Fragmente: Filterlos

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Kurzgeschichte/Fragment von Fred Thiele

Auf der Straße treffe ich einen seltsam gekleideten Mann, der mich anspricht, um nach Feuer für seine filterlose Selbstgedrehte zu bitten. Was habe ich schon dabei zu verlieren, dem heruntergekommenen Zeitgenossen auszuhelfen? Auch scheint mir der Geruch eines Obdachlosen, die gelblichen Finger, das schlohweiße, strähnige Langhaar und die verschlissene Kleidung nicht sonderlich suspekt, nicht mal aufregend oder abstoßend vorzukommen. Was ist mir die Welt an diesem Nachmittag mit ihren Besonderheiten und Absonderlichkeiten egal! Ich lasse eine Floskel über »dicke Wolken am Himmel« vom Stapel. Er greift sich den Faden und redet von Regenwetter, das bald aufziehen müsse, während ich ihm das Benzinfeuerzeug anzünde und es ihm herüberreiche. Schließlich flögen die Vögel tief und wie zum Beweis schreckte ein Schwarm Schwalben über uns hinweg. Genüsslich pafft er sein derbes Kraut an; es erinnert mich an die bleiern liegende Kindheit, als wir am Karpfenteich hinterm Wäldchen die Schilfrohrbomben geraucht haben, nicht ohne natürlich einen mächtigen Dünnpfiff zu bekommen und dann mächtig Ärger mit dem Alten zu haben, weil der halbe Wald abgefackelt war. Niemand bekam es damals mit, also was soll's. Nur meine Ehrlichkeit, und der beißende Geruch nach Rauch, waren es, die mir die seinerzeit größte mir bekannte Prügel einbrachte, die ich je ertragen musste. Mutter schaute weg oder stellte sich auf die Seite des Alten und fluchte wehleidig über die missratenen Söhne. Mein Bruder lebt heute einsam auf Rügen vor Hiddensee, wo er ein Haus gebaut und ein Zweites gekauft und zur Vermietung freigegeben hat. Handwerklich hat er sich auf die Rethbedachung der dortigen Rügenhäuser spezialisiert und mir fällt nun erst auf, dass es da vielleicht einen Zusammenhang mit unserem Rauchen am Teich geben könnte. Er hat es zu etwas gebracht, denke ich, und als ich die paffende verlorene Seele vor mir sah denke ich, dass mein Leben ja auch nicht ganz so sinnlos sein dürfte. Relativierungen dieser Art stehen mir aber nicht zu, ermahne ich mich gedanklich und so brüte ich weiter über meinen leeren Lebenswandel daher. Wir sind Brüder ohne Frauen! Beide sind wir Männer ohne Sex, Jungen ohne Spielzeug, Embryonen ohne Nabelschnur. Der Typ dampft qualmend ab, nachdem er sich ausgiebig, beinahe überschwänglich bedankt hat. Keine Ursache, Alter! Ich gehe weiter, schlappere mit meinen Seibels auf dem Boden entlang, der Mantel ist leicht geöffnet. Am Morgen schien es zu kalt, jetzt erst bemerke ich den Betrug.

Dieser Artikel wurde zuerst auf www.novolit.de veröffentlicht.

07:44 25.06.2011
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Geschrieben von

Fred Thiele

„Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht. Doch können Worte uns zu Taten führen.“ (Friedrich Schiller)
Fred Thiele

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