Die Leiche im Plattenbau / Fliegers Erbe

Romanprojekt Niko ist ein aufstrebender Vermögensberater, der in den Strudel der Machenschaften eines seiner Kunden gerät. Auszug aus dem in Arbeit befindlichen Roman.
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Meine Eltern dösen heute in ihrem Plattenbau in Leipzig in den Tag hinein. Seit über drei Jahrzehnten haben sie sich nun schon dort festgesetzt und werden mit Sicherheit auch dort enden. Kurz vor ihrem Umzug in die Platte bin ich Mitte der Siebziger zur Welt gekommen. Im grün eingeschlagenen Familienbuch steht mein Name „Hans Nikolai Reimer“ eingeschrieben, abgestempelt mit dem Siegel einer Republik, die es nicht mehr gibt. Das macht nichts, denn alle nennen mich sowieso nur „Niko“. Meine ältere Schwester heißt Maria. Sie war auch der Grund für die Heirat meiner Eltern in den späten Sechzigern, wenige Wochen, bevor die Schwangerschaft meiner Mutter endgültig sichtbar wurde. Der kalte Atem jener grauen Blöcke quillt für mich auch heute noch durch die bunten Anstriche, die man ihnen nach der Wende gab. In diesem Umfeld wuchs ich auf, tat meine ersten Schritte unter den Wäscheleinen hinter dem Block, rauchte meine erste Zigarette im Alter von neun Jahren, übte meine ersten Gehversuche mit Mädchen, natürlich durchweg Fehlschläge und ich sah, wie Jochen Flieger starb. Er bewohnte denselben Block der Marke „Wohnbauserie 70“ wie wir, hatte allerdings eine Wohnung unterhalb des Daches in der elften Etage. Ich kam von der Schule nach Hause. Es war ein schwüler Sommertag, erdrückend und erschöpfend für alles und jeden. Ein Tag, an dem wir Hitzefrei bekamen, weil es so grässlich heiß war und selbst die Lehrer unter der Sonneneinwirkung in der sozialistischen Plattenbauschule Nr. 84 litten. Ich hörte zuerst einen Schrei. Vielmehr schien es ein Kreischen zu sein, dem die plötzlich hereinbrechende, schockierende Gewissheit des Unabwendbaren innewohnte. Dann folgte ein dumpfes Klatschen. Als ich zu unserem Block lief, wo ich die Herkunft des unheimlichen Ereignisses vermutete, lag dort ein zerbrochener Menschenhaufen. Mir wurde umgehend übel und ich spürte, wie die Unsicherheit meine Beine hinab kroch. Was ich gesehen hatte, hatte ich gesehen. Das war nun nicht mehr rückgängig zu machen. Es war zu spät. Ich stand da wie gelähmt und hielt den Atem an. Fliegers Kopf war eigenartig deformiert und sein dunkel-roter, beinahe schwärzlicher Inhalt lief quer über das sachte Gefälle der Gehwegplatten herunter. Dann kamen aufgeregt Leute aus unserem Eingang und aus anderen Richtungen herbeigerannt. Einer von ihnen ergriff mich, hielt mir die Augen zu, drehte mich um und wollte mich sodann wegschicken. Ich hörte mich stottern: „Aber, aber ich wohne doch hier.“ Einer der Herbeigeeilten fuchtelte mit den Armen und rief: „Das ist der Junge vom ABV. Weg mit dem. Ab ins Haus.“ Der Mann geleitete mich um Fliegers Leiche herum und versuchte mit seinem Körper das Sichtfeld auf die Überreste zu blockieren. Um den Toten herum bildete sich eine Traube aus Sattsehern. Zuletzt bemerkte ich, wie eine Nachbarin von uns, nicht mehr in den besten Jahren, in die Hocke ging, sich auf ihre von der bunten Dederon-Schürze bedeckten Knie stützte und sich schließlich lautstark in die Hecke erbrach. Dann schloss sich die Tür vor meinen geweiteten Augen.

Ausgerechnet Jochen Flieger, mit diesem Namen. Der Mann war knapp fünfzig gewesen, hatte ein starkes Alkoholproblem und ein weiteres mit der allgegenwärtigen Partei. Etliche Spekulationen um das Ereignis entstanden in der Folgezeit. Flieger habe angeblich nur Fensterputzen wollen, sei ausgerutscht und ist dann unglücklich herausgefallen, sagten die einen. Er hätte einen Sonnenstich gehabt, wegen der Hitze, meinten andere. Einige Wenige flüsterten hinter vorgehaltener Hand, Flieger hätte damit gegen die Kommunisten demonstrieren wollen. Schnell wurde ein Bezug zu Pfarrer Brüsewitz aus Zeitz hergestellt. Der war ja angeblich auch verrückt, schrieb zumindest das „Neue Deutschland“ damals. Der Pfarrer hatte sich rund ein Jahrzehnt zuvor im August 1976 öffentlich selbst verbrannte. Seine Überwacher hatten dessen Transparent schneller entfernt, als sie seinen mit Benzin getränkten Leib zu löschen vermochten. Flieger allerdings war zu sehr, zu oft vom System gebrochen worden, als dass er für solch eine Aktion den letzten Mut hätte aufbringen können. Dass er keinen Protest inszenierte, wusste ich instinktiv. Er war schlichtweg betrunken aus dem Fenster gestürzt. Manchmal kommt der Tod eben leichtfüßig und banal daher und überrumpelt die Betroffenen schlagartig. Aus der Blutlache wurde in den folgenden Tagen ein bloßer, schattiger Fleck, dessen Sichtbarkeit jedoch noch ausgesprochen lange erhalten blieb. Erst spät in diesem Jahr wurde er vom Herbstregen vollständig weggewaschen. Der Bruch zweier Gehwegplatten, resultierend aus dem Aufprall, aber nicht. Kein Tag verging, an dem ich die Überreste Jochen Fliegers nicht auf diesen Gehwegplatten liegen sah. Er verfolgte mich, wenn ich den Block verließ oder wenn ich zurückkam. Manchmal auch dann, wenn ich nachts schlief. In Angesicht des zerborstenen Körpers durchfuhren ihn unvermittelt nervöse Zuckungen, die den geschundenen Leib wie ferngesteuert aufrichteten, wobei sein Kopf des gebrochenen Halses wegen zur Seite auf die Schulter kippte. Er kommt auf mich zu, meinen Namen röchelnd, seine Arme scheinen mich greifen zu wollen. Dann wache ich angststarrend auf. Ich friere vor Angst, die feinen Härchen auf Armen und Beinen haben sich auf der Gänsehaut aufgerichtet. In meinem Hals klopft das Herz. Dann merke ich, dass ich eigentlich schwitze. Träume wie diese habe ich öfter. Die Leiche Flieger und die Platte gehören eben zu meinem Leben, ob ich will oder nicht.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf www.novolit.de.

Fred Thiele wurde 1977 bei Leipzig geboren und wuchs in der Leipziger Tieflandsbucht zwischen den Braunkohletagebauen der zusammenbrechenden Diktatur des Proletariats auf. Erste schreibende Betätigungen unternahm er bereits während der Schulzeit, als die Wende über das Land kam. Ab 2000 entstehen Gedichte und Kurzgeschichten, die einen Ausgleich zum Studium an der Jenaer Universität bilden. Die 2007 begonnene Novelle "Die Überzeugung" erschien im Mai 2011 im Selbstverlag und bildete die erste Veröffentlichung von Fred Thiele. Der Autor arbeitet als Informatiker und lebt mit Frau und Tochter im thüringischen Jena. In seiner Freizeit arbeitet er an Kurzgeschichten und an einem weiteren Romanprojekt.

13:24 13.07.2012
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Fred Thiele

„Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht. Doch können Worte uns zu Taten führen.“ (Friedrich Schiller)
Fred Thiele

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