Lesungen und andere Tiere

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Der Autor hat erste Lesungen zu seinem Buch gehalten und durfte einige, interessante Selbstfeststellungen über das Schreiben machen.

Die Lesungen waren ein wichtiger Markstein, geradezu eine Prüfung, für mich selbst. Ich habe lange gezögert, als ich die Einladungen, eine Lesung zu veranstalten, bekommen habe. Was sollte ich dort? Wie bekomme ich mein naturgegebenes Lampenfieber in den Griff? Wie funktioniert so eine Lesung eigentlich - was muss rein, was darf rein, was darf keinesfalls rein? Fragen über Fragen und die größte, scheinbare Hürde: Unsicherheit. Es ist jene Unsicherheit über das selbst Verfasste, ob es den Qualitätskriterien entspricht, die man sich selbst gegeben hat. Man kann sich zu Hause einschließen und vor sich hinwerkeln. Nichts nach draußen lassen. Oder man kann handeln.

1. Lehre: "Communication is king."

Eine Lesung schafft einen kommunikativen Raum, indem der Austausch über die Arbeit des Schreibers stattfinden kann. In ihm sind auch positive Töne vorhanden. Viel wichtiger jedoch sind die kritischen Standpunkte, die negativen Aufkommnisse von Menschen gegenüber dem gelesenen Text. Es sind Menschen, die du nicht kennst und denen du zuvor noch niemals begegnet bist. Menschen erhalten von dem Gelesenen einen bestimmten Eindruck und einige von ihnen sind auch bereit, diesen zu erklären. Ich habe solche Frontalangriffe in den Lesungen begangen und die Gäste gefragt, was sie gut fanden oder nicht so gut. Die Menschen sagen grundsätzlich nicht gern etwas Schlechtes über dich. Vor allem nicht, wenn sie dich nicht kennen oder du sie zuvor nicht extrem beleidigt hast. Also werden sie sich bemühen, dir ihre Meinung schonend beizubringen. Sie werden dies oder jenes an deiner Arbeit loben. Und dann sagen sie genau die Sachen, die du nicht hören willst. Und das ist genau der wichtigste Punkt: Was du nicht hören willst, ist genau das, was du dir selbst nicht sagen wirst. Was dir aber niemand sagt, über das kannst du nicht reflektieren und daran wachsen. Es muss nicht alles richtig sein, was der Zuhörer oder Leser sagt. Es ist höchst subjektiv und hängt auch mit dem gegenwärtigen mentalen Zustands des Leser höchstpersönlich zusammen. Aber wenn dir jemand seine ehrliche Empfindung sagt, dann musst du das ernst nehmen. Deshalb ist die Kommunikation der Schlüssel zur Verbesserung deiner Fähigkeiten.

2. Lehre: "Don't fear what you do. Fear what you don't do instead."

Keine Angst vor der Lesung. Viel mehr Angst sollte es machen, wenn du nicht zur Lesung gehst. Für den normalen Menschen ist es ein Problem, sich vor anderen zu produzieren, ihnen was erzählen zu wollen. Auch ich fühle mich unwohl, gehemmt und bin vor einer Lesung angefüllt und durchdrungen von Gedanken, was denn alles schief gehen könnte. Es ist wichtig sich diese Fälle vorzustellen, sie zuende zu denken und sich dann auf den Normal-Fall zu konzentrieren. Im Grunde gibt es nur zwei Fälle, die von Bedeutung sind, den Super-Gau und den Normal-Fall. Dann wollen wir den Super-Gau mal zu Ende denken: Beim Super-Gau werden die Leute wütend, buhen dich aus, rufen dann die Polizei und/oder Zertrümmern die Einrichtung des Ladens vor Zorn und Wut über soviel Mittelmäßigkeit bzw. Unterdurchschnitt in deiner blamablen Vorstellung. Im Super-Gau gehst du anschließend mit tränenerstickter Stimme nach Hause und überlegst, wie du dem ganzen Treiben ein Ende setzen kannst. Dann erinnerst du dich an Pistole/Strick/Medikamente... Spätestens hier merkt man schon, dass diese Vorstellung des GAU unrealistisch und damit überflüssig ist. Der zweite Fall ist der Normal-Fall. Alles läuft normal. Was ist "normal"? Das lässt sich eben nicht so einfach erzählen, sondern muss durch eine realistische Zielgebung hergestellt werden. Man setzt sich ein Ziel, aber zum Beispiel nicht so etwas wie: "Ich möchte, dass dies ein schöner Abend wird und mich alle Lieben, morgen die Zeitungen über mich schreiben und ich reich und berühmt werde", sondern besser so etwas realistisches wie: "Ich möchte langsam und betont sprechen, und 2-4 Bücher verkaufen." Letzteres ist realistisch und durchaus schaffbar. Mit einem solchen Ziel kann der Abend auch durchaus wesentlich erfolgreicher werden, als das mit unklaren, abstrakten Vorstellungen jemals möglich wäre. Mehr noch: Keine schaffbaren, realistischen Ziele zu haben, wird einen negativen Ausgang des Abends kaum verhindern können. Also: Ziele kreieren, die schaffbar sind und keine Angst vor dem Publikum, sondern nur vor keinem Publikum.

3. Lehre: "Use your voice and listen to how it sounds when you read."

Ich habe keine Ahnung, warum ich die Lehren-Überschriften auf Englisch geschrieben habe, aber das macht nichts. Die dritte Lehre aus den Lesungen ist, dass es mir mehr bringt, meine Texte ein einziges Mal vor Publikum laut zu lesen, als wenn ich zehn Mal in hochkonzentrierter Athmosphäre über dem Buch gebeugt, still lese. Es ist noch einmal etwas anderes, wenn man laut vor sich her liest, ohne Publikum. Etwas ungewohnt ist es und erinnert an ein Selbstgespräch, aber schnell hat man sich daran gewöhnt. Der Punkt ist, dass die Athmosphäre des Raumes durch die Stille der Zuhörer, auch wenn das jetzt etwas spirituell klingt, energetisch aufgeladen ist. Diese Stille wirst du mit deiner Stimme brechen und die Laute, die dein Mund formt und in denen sich eine Charaktervorstellung formt, eine Handlung beginnt in Szene zu treten, eine bestimmte Welt zu leben beginnt, diese Laute liegen nicht ungehört im Raum. Instinktiv nimmst du dies wahr, doch diese Athmosphäre künstlich zu erzeugen klappt nicht immer so gut. Nutze die Zeit vor einer Lesung deshalb dazu, die Texte so auszuwählen, dass es eine Stringenz ergibt. Es ist nicht einmal wichtig, dass die für die Lesung ausgewählten Textpassagen dem entsprechen, was der geneigte Leser erfahren kann, wenn er das ganze Buch liest. Die Passagen sollten bestenfalls ein Gefühl vermitteln und eine Art Lockmittel darstellen, den Leser dazu zu bringen, doch einmal ins Buch zu schauen. Das kann nur so gut werden, wie du in der Lage bist, deine Texte dem Inhalt gemäß mit passender Geschwindigkeit und gut betont zu lesen. Das muss man üben. Mein Trick dazu ist, einfach das Mikro am Kopfhörer und einen Soundrekorder meiner Wahl für die Aufnahme zu benutzen. Nach dem Einsprechen hört man sich das ganze nochmal an. Oft werden dann die ersten Schwächen von zum Beispiel der Auswahl einer Passage im Zusammenhang mit anderen Passagen sichtbar, oder man merkt, wo man zu schnell liest und wo die Betonung besser gesetzt gehört. Man kann das üben und das ist kein Kunststück. Und dennoch bedarf es der Feuertaufe in einer Lesung vor realem Publikum.

Der hier gekürzte Artikel erschien zuerst auf www.novolit.de.

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15:31 15.12.2011
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Geschrieben von

Fred Thiele

„Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht. Doch können Worte uns zu Taten führen.“ (Friedrich Schiller)
Fred Thiele

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