Ort der Finsternis sein. Ein Ort der Unmenschlichkeit und der Barbarei. Auch die Gewalt und der Krieg sind Produkte des Geistes. Doch zum Glück gibt es in unserem Geist noch etwas anderes, etwas, das die Finsternis vertreibt, das die Welt als Ganzes, die Welt der Materie und die Welt des Geistes, zu einem lebenswerten Ort macht. Und das ist die Menschlichkeit. Sie ist das Einzige, wofür sich das Menschsein lohnt. Nicht die Materie, nicht der Besitz, nicht die Macht. Das Licht der Menschlichkeit ist das Wichtigste in einem Kosmos der Dunkelheit.

Deshalb trage ich mein Licht jeden Tag aufs Neue in die Welt hinaus, solange ich noch kann. Wenn mein Licht einmal verloschen ist, das ist mein Trost, werden noch viele Lichter dort draußen bleiben, die weiter die Welt in ihr Licht tauchen werden, die das Dunkel vertreiben. Und auch mein eigenes Leben leuchtet noch nach, selbst wenn meine Flamme schon verloschen ist. Durch das, was ich hinterlasse, durch mein Kind und dessen Kinder, durch das, was ich ihnen vorgelebt habe, durch meine Gedanken, durch meine Liebe zu den Menschen.

Ja, wenn ich es recht bedenke, liebe ich die Menschen. Wenn sie es mir auch nicht immer ganz leicht machen, mit den Dummheiten, die sie Tag für Tag begehen. Trotz allem liebe ich sie. Ich liebe sie für die Menschlichkeit, die sie in sich tragen. Ich liebe sie für das Licht, mit dem sie die Dunkelheit vertreiben.

Erstmals veröffentlicht auf bergpostille.de

18:35 19.04.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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