Hinter der Mauer ist vor der Mauer

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Eine persönliche Note zur sterbenden Arbeiterrepublik und wie ihre in einer Mauer eingefangene Leichenblässe auf das übriggebliebene System des Kapitalismus übergriff, als diese Mauer fiel. Und eine kleine Erinnerung an die Diktatur des Mangels, der man mit der Suche nach dem Besonderen entgegentrat.

Innerhalb der von einer Mauer umgebenen Republik strömte das Blut des Lebens verlangsamt durch die marode Infrastruktur. Die Leichenblässe zog sich durch die Straßen der verwahrlosten und geschundenen Städte. Der Mangel manifestierte sich an den bröckelnden Fassaden und in den weithin uferlosen Augen der Menschen, die vor den leeren Geschäften um Besonderheiten anstanden. Eine Szene, wie sie in ihrer fatalen Logik alltäglich war in der altersschwachen Arbeiter- und Bauernrepublik, die sich starrsinnig wie eh und je während ihres letzten Jahrzehnts endgültig abschaffte. Sie standen vor diesen Läden, in denen es Nichts gab. Und aus diesem Nichts wollten sie etwas machen. Unvernünftig. Biegsam. Unzerbrechlich. Jemand sagte, es gäbe Südfrüchte dort. Etwas Besonderes. Die Freundin der Freundin kenne eine HO-Mitarbeiterin, die es ihr mit dem Zeigefinger auf dem Mund gesagt habe: „Psst. Aber behalt das für dich!“ Auch aus einer falschen Prämisse kann man das Richtige schließen, sagt die Logik und so standen sie an und harrten widerspenstig aus, bis sie die Ausverkaufsmeldung für die strohigen Apfelsinen aus Kuba oder die harten, grünen Bananen aus Mosambik erreichten, während noch etwa zwanzig Leute vor ihnen in der Reihe standen. Fluchen. Entmutigung. Heimtrotten. Hinter dem Schwank des Wimpelelements lauerte der Jagdinstinkt auf das Besondere. Die Katze lässt offensichtlich das Mausen nicht - auch wenn man sie kastriert, will sie noch spielen. Der böse Westimperialismus der noch böseren Bonner Ultras, genannt B-B-N, sickerte auf dem bewährten Kanal der materiellen Sehnsucht in die Herzen der Ost-Bürger und fraß sich dort satt, bis kein Herz mehr für die Ideologie da war. Ein anderer Kanal, der „Schwarze Kanal“ half dabei, auf dem neuesten Stand zu bleiben. „A“ denken und „B“ sagen, die Unwahrheit hinter dem regelmäßigen ideologischen Einlauf durch Herrn von Schnitzler verfehlte sein Ziel an der Oberfläche nicht, aber selten drang es in die Region vor, die es erreichen wollte. Dort war nichts mehr, im Herz war kein Platz mehr für diese Ideologie. Jubelnde Hüllenmenschen säumten dieses Land. Nichts, was „von oben“ kam, nahmen sie „unten“ ernst und sagten „ja“ wenn sie „naja“ dachten. Sie, die an den Pioniernachmittagen oder den Brigadeabenden teilnahmen und gleichzeitig von den Bravo-Stars träumten oder die mit Luft aufgeblasene Zahnpastatube westlicher Herkunft ehrfurchtsvoll in den Badezimmerschrank stellten. Sie, die als Jugendliche und Kinder auf den Sportplätzen der Republik Meisterschaften, Bezirks- und Kreisolympiaden austrugen, um dort wenigstens das Besondere einer Platzierung zu erreichen. Die Ehre im sportlichen Ehrgeiz finden, fast wie die „Leistungsgesellschaft“, nur etwas anders. Ohne Geld. Gold war von Bronze kaum zu unterscheiden, am Besten sah Silber aus. Die Medaillen waren aus Aluminium, doch der Kampf um sie wurde ehrlich und beherzt geführt. Es war eben etwas Besonderes. Sie, die in der achten Klasse von einer Art politischer Kommissare dazu überredet werden sollten, das Heer der NVA mit Offizieren aufzurüsten; die nicht um den Gulag wussten, auf den sie sich für 25 Jahre verpflichteten. Sie, die übrigen jungen Männer, die zu dienen hatten, um jeden Preis. Achtzehn Monate in einer preußischen Fraktion der Roten Armee, mit eingeplanten menschlichen Verlusten, mit Knast in Schwedt, über den keiner zu reden vermochte. Im Zivilen: Die Jagd auf das Besondere, die bei dem Einzelnen die Bereitschaft weckte, sich zum Schergen zu machen. Zwei Ausweise in der Brusttasche, der eine zum Ausweisen und der anderen zum Vorzeigen bei einem Delinquenten, wenn es um „die Klärung eines Sachverhaltes“ ging. Wie reich mochte doch die DDR gewesen sein, sich einen solchen Spitzel- und Überwachungsapparat, eine solch hochtechnisierte, nachrichtendienstliche Versorgung leisten zu können, die einst Berija, dem Chef des KGB in der Sowjetunion die Freudentränen in die Augen getrieben hätte. „Schild und Schwert der Partei“ nannten sie sich, gegen das eigene Volk, gegen die Vernunft, gegen den wahrhaftigen demokratischen Sozialismus verteidigten sie den alterstarrsinnigen Stalinismus, den autoritären Polizei- und Überwachungsstaat. Nicht wenige machten mit, machten sich zum Täter, denn es gab Vergünstigungen, Belohnungen, eben Besonderheiten.

Es gab in diesem Land nichts zu verteidigen. Nicht mehr. Zu starr und unbeweglich waren die Köpfe der alten Männer, die die Zieh- und Vetternwirtschaft blühen ließen. Unter dem SED-Parteisymbol, auf dem zwei ineinandergreifende Hände die Zusammenführung von KPD und SPD in der Sowjetzone darstellten, verstanden nicht wenige das Prinzip von „eine Hand wäscht die andere“. Auch wenn man den Generalisierern der Totalitarismusforschung die Gleichbehandlung von NSDAP- und SED-Staat nicht unreflektierend folgen sollte, so kommt unweigerlich der Spruch von Buchenwald in den Sinn. „Jedem das Seine.“ Die „Firma“, wie die DDR von vielen genannt wurde, machte endlich bankrott. Nicht zwangsläufig wirtschaftlich, aber doch politisch, psychologisch, emotional und wurde überrannt vom Imperialismus des Westens, das große materielle Vakuum wurde befüllt und in seinem Schlepptau ein ebenso altersschwaches System über das vormalige gestülpt. Das System des Kapitalismus, das heute ebenso auf dem Sterbebett liegt und seine schmerzlindernden Morphiumspritzen in Form von Billionen verabreicht bekommt und uns nun große Sorgen bereitet. Es gibt nichts, was wir für danach hätten. Hinter der Mauer ist vor der Mauer. Sie ist noch nicht gefallen, noch nicht richtig. Ein weiterer Schritt fehlt noch. Der übriggebliebene Kapitalismus hat die Leichenblässe der alten „Firma“ übernommen. Nicht nur in Deutschland, sondern weltweit.

18:35 12.08.2011
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Geschrieben von

Fred Thiele

„Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht. Doch können Worte uns zu Taten führen.“ (Friedrich Schiller)
Fred Thiele

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