Occupy Bologna - Bildungsökonomisierung und Orwell

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Ein Freund von mir wusste nichts damit anzufangen, was denn eine Arzthelferin mit gammelnden Studenten zu tun haben könnte. Eine Steilvorlage für einen Wutausbruch.

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Hintergrund: Ein in einem sozialen Netzwerk nichtgenannten Namens geposteter Schnappschuss, auf dem ein Spaßvogel unter das "H" eines Straßenbahnhaltestellenschildes in einer thüringischen Universitätsstadt das Wörtchen "Milch" geklebt hatte, ließ mich den folgenden zynischen Kommentar hervorbringen:

Das sind alles diese Gammelstudenten. Auf Kosten der Arzthelferin saufen die sich in der Nacht zu und machen dann solchen Unsinn. Unglaublich!

Nach einiger Zeit fragte mich der Freund, ein Student aus Moskau, was denn die Arzthelferin damit zu tun hätte. Ich hob an:

Das ist ein klassisches Beispiel der CDU und anderer, meist konservativer Politiker und Medien, um zu zeigen, warum sie Studiengebühren, Bildungskredite und andere privatwirtschaftliche Verschuldungsmechanismen im Bildungsbereich als Mittel zur Herstellung von Bildungsgerechtigkeit erachten. Da muss dann immer "die Arzthelferin" herhalten, die von ihrem knappen Gehalt das "Studium" von Studenten mitfinanzieren muss. Auch jener Studenten, die bereits aus wohlhabendem Haushalt stammen. Zugegebenermaßen sind das immer noch sehr viele. Aber keine Sorge, es werden weniger!

In Deutschland ist das tatsächlich so, dass der Zugang zu Hochschulen von den Verhältnissen im Elternhaus abhängt. Arme Kinder erhalten i.A. keinen oder nur erschwerten Zugang zu höherer Bildung, aus den verschiedensten Gründen, die man mal beleuchten sollte. Die Aufnahme eines Kredites zu Bildungszwecken zum Beispiel oder auch die pure Androhung einer Studiengebühr sorgt bei Menschen, die selbst keinen akademischen Hintergrund besitzen, als Hinderungsgrund dafür, ihren Kindern ein Studium oder auch nur eine gymnasiale Ausbildung zu ermöglichen. Das ist selbstverständlich nicht der einzige Grund. Man denke nur an das Experiment, bei dem die unterschiedliche Notenvergabe durch Lehrer an die identische Arbeit von Kindern mit unterschiedlichen Vornamen ("Maximilian", "Sophie" vs. "Kevin", "Joanne-Charleen") gezeigt wurde. Bildung ist ein Luxusgut und das soll möglichst von der Mehrheit ferngehalten werden, weil es angeblich nicht bezahlbar wäre. Nur eine Elite soll Bildung erhalten. Die übrigen dürfen sich einstweilen mit Dummfrass aus Hollywood, RTL2 und anderem Dreck vollfressen oder sich die Günter Jauche oder B*LD-Zeitungspropaganda in den Kopf stopfen. Alles mit der Gefahr sich letztlich von geistigen Brandlöchern zu Brandstiftern entwickeln. Zu hart? Ach was! 1984? Ignorance is strength! Freedom is slavery! War is peace!

Es gibt im Studium aber noch den Sohnemann, dessen Hauptbeschäftigung es ist, Sohn zu sein, der kann sein BWL oder Jura-Studium abgammeln, auf Kosten eben genannten "der Arzthelferin". Letzteres ist natürlich ebenfalls Populismus, selbst unter der fragwürdigen Annahme, dass es sich zum Beispiel bei Wirtschaftswissenschaften tatsächlich auch um eine Wissenschaft handelt. Da kann man nämlich auch darüber diskutieren. Während der Zugang von Menschen aus prekären Verhältnissen oder aus weniger begüterten Arbeiterfamilien zu höherer Bildung - statistisch gesehen - eher gering ausfällt, hofft man also damit offenbar bei jenen Besserbegüterten vermittels Studiengebühren Geld abzuschöpfen, das man dann wieder bei den Bankstern oder für Kriege und Waffen in alle Welt verbrennen lassen kann. Burn baby, burn!

Insgesamt also handelt es dabei um (zumeist konservativen) Populismus, der von der zunehmenden Ökonomisierung und mit ihr die Durchpeitschung europäischer Gleichschaltungsmechanismen (Bologna) an deutschen Universitäten ablenken soll. Oder das Deutschlands Freiheit mit Steuermilliarden auch am Hindukusch und am Horn von Afrika verteidigt werden muss. Als Nachgang ist das zu verstehen für einen Angriff auf zwei Türme in New York, für dessen Aufruf zur Erforschung der Umstände trotz der massiven Ungereimtheiten selbst anerkannte Wissenschaftler, Politiker oder Journalisten als Nestbeschmutzer oder Verschwörungstheoretiker diffamiert werden. Anderes und aktuelleres Beispiel für aktive, staatliche Geldverbrennung: Bankster machen von ihrem immensen lobbykratischen Einfluss auf Berlin, Brüssel und anderswo Gebrauch und bekommen hunderte Milliarden in den Rachen geschmissen. Es handelt sich dabei um Geld, dass sich der Staat von eben jenen Banken ausleiht, um es ihnen quasi als Geschenk zurückzugeben. Wer bezahlt das? Das berühmte 1% der Bevölkerung jedenfalls nicht. Die verbliebenen, ebenfalls zur Zeit sehr berühmten 99% allerdings schon, mit Sozialkürzungen, Privatisierungen, und eben auch der Selektion des Zugangs zu Bildungseinrichtungen bei gleichzeitigem Hochfahren innenpolitischer Sicherheitsmaßnahmen. Zu hart? Ach was! 1984? Ignorance is strength! Freedom is slavery! War is peace!

* Bild von Roman Matyushkin

10:30 14.11.2011
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Geschrieben von

Fred Thiele

„Das schwere Herz wird nicht durch Worte leicht. Doch können Worte uns zu Taten führen.“ (Friedrich Schiller)
Fred Thiele

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