Von Affen und Menschen

Abstammung Wir sollten unsere Zugehörigkeit zur Familie der Menschenaffen endlich ernst nehmen. Wir könnten einiges daraus lernen. Einige persönliche Anmerkungen.
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Wie uns die Biologie lehrt, ist der Mensch eine Art von Affe. Schimpansen, Gorillas, Orang-Utans, Menschen — wir alle gehören zu einer großen Familie, zur Familie der Menschenaffen. Als solche teilen wir gemeinsame Vorfahren, uns verbindet eine gemeinsame Geschichte. Lange Zeit über waren wir eins. Erst vor wenigen Jahrmillionen haben wir damit begonnen, verschiedenen Ästen auf dem Baum des Lebens zu folgen, uns in verschiedene Richtungen zu entwickeln. Erst durch die Evolution sind wir so verschieden geworden, wie wir heute sind.

Nun hat bei uns ein Affe — wer würde das bestreiten? — keinen besonders guten Leumund. Wir sind nicht stolz auf unsere Herkunft. Nur zu gerne verdrängen wir unsere Entwicklungsgeschichte. Und wollen von unseren ungeliebten Verwandten, die uns an unsere Abstammung erinnern, nichts wissen. Aber warum eigentlich? Ein Affe zu sein ist an sich nichts Schlechtes. Es ist auch nicht per se etwas Gutes. Es ist weder das eine noch das andere. Es ist eine Mischung von beidem. Eigentlich ist es ganz einfach: als Affen haben wir eine gute und eine schlechte Seite. Wir können liebevoll und fürsorglich sein, aber auch gnadenlos und brutal. Wir können Rücksicht nehmen auf andere, mit denen wir zusammen leben, oder kaltblütig andere unterdrücken und uns zum Oberaffen machen. Und das ganze Spektrum dazwischen beherrschen wir auch.

Warum sind wir also nicht einfach einmal ehrlich miteinander und akzeptieren ausnahmsweise unsere Herkunft? Und wenn wir uns schon einig sind, dass wir alle Affen sind, dann fragen wir uns doch einmal: was für Arten von Affen sind wir?

Ich selbst mache einfach mal den Anfang. Was für eine Art von Affe bin ich? Ich bin weder ein guter noch ein schlechter Affe. Wie alle anderen bin auch ich eine Mischung aus beidem. Aber bei allen Unzulänglichkeiten, bei allen Fehlern, die ich immer wieder begehe, und über die ich mich hinterher ärgere, bemühe ich mich doch, mit meinen Mitaffen einen rücksichtsvollen Umgang zu pflegen. Nicht zuletzt bin ich ein Affe, der hofft. Wider alle Lehren aus der Geschichte hoffe ich darauf, dass es uns irgendwann einmal gelingen wird, aus unserer Vernunftbegabung mehr zu machen als nur ein Mittel, um uns zu bereichern. Dass wir es schaffen, die guten Lebensbedingungen auf der Erde und damit unsere Lebensgrundlage auf Dauer zu erhalten. Und dass es uns doch noch gelingt, miteinander auszukommen, ohne dass wir uns gegenseitig die Schädel einschlagen.

Und was ist mit meinen Mitaffen? Was für Affen sind sie? Was zum Beispiel ist mit dem amerikanischen Präsidenten? Was für eine Art von Affe ist er? Er ist leider keine Zierde seiner Art. Er glaubt, dass amerikanische Artgenossen mehr zählen als alle anderen, und er selbst am allermeisten. Dass man immer schön dick auftragen und die Wahrheit nur kräftig mit den Füßen treten muss, damit sich etwas in seinem Sinne bewegt auf dieser Affenwelt. Und als schöner Nebeneffekt sind ihm auch noch die begeisterten Ovationen seiner Gefolgsaffen sicher.

Und ein Tech-Unternehmer aus dem Silicon Valley? Was für ein Affe ist er? Er träumt von der nächsten großen Disruption, die den Affenmarkt von unten nach oben krempelt und ihm so viel Geld in die Taschen spült, dass er gar nicht mehr aufhören kann mit Lachen. Ihm ist völlig gleichgültig, dass der ökonomische Dschungel, der das möglich macht, auch Opfer fordert, dass so eine Disruption wie ein Erdbeben die ganze Welt erschüttert. Die Freiheit des Unternehmeraffen gilt ihm als heiligstes Prinzip. Und für ihn bedeutet Freiheit vor allem eines: frei zu sein von jeglicher Verantwortung und Rücksichtnahme gegenüber seinen Mitaffen.

Und in Deutschland? Was für Affen haben wir hier? Was ist zum Beispiel mit einem Rechtsextremisten? Er ist einer, der nur deutsche Artgenossen liebt und für alle anderen nichts als abgrundtiefen Hass empfindet. Den jegliche humanitäre Gefühlsduselei anwidert, während er völkische Gefühlsduselei toll findet. Einer, der von einem starken Führeraffen träumt, der den links-grün versifften deutschen Affenstall mal so richtig ausmisten soll.

Wenn ich an einen Gott glauben würde, würde ich zu ihm beten: Bitte, lieber Affengott, mach, dass die Herzlosen und die Dummen unter Deinen Geschöpfen nicht mehr länger die Oberhand behalten. Dass die Blutspur endlich endet, die sie seit Jahrtausenden schon durch die Affengeschichte ziehen. Dass es der Affenheit doch noch gelingt, ihre Lebensgrundlagen zu erhalten. Und dass wir es endlich — ENDLICH — ENDLICH schaffen, was so unerträglich schwer zu sein scheint: nämlich in guter Nachbarschaft miteinander zu leben.

Leider kann ich an einen gütigen Gott aber nicht glauben. Eher gibt es einen Gott, der mit den Herzlosen und den Dummen gemeinsame Sache macht, als einen, der Mitleid mit seinen Geschöpfen hätte. Es hilft alles nichts: wir Affen sind auf uns selbst gestellt und müssen unseren Affenladen selbst in Ordnung bringen. Keine höhere Macht wird uns dabei helfen. Keiner wird uns die Arbeit abnehmen. Nur wir selbst können es tun.

Das macht die Sache aber nicht hoffnungslos. Ganz im Gegenteil. Auch wenn es immer wieder Rückschläge gegeben hat und wieder geben wird, haben wir im Laufe der Jahrhunderte doch ganz beachtliche Fortschritte auf dem Weg zu einem respektvollen und friedlichen Miteinander gemacht. Eine bessere, friedvollere Welt ist möglich. Auch wenn sie noch in weiter Ferne liegen mag.

Was mir dabei besonders Hoffnung gibt: wir sind nicht allein. Die, die guten Willens sind, sind viele. Auf unserem Stolperweg durch das Labyrinth der Geschichte helfen wir uns einfach gegenseitig. Ich helfe Dir. Du hilfst mir. Zusammen sind wir stark, stehen füreinander ein, machen gemeinsam die Welt zu einem besseren Ort — Stück für Stück. So kann es am Ende vielleicht doch noch gelingen, dass wir einen Weg in eine friedlichere Zukunft finden. Dass wir das Beste aus unseren guten Seiten machen. Und unsere schlechten kontrollieren.

07:28 14.01.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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