Alles wird anders / Romanschnipsel Teil 2

Romanprojekt Ein weiterer Auszug aus dem aktuell in Arbeit befindlichen Roman über einen Leipziger Vermögensberater im Strudel der Machenschaften eines seiner Kunden.
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In der siebten Klasse schien ich verloren zu sein in den Untiefen meiner unausstehlichen Pubertät. Ständig saß mir der Alte im Nacken und ich versuchte ihn nach Kräften nicht zu provozieren, was mir selten gelang. In der Klasse gab es ein Mädchen, dem ich damals hoffnungslos verfallen war. Ich träumte in der Nacht von ihr, sah ihren blonden Schopf in Schwarz-Weiß und stellte mir vor, wie ich ihr Gesicht küsste. Ein charismatisches Alphaweibchen, mit Judo-Kenntnissen, dreizehn Jahre alt mit blondem, kurzgehaltenem, aber fülligem Haar, ein seltsames Wesen, das lieber mit älteren Jungen „abhing“, als mit gleichaltrigen Mitschülerinnen, das war sie. Sie füllte praktisch den gesamten Raum aus, wenn sie die Klasse betrat und ihren grünen Schulranzen in der einen und den blauen Turnbeutel in der anderen Hand hielt. Die Energie um sie herum war unbeschreiblich groß, wie mir schien. Oftmals schleuderte sie den Beutel mit den Sportsachen auf den Tisch von irgendeinem Jungen und der Streit begann, den sie immer für sich entscheiden konnte. Sie bot abenteuerlichen Sturm und die Sicherheit einer Brandung in einer Person - ich war fasziniert von ihr und fühlte mich magisch angezogen. Sie lebte damals mit ihrem Vater allein, da die Mutter bei ihrer Geburt starb. „Blutverlust, kein Wunder bei dem Riesenbaby“, meinte Henne, damals noch nicht Punker, mal lakonisch und grinste. Ihr Vater, ein grobschlächtiger, derber Mann, den der Tod seiner Frau nur noch unwirscher hat gedeihen lassen, hat sie dann wie einen Jungen erzogen und hat sie stark, unerbittlich und hart gemacht. Dieser Dorothea schrieb ich eines Tages ein Gedicht, obwohl ich es doch ahnte, dass das nicht gut gehen würde. Unverbesserliche Träumereien trieben mich an. Eigentlich schien es nur folgerichtig, dass mich dieses Mädchen zermalmen würde, wie eine dieser Ameisen, die sie am Rande des Schulhofes unter der Linde einmal wild umher tretend zu vernichten suchte. So war es dann auch: Den Zettel, auf dem ich ihr das Gedicht verfasste, gab sie mit einer mir zugewandten, erniedrigenden Geste an den Deutschlehrer, der das Ganze, ohne sich der verheerenden Wirkung seiner Handlung bewusst zu sein, vor der laut lachenden Klasse vorlas. Er bat sich Ruhe aus, was das Gelächter lediglich abdämpfen, aber nicht verstummen ließ und gab dann vor, meine Zeilen gut zu finden und begann zu allem Überfluss auch noch mich zu loben, für die eine oder andere Formulierung. Die Folge: Keiner meiner Mitschüler in der Klasse entzog sich dem kaum enden wollenden, verächtlichen Gelächter jenes Freitagmorgens, das mir noch lange Jahre im Ohr schallte. Mein Ruf, der ohnehin eher der eines Außenseiters war, schien fortan ruiniert, Rehabilitationsmöglichkeiten gleich null. Ich kehrte in mich, hatte auch später in den höheren Klassen keine Freunde außer Bolzer und Henne, zwei ältere Punker, denen ich mich anschloss. Bolzer hatte seinen Namen vom Fußball: Bevor er sich auf Saufen und Kiffen konzentrierte, hatte er in der Jugend richtig mitgespielt, trainiert und wollte auf die Sportuni in Leipzig. Er war wirklich gar nicht mal schlecht als Libero und beliebt bei allen und jedem. Henne dagegen hatte tausende Sicherheitsnadeln an seiner Lederjacke, hieß gebürtig Heinert. Selbst diese beiden Chaoten kannten die Geschichte mit dem Gedicht und zogen mich manchmal damit auf. Doch waren sie darüber hinaus schlichtweg gute Kumpels, mit denen ich allerlei Drogen- und Alkoholexzesse durchlebte. Solche Handlungen sind für einen Pubertierenden normal, nehme ich an. Mit Mädchen wollte ich bis auf Weiteres nichts zu tun haben, es war mir gar unangenehm, wenn mich mal eins dieser Wesen ansprach. Alles fand statt, als der große Umbruch kam. Die Leute liefen immer mehr auf die Straße, meistens Montags und knipsten der alten Republik das Licht aus. Ich dagegen freute mich auf nichts, denn ich hatte Pickel auf dem Rücken und im Gesicht. Henne hatte eine Flasche Jägermeister von irgendwo her „organisiert“, wie er sagte. Wir tranken sie und wie durch ein Wunder bekam ich keine Prügel, den der Alte hatte mit sich zu tun, oder besser, mit seinen Akten. Die mussten weg.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.novolit.de.

Fred Thiele wurde 1977 bei Leipzig geboren und wuchs in der Leipziger Tieflandsbucht zwischen den Braunkohletagebauen der zusammenbrechenden Diktatur des Proletariats auf. Erste schreibende Betätigungen unternahm er bereits während der Schulzeit, als die Wende über das Land kam. Ab 2000 entstehen Gedichte und Kurzgeschichten, die einen Ausgleich zum Studium an der Jenaer Universität bilden. Die 2007 begonnene Novelle "Die Überzeugung" erschien im Mai 2011 im Selbstverlag und bildete die erste Veröffentlichung von Fred Thiele. Der Autor arbeitet als Informatiker und lebt mit Frau und Tochter im thüringischen Jena. In seiner Freizeit arbeitet er an Kurzgeschichten und an einem weiteren Romanprojekt.

07:16 03.08.2012
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Geschrieben von

Fred Thiele

„Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht. Doch können Worte uns zu Taten führen.“ (Friedrich Schiller)
Fred Thiele

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